Journalismus: Publizierte Artikel
Artikel von April, 2007:
Ulrico Feitknecht will mehr Unternehmer sein (SVIAL-Journal)
Freitag, 27. April 2007Der Tessiner Grossbauer baut auf regionale Produkte. Und er träumt vom grossen Markt in Norditalien.
Ein Kälbchen kommt früher als geplant auf die Welt und der Meteorologe kündigt für den Abend endlich den lang ersehnten Regen an. Freudige Ereignisse eigentlich, doch sie sorgen erst einmal für Hektik auf der „Azienda agricola Ramello“ in Contone TI. Die Saatkartoffeln müssen an diesem Tag unbedingt noch vor den ersten Regentropfen in den Boden. Im letzten Moment erinnert sich Ulrico Feitknecht noch an den Journalisten, der sich für den Nachmittag angemeldet hat und schickt seine Frau Rosa los auf den Bahnhof nach Cadenazzo. „Nur für Journalisten und meine Frau habe ich immer Zeit“, sagt der viel beschäftigte Tessiner Grossbauer mit Berner Wurzeln.
Ulrico Feitknecht ist erst kürzlich von einer Reise nach Argentinien zurückgekommen. „Dort hat die Landwirtschaft noch die Bedeutung, die sie verdient“, schwärmt der ehemalige Mitarbeiter einer Saatgutfirma, der in der ganzen Welt herumgekommen ist. In der Schweiz sei das ganz anders: zu viele Hindernisse würden das Unternehmertum der Schweizer Bauern hemmen. Trotzdem ist Bauer sein Traumberuf. Den Traum verwirklichte er sich vor über 20 Jahren mit der Übernahme des 100-Hektar-Hofes in der Magadino-Ebene im Tessin. Die Landwirtschaft haben die Feitknechts im Blut. Alle vier Kinder haben sich für eine Ausbildung in der Landwirtschaftsbranche entschieden. Nachfolgeprobleme sollte es keine geben.
Markt in Norditalien
„Oh, ich habe mein Handy im Büro liegen gelassen“, schreckt Ulrico Feitknecht plötzlich auf. Es könnte ja sein, das just in diesen Minuten der Grosshändler anruft, der in Norditalien nach Absatzmöglichkeiten für Tessiner Weichkäse sucht. Die Märkte in Norditalien seien interessant, da in der Lombardei gute Preise für gute Lebensmittel bezahlt würden. Er wünscht sich von der Politik eine offensivere Haltung im Export für Schweizer Landwirtschaftsprodukte. Sich in den Schoss des Staates zu legen ist nichts für ihn. Viel lieber übernimmt er selbst die Initiative. Wohl deshalb hat er es in das umstrittene Buch „Der befreite Bauer“ von Avenir Suisse geschafft, das ihn zusammen mit neun anderen als besonders innovativen Landwirten portraitiert.
„Soll ich die Kuh noch teachen?“ fragt seine Frau beim Hereinkommen in die Bauernstube. Meinen tut sie damit die Registrierung der Kuh beim Melkroboter. Die 76 Kühe werden auf Ramello nämlich von einem Roboter gemolken. Was modern tönt stellt sich in der Praxisanwendung aber als nicht immer problemlos heraus: „Früher waren wir am Abend mit Melken einmal fertig, heute piepst mitten in der Nacht das Handy neben dem Bett, wenn wieder einmal ein Steinchen in der Röhre steckt,“ sagt Feitknecht mit müdem Blick. Die Milch liefert er an den Tessiner Milchverarbeiter Lati. Dort ist er nebenbei noch Mitglied im Verwaltungsrat.
Marktgerechte Produktion
Auf dem Acker produziert der Betrieb das, was der Markt verlangt. Dazu gehören – in Zusammenarbeit mit dem Tessiner Reispionier Terreni alla Maggi – acht bis zehn Hektaren Reis, die als regionale Spezialität beliebt sind. Die Kartoffeln hingegen werden grösstenteils durch den Gotthardtunnel nach Spreitenbach zu Zweifel Pommes Chips gefahren. Das Tessiner Klima und eine speziellen Kartoffelsorte – der Name bleibt Betriebsgeheimnis – sorgen für den Wettbewerbsvorteil: Er kann zu Zeiten liefern, wenn frische Kartoffeln aus der Nordschweiz noch Mangelware sind.
Seit über 50 Jahren produziert das Gut Saatmais für multinationale Firmen, hauptsächlich für den Schweizer Markt. Doch nichts ist für die Ewigkeit: Feitknecht spürt die Konkurrenz aus Ungarn. Deshalb sucht er beim Mais nach neuen Wegen und ist mit der Maisproduktion für Polenta fündig geworden. Damit geht er quasi „Back to the Roots“. In der Regionalität liegt für Feitknecht die Zukunft. Polenta drängt sich als Produkt mit grosser Tessiner Vergangenheit geradezu auf. Das Potential von regionalen Produkten würde im Kanton Tessin noch viel zu wenig ausgenutzt. Helfen soll ein Vernetzungsprojekt, das er gemeinsam mit 26 anderen Bauern zusammen mit Grossverteilern und dem WWF in die Welt gesetzt hat. Das Ziel: den Produkten eine Identität geben.
Zufrieden wühlen die Schweine von Ulrico Feitknecht mit ihren Schnauzen durch die Erde vor ihren tierfreundlichen Stallungen. Ökologie und Tierfreundlichkeit sind für den umtriebigen Agronomen Ehrensache. Trotzdem bezeichnet er sich nicht als Biobauer im herkömmlichen Sinn. Er spricht von der Banalisierung von Bioprodukten: „Der regionale Aspekt ist verloren gegangen.“ Auf diesen baut er bei seinem agrotouristischen Standbein. Die Gäste in der Ferienwohnung nehmen aktiv am Bauernhofleben teil, Swimming Pool ist inklusiv. Die Scheune auf dem Gut hat er zu einem Raum für Events ausgebaut. Dazu zählen auch Seminare:„10 Manager richtig füttern bringt mehr als 80 Kühe zu melken“, sagt er mit den Augen zwinkernd.
Reis, Polenta und Olivenöl aus dem Tessin (SVIAL-Journal)
Mittwoch, 04. April 2007
Die Tessiner Landwirtschaft sucht den Weg zwischen Tradition und Moderne. Das Resultat: Eine Vielfältigkeit, die sich sehen lassen kann.
Im Kanton Tessin ist alles ein bisschen anders: Es ist wärmer als in den nördlichen Kantonen, die Sonne scheint häufiger und es wachsen Olivenbäume. Nachdem die Olivenhaine vor ein paar Jahrhunderten aus dem Tessiner Landschaftsbild verschwunden waren, gibt es heute wieder rund 1000 kultivierte Bäume. Die aktuelle Produktionsmenge von rund 600 Litern „Olio del Ceresio“ sind als Spezialität heiss begehrt. Das Landwirtschaftsgut Terreni alla Maggia in Ascona produziert eine andere Exklusivität: Auf über 50 Hektaren steht dort das nördlichste Reisfeld der Welt.
Die Hauptprodukte der Tessiner Landwirtschaft sind Milch, Gemüse, Wein, Obst und Fleisch. Die rund 1’125 Landwirtschaftsbetriebe – die Hälfte davon im Vollerwerb – kämpfen mit den gleichen Problemen, wie ihre nördlichen Nachbarn: Kleine Strukturen, sinkende Preise und hohe Kosten. Die durchschnittliche Betriebsgrösse von 12,3 Hektaren liegt deutlich unter dem Schweizerischen Mittel. Das hat auch mit den vielen kleinen Familienbetrieben in den unwegsamen Bergregionen zu tun.
Vor allem dort ist die Nera Verzasca Ziege zu Hause. Die für ihre Robustheit bekannte Ziegenrasse mit dem schwarzen, glänzenden Fell trifft man im ganzen Kanton an. Wie ihr Name es sagt, stammt die Rasse aus dem heute bei Wanderern so beliebten Verzascatal. Der Ziegenkäse mit der speziellen Marke „Capra Ticino“ findet bei den Touristen einen reissenden Absatz.
Anzahl Betriebe: 1’125
Durchschnittliche Landwirtschaftliche Nutfläche: 12.3 ha
Wiesen, Weiden: 11’508 ha
Alpweiden: 28’795 ha
Pflanzenbau: 1’447 ha (Brotgetreide, Futtergetreide, ölhaltige Früchte)
Gemüsebau: 206 ha
Reben: 1’037 ha
Rinder: 10’172 (36’664 Vieh bei Sömmerung inkl. Schafe, Ziegen, Pferde)
Ziegen: 11’527
Schafe: 18’481
Quelle: Sezione Agricoltura, Bellinzona
Doch wichtiger für die Tessiner Landwirtschaft sind die über 450 Milchviehbetriebe. Der Anteil der Milch- und Fleischproduktion am kantonalen Agrarprodukt beträgt 38 Prozent. Mehr als drei Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche besteht nämlich aus Wiesen und Weiden. Dazu kommen noch fast 29’000 Hektaren Alpweiden. Von dort stammt der „Formaggion d’alpe ticinese“, der im Register der Ursprungsbezeichnungen und geografischen Angaben eingetragen ist. Die rund 100 Alpbetriebe müssen sich an strenge Richtlinien halten, wenn sie ihren Käse als Tessiner Alpkäse verkaufen wollen. So muss die verarbeitete Milch zu mindestens 70 Prozent von Braunvieh stammen. Das kommt nicht von ungefähr: Der Kanton Tessin und seine Züchter sind traditionell seit Jahrhunderten eng mit dem Braunvieh verbunden. Die Rasse besetzt heute noch über 80 Prozent des Tessiner Rindviehbestandes. Wie in der übrigen Schweiz nimmt die Zahl der Mutter- und Ammenkühe auch im Kanton Tessin zu. Platz hat es im Tessin aber auch für exotische Rassen wie rätisches Grauvieh oder Highland Cattle.
Intensivkulturen in der Magadino-Ebene
Doch der Kanton Tessin besteht nicht nur aus unwegsamen Hängen und Felsen. Vom nördlichen Ende des Lago Maggiore bis zur Kantonshauptstadt Bellinzona erstreckt sich die Magadino-Ebene. Auf den fruchtbaren Ackerflächen haben sich viele Gemüsebauern niedergelassen. 80 spezialisierte Betriebe bewirtschaften eine Fläche von rund 200 Hektaren – 69 Hektaren davon in Gewächshäusern oder Tunnels – und leisten damit einen Viertel der gesamten kantonalen Agrarproduktion.
Über 3500 Weinbauern gibt es im Tessin, die meisten sind „Feierabend“-Winzer. Die grösste Weinbauregion ist das Mendrisiotto. Nur ein kleiner Teil verfügt über mehr als 10’000 m2, 50 betreiben den Weinbau vollberuflich. Die Dichte an guten Winzern ist im Tessin hoch. Die aromatischen Weine – vornehmlich aus der Rebsorte Merlot gekeltert – gehören zu den Besten in der Schweiz und können auch im internationalen Vergleich mithalten. Der Merlot-Cabernet-Cuvée „Orizzonte“ von Winzer Christian Zündel aus Beride im Hinterland von Lugano beispielsweise zählt zu den gesuchten Raritäten.
Kastanienbäume im Kommen
Rar sind im Kanton Tessin die einst so bedeutungsvollen Kastanienbäume geworden. Die Kastanie war einst das wichtigste Grundnahrungsmittel in der Region, bis Mais und Kartoffel sie verdrängten. Das Interesse an der Kastanienkultur hat in den letzten Jahren aber wieder zugenommen. Die Fläche der Kastanienwälder beträgt heute wieder über 2000 Hektaren. Weniger als ein Zehntel wird tatsächlich genutzt. Ein grosser Teil der geernteten Früchte schafft es nicht weiter als an die traditionellen Kastanienfeste in den Dörfern. Kastanien bleiben ein Nischenprodukt. Das gilt genauso für die Polenta, die einst die Kastanie als wichtigstes Grundnahrungsmittel ablöste, ehe die Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg zum Erliegen kam. Erst vor ein paar Jahren wurde der Anbau von Mais für Polenta wieder aufgenommen. Polenta aus dem Tessin ist vom einstigen Sinnbild für eine einfache, rustikale Küche zu einer beliebten Spezialität geworden. Das Bild passt zur Tessiner Landwirtschaft, die erfolgreich den Weg zwischen Tradition und Moderne sucht.

