ausdrucken

Publizierte Artikel

Artikel von Juli, 2003:

Auf kleinster Fläche eine ganze Existenz (Zofinger Tagblatt, 19. Juli 2003)

Samstag, 19. Juli 2003

Fredy Burckhardt und Regina König wirtschaften mit Ostfriesischen Milchschafen auf 2,6 Hektaren. Der Bund sagt, es brauche mindestens 30 Hektaren, um als Bauer Zukunft zu haben. Wenn man es geschickt macht, reichen auch 2,65 Hektaren. Fredy Burckhardt und Regina König machen es auf dem Betrieb Hasensprung in Ohmstal vor.

Mit einer Grösse von gerade einmal 2,65 Hektaren entspricht der Betrieb von Fredy Burckhardt und Regina König nicht den Vorstellungen der Agrarfunktionäre. Diese streben nach immer grösseren und moderneren Betrieben mit dem Ziel, die einheimische Landwirtschaft im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu machen. Die durchschnittliche Betriebsfläche liegt mittlerweile in der Schweiz bei rund 16 Hektaren. Der Bauernhof auf dem Hasensprung gehört also eher zu den Exoten unter den Vollerwerbsbetrieben.

Mit Schafkäse dem freien Markt ausgesetzt

Denn – unglaublich, aber wahr – das Ehepaar lebt tatsächlich von den Produkten, welche die 13 Milchschafe hergeben. «Ich verstehe nicht, weshalb der Staat Betriebe wie uns nicht haben möchte», wundert sich der 42-jährige Fredy Burckhardt, «schliesslich sind gerade wir mit unserem Schafkäse und den anderen Produkten zu hundert Prozent dem freien Markt ausgesetzt, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen in der Landwirtschaft.» Ausserdem erfülle der Betrieb den Verfassungsauftrag der Landwirtschaft, der schliesslich auch Punkte wie den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlage und die dezentrale Besiedlung des Landes beinhalte.

Nur auf den ersten Blick entspricht das Bauernehepaar dem Klischee der klassischen Aussteiger: Er geboren in der Stadt Zürich, sie aufgewachsen in Karlsruhe, ausgestattet mit einem Abschluss in Architektur. Burckhardt aber ist ausgebildeter Molkerist und hat über zehn Jahre in der Migros-Molkerei in Zürich-Herdern gearbeitet. Heute kommt ihm bei der Käseproduktion entgegen, dass er einst zwei Jahre lang eine Käserlehre absolvierte, diese aber aus gesundheitlichen Gründen nicht beenden konnte. Bei Alpaufenthalten lernte er nicht nur seine zukünftige Frau kennen, sondern holte sich zusätzliches Know-how der Landwirtschaft. Für die 38-jährige Regina König war nach den Jahren an der Uni in Deutschland die Zeit gekommen, einen anderen Arbeitsbereich kennen zu lernen. Diesem ist sie bis heute treu geblieben: «Ich könnte mir eine Rückkehr in den erlernten Beruf nicht mehr vorstellen.»

Wenig Fläche schlau bewirtschaftet

Die beiden machten sich vor acht Jahren auf die Suche nach einem Betrieb von der Grösse zwischen 5 und 7 Hektaren. «Ein befreundeter Älpler wies uns aber darauf hin, dass man auch von weniger Fläche leben könne, wenn man diese schlau bewirtschafte», erklärt Fredy Burckhardt. Deshalb kamen bei der Evaluation auch Kleinstbetriebe in Betracht.

Vor sieben Jahren war es dann so weit. Durch ein Inserat in der «Tierwelt» gelangten sie an den Betrieb in Ohmstal. Mit dem eisern gesparten kleinen Vermögen kauften sie die Liegenschaft samt dem umliegenden Land, das in der Bergzone I liegt. Das Haus wurde sanft renoviert und der Stall in eigener Regie zu einem tierfreundlichen Schafstall umgebaut. Wie man Schafhaltung betreibt, lernten die beiden während eines Jahres auf einem Bergheimat-Betrieb bei einem befreundeten Schafhalter. Die Schweizer Bergheimat unterstützt Biobauernhöfe im Berggebiet. Mit acht Ostfriesischen Milchschafen starteten sie 1998 in ihre bäuerliche Zukunft.

Mittlerweile befinden sich die beiden im sechsten Betriebsjahr, im fünften als zertifizierter Biobetrieb. «Wegen der nötigen Investitionen schmolz das Angesparte in den ersten Jahren noch relativ schnell weg», blickt Fredy Burckhardt zurück. Mittlerweile hat sich die Situation aber konsolidiert, und seit zwei Jahren könnten sie gut von den Erträgen der 13 Milchschafe leben.

Regina König fährt drei Mal in der Woche mit dem Kleinbus auf die Märkte in Olten und Langenthal, wo sie den Frischkäse, das Joghurt, Quark und den Hartkäse verkauft. In dieser Zeit verarbeitet Fredy Burckhardt zu Hause auf dem Betrieb die täglich von Hand gemolkene Milchmenge von rund 18 Litern, je nach Jahreszeit.

Was im Zeitalter von Melkrobotern nach mittelalterlichen Produktionsmethoden aussieht, gehört zum Grundprinzip des Betriebsleiterpaars. «Maschinen sind in der Anschaffung und im Unterhalt teuer und für wenige Schafe nicht notwendig», erklärt er. So machen sie sich täglich nach fünf Uhr in der Früh auf in den Stall. Jedes Schaf wird einzeln zum hölzernen Melkstand gerufen. Für das Melken der 13 Tiere braucht es etwas mehr als eine Stunde. «Dank der intensiven Beziehung zu den Tieren entdecken wir allfällige, sich anbahnende gesundheitliche Probleme der Tiere sehr schnell und können frühzeitig reagieren», schildert er einen weiteren Vorteil seiner nicht gerade zeitgemässen Produktionsmethode.

Nicht nur im Stall wird mit der Anschaffung von Maschinen sparsam umgegangen. Für die Bewirtschaftung der Wiesen reichen ein Motormäher, ein Transporter und ein Heuwender aus. In der Anfangsphase wendeten sie sogar das Heu noch von Hand.

Nicht ausgegebenes Geld ist auch Einkommen

Der Schlüssel zum Erfolg liegt beim Ohmstaler Kleinstbetrieb darin, dass die gesamte Wertschöpfung auf dem Betrieb bleibt. Die gemolkene Schafmilch wird auf dem Betrieb in der eigens dafür eingerichteten Hofkäserei zu Schafkäse, Quark und Joghurt verarbeitet und dann selber direkt an die Kundschaft verkauft. «Wenn ich die Milch unverarbeitet an eine Molkerei abliefern müsste, würde das natürlich nie rentieren», erklärt Fredy Burckhardt. Diese Aussage erstaunt in einer Zeit, in der Milch aus Gründen der Arbeitsteilung vom einen Ende zum anderen in Europa herumgefahren wird, um ein paar Euro zu sparen.

Der Hasensprungin OhmstalFredy Burckhardt und Regina König, Hasensprung, Ohmstal
Betriebsform: Milchschafhaltung mit eigener Milchverarbeitung, Tafeltrauben, Direktvermarktung auf den Märkten in Olten und Langenthal.
Betriebsfläche: 2,55 Hektaren Wiesen und Weiden, 0,1 Hektaren Tafeltrauben.
Tiere: 13 ostfriesische Milchschafe

Der Betrieb auf dem Hasensprung erbringt also den Beweis, dass auch mit kleinen Produktionsmengen ein Einkommen erwirtschaftet werden kann, das zum Leben reicht. Dazu tragen auch die Direktzahlungen bei, die etwa ein Drittel des Einkommens ausmachen.

Das Paar macht in seinem Alltag keine grossen Sprünge. Viele Nahrungsmittel für die Eigenversorgung werden auf dem Betrieb produziert. «Die grösste Einnahmequelle ist das Geld, das man nicht ausgibt», bringt es Fredy Burckhardt schliesslich auf den Punkt. Heute alltägliche Dinge wie Ferien, Fernseher oder Handy sind deshalb auf dem Hasensprung nicht vorhanden. Doch vermissen tun die beiden nichts von all dem Wohlstandsgeplänkel. Trotz langen und harten Arbeitstagen haben sie nämlich etwas erreicht, um das sie viele beneiden: Zufriedenheit. Er wehrt sich aber gegen das Bild des Lebenskünstlers, der mehr oder wenig hobbymässig als Bauer arbeitet: «Wir leisten tagtäglich ehrliche und harte Arbeit und leben davon!»

Einstieg in den Rebbau

Wer glaubt, dass sich auf der kleinen Fläche nicht noch ein zusätzlicher Betriebszweig aufbauen lässt, der täuscht sich. Auf rund 10 Aren haben die beiden im letzten und in diesem Jahr krankheitsresistente Tafeltraubensorten angepflanzt. Die Tafeltrauben und die Produktion von Traubensaft sollen in Zukunft das Einkommen aus der Schafhaltung ergänzen.

Was nicht in Ordnung ist, kostet (Zofinger Tagblatt, 16. Juli 2003)

Mittwoch, 16. Juli 2003

BETRIEBSKONTROLLEN AUF BAUERNHöFEN · Die Luzerner Qualinova AG führt die Tests durch

Die Bäuerinnen und Bauern müssen jährlich mehrere Kontrollen über sich ergehen lassen. Bei Verstoss gegen die Vorschriften droht den Bauern ein Abzug bei den Direktzahlungen. Die Kontrolle, ausgeführt durch ein Luzerner Unternehmen, wird zunehmend koordiniert.

Der Stall ist sauber und hell, den Kühen steht auf den neuen Einrichtungen viel Platz zur Verfügung, um sich hinzulegen. Trotzdem gibt es auf dem 14 Hektaren grossen Betrieb ein Problem: Kontrolleur Edi Imfeld entdeckt ein drei Monate altes Kalb, das neben den Elterntieren angebunden ist. Laut Gesetz darf ein Kalb aber erst im Alter von vier Monaten angebunden werden. Die Bäuerin zeigt sich überrascht über den Regelverstoss. Dieser kostet sie gemäss Sanktionsschema des Bundes 400 Franken. Dieser Betrag wird Ende Jahr direkt von den Direktzahlungen abgezogen. Doch bei diesem Abzug wird es nicht bleiben. Denn bei der Durchsicht des Weidejournals stellt der Kontrolleur fest, dass ein paar Weidetage fehlen, was mit weiteren Abzügen in Höhe von mehreren hundert Franken geahndet wird.

Der am besten kontrollierte Berufsstand

Es gibt kaum einen Sektor in unserem Land, der einer gläsernen Produktion näher kommt, als die Landwirtschaft. Praktisch jede Hecke und jedes Stück Vieh ist irgendwo bei einer Kontrollfirma oder einem Amt registriert. Denn um an die staatlichen Direktzahlungen zu kommen, muss jeder Betrieb zahlreiche Bedingungen erfüllen. Dazu gehört der Ökologische Leistungsnachweis (ÖLN), in dem die Einhaltung der Tierschutzvorschriften, der Umgang mit Nährstoffen oder die Ausweisung von sieben Prozent ökologische Ausgleichsflächen vorgeschrieben sind. Ein Heer von Kontrolleuren – ausgerüstet mit Messband, PC und einem scharfen Auge – sorgt dafür, dass die vielen Vorschriften eingehalten werden.

Zwar sehen die meisten Bauern ein, dass Kontrollen für eine glaubwürdige Landwirtschaft unabdingbar sind, trotzdem ärgern sich viele über den aufwändigen Papierkram und über pingelige Gesetzeshüter. Obwohl sich die Koordination unter den Kontrollorganisationen in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, bleibt es in den meisten Kantonen oft nicht bei einer einzigen Kontrolle pro Jahr. Denn viele Landwirte machen in Spezialprogrammen mit, die über das staatliche Mindestmass hinausgehen und zusätzlich kontrolliert werden. Zudem besucht alle paar Jahre der amtliche Tierarzt im Rahmen der so genannten «blauen Kontrolle» unangemeldet den Betrieb. Bei den Milchproduzenten schaut ausserdem der Milchkontrolleur vorbei. Wer Pech hat, dem blüht zu guter Letzt noch eine Oberkontrolle des Bundes.

Viele Vorschriften

Für die Bauern gelten zahlreiche gesetzliche Bestimmungen, etwa die Direktzahlungsverordnung oder das Gewässer- und das Tierschutzgesetz. Dazu kommen die Vorschriften, die privatwirtschaftliche Label-Programme wie die Bio Knospe, IP-Suisse, M 7, Natura-Beef etc. vorschreiben. Immerhin besucht heute nicht mehr für jeden Bereich ein separater Kontrolleur den Betrieb. Die Kontrollfirmen sprechen sich oft mit den Ämtern ab oder führen gar Dienstleistungen für diese aus. Die Luzerner Qualinova AG kontrolliert beispielsweise in einem Kontrollgang die ÖLN, die IP-Suisse-Bestimmungen, RAUS, BTS, das MigrosFleischprogramm M 7, das QM Schweizer Fleisch, die Seeverträge, den Tierschutz und den Gewässerschutz. Einzelne Organisationen fahren aber immer noch Einzelzüge. Für Coop Naturaplan beispielsweise werden Schweine und Geflügel vom Kontrolldienst des Schweizer Tierschutzes begutachtet, Rinder von der Inspektionsstelle Beef-Control und die Eier von der SGS Agro Control. Milchproduzenten werden zudem vom Milchwirtschaftlichen Inspektions- und Beratungsdienst (MIBD) überprüft. Als Sonderfall gilt der biologische Landbau, wo es mit der Bioinspecta und der Bio Test Agro AG nur gerade zwei Kontrollfirmen gibt.Dass all dies im Rahmen einer Kontrolle unter einen Hut gebracht wird, bleibt weiterhin ein frommer Wunsch der Bauern. Zu gross ist die Vielfalt an Labelprogrammen wie beispielsweise der Bio-Knospe, des Käfers der IP-Suisse, Coop Naturaplan oder Agri Natura. Und immer wieder stossen neue dazu. Nicht nur die Konsumenten verlieren dabei allmählich den Überblick. Stefan Furrer, Geschäftsführer der Luzerner Kontrollfirma Qualinova AG, gibt zu bedenken, dass es gerade auch bäuerliche Organisationen sind, die immer wieder mit neuen Programmen kommen, die sie dann mit eigenen Kontrolldiensten überwachen.

Immer nett bleiben

«Sollen doch die Beamten in Bern das Ökoheu fressen, denn meine Kühe fressen es bestimmt nicht!», ereifert sich der 62-jährige Bauer Peter A. beim Kontrollgang über seine Parzelle, als er zusammen mit dem Kontrolleur bei der ökologischen Ausgleichsfläche, einer wenig extensiv genutzten Wiese, vorbeikommt. Kontrolleur Edi Imfeld versucht ihm den ökologischen Sinn zu erklären. Er stösst dabei aber auf Granit.

Bei der Rückkehr auf den Hof sticht der überlaufende Misthaufen ins Auge, dessen Gülle sich in einem kleinen Bächlein ins Feld ergiesst. «Sie wissen schon, das Gewitter», erklärt Peter A. In der Küche werden alle Randdaten des Betriebes in den Computer eingegeben. Peter A. blättert in seinem Ordner und sucht nach dem Auslaufjournal für seine Tiere. Während der ganzen Sitzung jammert er über tiefe Milchpreise, die Agrarbürokratie oder den «Ökologie-Wahnsinn».

Der Kontrolleur führt seine Arbeit ruhig aus und versucht die Aufregung zu dämpfen. Die Kontrollfirma Qualinova AG, bei der Edi Imfeld angestellt ist, führt Seminare durch, in denen das Verhalten in solchen gespannten Situationen geübt wird. «Es ist nicht einfach, jemandem, der in einem abgelegenen Bergheimetli vier Kinder ernährt, zu erklären, dass er aus gesetzlichen Gründen einen Gülleauffangbehälter bauen muss», erklärt Edi Imfeld. «Viele Kontrolleure steigen nach einem Jahr wieder aus, weil die psychische Belastung zu gross wird», erzählt Stefan Furrer von der Qualinova. Obwohl viele während den Kontrollen die Faust im Sack machen, fallen die Berichte für den bäuerlichen Stand positiv aus. Im Kanton Luzern beanstandeten die Kontrolleure der Qualinova bei 20 Prozent der Betriebe etwas. Darin eingeschlossen seien allerdings jegliche Kleinigkeiten, betont Stefan Furrer.


Kontakt

eppenberger-media gmbh

David Eppenberger

Journalist BR / Webpublisher

PR-Redaktor CAS

Winkelstrasse 23

CH-5734 Reinach

++41 (0)62 771 02 91

Mobile 078 779 17 19

skype: david_eppenberger

info@eppenberger-media.ch

Service