Journalismus: Publizierte Artikel
Artikel von Februar, 2007:
Mit “Swissness” Biomärkte erobern (BauernZeitung, 23. Februar 2007)
Freitag, 23. Februar 2007Die Schweizer Bioproduzenten streckten an der grössten Messe der Biobranche in Nürnberg ihre Fühler nach Exportmöglichkeiten aus. Die Gelegenheit war gut, denn der Markt für Bioprodukte boomt weltweit.Es ist ein Klischee: Willhelm Tell und die Schweiz. Und doch hatte die Bio Suisse den Mut, die Standbesucher an der BioFach in
Nürnberg mit einem Apfelschuss zu empfangen, mit Bioäpfeln versteht sich. Äpfel und andere Schweizer Bioprodukte sollen in Zukunft vermehrt den Weg ins Ausland finden. Das Rezept: Die Hervorhebung von schweizerischen Werten, auf neudeutsch ausgedrückt „Swissness“. Da bot sich in der vergangenen Woche mit der BioFach eine ideale Gelegenheit, mit ausländischen Verarbeitern oder Vermarktern in Kontakt zu treten. Und das taten die Schweizer Messeteilnehmer reichlich. Hatte die BioFach noch vor ein paar Jahren für die Schweizer eher den Stellenwert eines „Familientreffens“, streckten in diesem Jahr alle ihre Fühler ins Ausland aus. So zum Beispiel
Biofach 2007
(ep) – In der vergangenen Woche trafen sich in Nürnberg 2455 Aussteller zur BioFach 2007, der weltweit bedeutendsten Fachmesse des Biolandbaus. Als Land des Jahres durfte sich in diesem Jahr Italien präsentieren. Die Aussteller stammten aus 80 Nationen. Gastgeber Deutschland gefolgt von Italien, Spanien, Frankreich, Österreich, und Holland waren am zahlreichsten mit Ständen anwesend. Aus der Schweiz waren 43 Firmen vertreten. Erstmals dabei waren Lettland, Liechtenstein, Zypern, Malaysia und Jordanien. Gleichzeitig fand mit der Vivaness die Fachmesse für Naturkosmetik und Wellness erstmals als eigenständige Messe statt. Insgesamt besuchten 45’000 Leute – vornehmlich Fachleute – aus 116 Ländern die diesjährige BioFach.
die Firma Holderhof Produkte AG aus Niederwil TG, die Produkte aus Schweizer Holunder herstellt. „Aus der ganzen Welt kommen Interessenten an unseren Stand, sogar aus Korea“, freute sich Geschäftsführer Christof Schenk über das grosse internationale Interesse. Den anderen 43 aktiven Messeteilnehmern aus der Schweiz erging es nicht anders. Wenig erstaunt darüber zeigte sich Peter Bucher, bei Bio Suisse zuständig für die Vermarktung von Gemüse: „Anfragen selbst aus fernen Ländern wie Japan oder Indonesien haben in letzter Zeit deutlich zugenommen.“
Biomarkt hat Nische verlassen
An der BioFach war es deutlich zu spüren: Der Biomarkt boomt zurzeit weltweit. Deutschland – zweifellos der interessanteste Markt für Schweizer Produkte – weist zweistellige Wachstumsraten auf. In Grossbritannien betrug die Wachstumsrate im Jahr 2005 sagenhafte 30 Prozent. Unangefochten an der Spitze, was die Umsätze mit Bioprodukten betrifft, liegen die USA mit umgerechnet über 17 Milliarden Franken. Mit China ist
Der grüne Riese aus China

Vergiftete Flüsse, Hunde in Kochtöpfen oder Fabrikarbeiter mit müden Augen. So stellt man sich das Land China wohl immer noch vor. Doch China boomt. Und immer mehr Leute können sich nicht nur endlich ein Auto leisten sondern auch Bioprodukte. Für biologisch produziertes Gemüse, Nüsse, Salate, Früchte, Tee, Kräuter und seit neustem sogar für Milch und Fleisch geben sie im Jahr umgerechnet über 350 Millionen Franken aus. Mit 4,1 Millionen Hektaren zertifizierten Bioflächen ist das Land weltweit hinter Australien und Argentinien zur Nummer Drei aufgestiegen. Und die Tendenz ist steigend. Die im biologischen Segment tätigen Produzentenorganisationen wollen chinesische Produkte vermehrt auch exportieren. In Zeiten, in denen alles von Rohstoffknappheit auf den internationalen Biomärkten spricht, werden sie dort mit offenen Armen empfangen. An der BioFach war die Delegation von Bioproduzenten aus China mit 49 gemeldeten Ständen deshalb so gross wie nie zuvor. Und im kommenden Frühling erhält das Land mit der „BioFach China“ in Shanghai sogar seine eigene Messe. Negative Medienberichte in amerikanischen Medien, welche den Chinesen laxe Biostandards vorwarfen, stellten sich schnell als haltlos heraus. Denn in China bestehen seit 2005 ähnlich strenge Vorschriften, wie in der EU. Und die Zertifizierer stehen unter der Aufsicht von erfahrenen europäischen Firmen, die selber private Labels in China eingeführt haben. Am meisten Bioprodukte werden in China übrigens in den Städten in den bekannten globalen Handelsketten Carrefour und Wal-Mart abgesetzt.
ein anderer potentieller Bioriese in Nürnberg erstmals so richtig in Erscheinung getreten. Voraussichtlich in diesem Jahr wird die Branche bei den weltweit erzielten Umsätzen die Grenze von 50 Milliarden Franken überschreiten. Damit hat der Biosektor die Nische endgültig verlassen. Hoch professionelle Marketingspezialisten haben das Zepter von den Gründungsvätern und Pionieren endgültig übernommen. Mit Sympathien alleine ist mittlerweile aber nichts mehr zu machen. In Deutschland tobt ein Preiskampf, den Billigdiscounter wie Aldi und Lidl mit der Aufnahme von Bioprodukten in ihr Sortiment in Gang gebracht haben. „Weshalb soll es ausgerechnet in der Biobranche keinen Verdrängungskampf geben?“ fragte ein Marketing-Berater im parallel zur Messe stattfindenden Fachkongress rhetorisch. Der Druck auf die Produzenten und den spezialisierten Naturkostfachhandel ist in Deutschland deshalb gross. In der gegenwärtigen Bio-Boomphase ist die Beschaffung der Rohstoffe zur echten Herausforderung geworden. „Die Kunden reissen uns zurzeit die Ware aus den Händen“, sagte Thomas Dosch, Präsident vom Deutschen Anbauverband Bioland. Er warnte aber vor einer zunehmenden Verwässerung der hohen Biostandards. An der Messe war bereits von der „Konventionalisierung“ von Bioprodukten die Rede.
Deutschland als Exportmarkt
Die Bio Suisse will aber einen anderen Weg gehen. „Swissness – Mehrwert für den Biomarkt weltweit“ heisst das Schlagwort zur gewählten Strategie. „Swissness steht für Spitzenqualität, Prestige, Langlebigkeit und Exklusivität“, erklärte Bio Suisse Marketingleiter Jürg Schenkel an einem Referat in Nürnberg. Als Produkte mit besonders grossen Exportchancen bezeichnete er Käseprodukte, Kräuter, Tee, Schokolade, Fleischwaren und Trendgetränke. Als Pioniere für exportierte Schweizer Bioprodukte nannte er das trendige Lassi-Joghurtgetränk der Molkerei Biedermann sowie einen an der BioFach vorgestellten speziellen Fruchtsaft der Walliser Obstproduzenten.
An der BioFach in Nürnberg wurde vor allem etwas klar: Der Zeitpunkt, um mit Schweizer Bioprodukten ausländische Märkte zu erobern, könnte nicht besser sein.
Der Kotelettknochen wird zu Strom (LID-Mediendienst, 19. Februar 2007)
Montag, 19. Februar 2007Der Davoser Bauer Toni Hoffmann produziert aus Speiseresten Ökostrom. Ein Fütterungsverbot von Speiseabfällen für Schweine würde ihm weiteres Wachstum bescheren.
Sie sieht eklig aus, die Brühe aus Speiseabfällen, die Toni Hoffmann in das Loch vor seiner Biogasanlage kippt. Er ist soeben von seiner täglichen Tour zu den Hintereingängen der Davoser Hotelküchen zurückgekommen. Es kommt vor, dass sich zwischen angebissenen Brötli, Salatsauce und Kotelettknochen eine Gabel oder eine Tasse verirrt.”Immer dann wenn neue Gastarbeiter angekommen sind, die noch nicht geschult worden sind”, schmunzelt Toni Hoffmann.
Gutes Einkommen mit Abfall
Der Bauernhof von Toni Hoffmann liegt an einer beliebten
Spazierstrecke ausserhalb von Davos. “Haben Sie noch ein Schulterstück für mich im Keller?”, fragt ein vorbeispazierender Pensionär mit Unterländerdialekt den jungen Bauern. Dieser stellt die Eimer mit den Abfällen der Touristen beiseite und holt im Keller das edle Fleischstück aus der Tiefkühltruhe. “Am Besten wird es im Römertopf!” gibt er ihm mit auf dem Weg. Davos lebt vom Tourismus. Toni Hoffmann verkauft Braten, Siedfleisch und Bündnerfleisch an eine Stammkundschaft bis nach Zürich. Doch am Besten lebt er von dem, was die Touristen auf den Tellern liegen lassen. Die Hotels bezahlen ihn für die Entsorgung der Speiseabfälle. Er teilt sich den Kuchen von jährlich 500 Tonnen mit zwei Bauernkollegen. Was aussieht und riecht wie Erbrochenes von einem Grippekranken, dient als hochwertiges Schweinefutter. Doch noch viel besser eignet sich die Brühe zusammen mit Mist und Grünabfällen für die Biogasanlage.
Aus Gas wird Strom
Aus dem kugelförmigen Dach entweicht Dampf in den kühlen Davoser Himmel. Die Anlage erinnert an einen Atomreaktor. Auf dem Transparent steht in grossen Lettern:”Ökostrom aus Biogas.” Eigentlich passiere in der Biogasanlage das Gleiche wie im Pansenmagen der Kuh, erklärt Bauer Hoffmann. Bakterien helfen bei der Vergärung von organischem Material. Dabei entsteht Methan und Kohlendioxid. Das Gas wird verbrannt und mit der Energie eine Turbine betrieben, die Strom produziert. Das Elektrizitätswerk Davos kauft den Strom. In einem separaten Raum wächst das vergärte Restmaterial am Ende eines laufenden Fliessbands zu einem grossen Haufen heran. Für diesen hochwertigen Dünger löst er noch einmal Geld. Toni Hoffmann hat das, was Bauernpolitiker von ihrem Klientel fordern: Unternehmergeist.”Ich gebe immer Vollgas”, sagt er mit wachem Blick. Er war der erste im Dorf, der mit der Milchwirtschaft aufhörte und auf Mutterkuhhaltung umstellte. Immer einen Schritt voraus sein, lautet sein Rezept.”Grüezi!”, winkt er einer Dame zu, die die kleinen Kälbchen beim Saugen am Euter der Mutter beobachtet. 16 Mutterkühe, 16 Hektaren Fläche und 200 Schweine.”Zu klein für einen normalen Bauernbetrieb!” Deshalb hat er sich vor ein paar Jahren nach Alternativen umgesehen, als in der Landwirtschaft noch kaum jemand von alternativen Energien sprach. So wurde er zum Energiewirt. Doch noch läuft die Maschine nicht auf vollen Touren. Ausgelegt ist die Anlage auf eine Produktion von 800‘000 Kilowattstunden, so viel wie 150 Haushalte jährlich verbrauchen. Weil die EU von der Schweiz ein Fütterungsverbot von Speiseabfällen fordert, stehen die Chancen gut, dass er künftig die gesamte Abfallmenge der Hotelküchen übernehmen kann.”Wachsen oder weichen” bedeutet das für seine Kollegen. Es weht ein rauer Wind in der Landwirtschaft.
Lieber Bauer als Greenkeeper
Inzwischen bedecken Schneeflocken die Speiseabfälle in den Eimern. Das umliegende Land liegt bereits unter einer dicken Schneedecke. Die Erweiterung des benachbarten Golfplatzes scheiterte einst an Toni Hoffmann. Ein lukrativer Pachtzins und ein Jobangebot als Greenkeeper hätten ihn jeglicher finanziellen Sorgen entledigt. “Nichts für mich, ich will Bauer sein!” Seither ist der Golfplatz für seinen Dünger tabu. “Lieber kaufen Sie Kunstdünger”, sagt er, währenddem er den nächsten Eimer mit angeknabberten Rüebli und Salatresten vom Lieferwagen zerrt.
