Journalismus: Publizierte Artikel
Artikel von August, 2007:
Rumänien: Last Exit für Schweizer Bauern
Dienstag, 28. August 2007Zwei junge Schweizer Bauern suchten neue landwirtschaftliche Perspektiven. Fündig wurden sie in Rumänien. Dort sind sie jetzt Grossbauern.
Duftende Lindenblüten. „Hup-up-up:“ Ein Wiedehopf präsentiert seinen prächtigen Kopfschmuck. Die Pferdekutsche fährt vorbei. Einfache Häuser, hinter den Mauern kleine Höfe mit paradiesischen Gärten. Der Standort: Firiteaz, ein typisches Dorf in Westrumänien. 300 Häuser, kein fliessendes Wasser. Mittendrin die Familie Häni aus Büron LU. Vor drei Jahren ist sie ausgewandert um in Rumänien Biobauern zu werden. Ein Lebenstraum. „Viel Zeit zum Träumen habe ich nicht“, sagt der 28-jährige Christian Häni. Seine Aufgabe ist gewaltig. 600 Hektaren Ackerland – heruntergewirtschaftet in den Zeiten des Sozialismus-, macht er fit für den Anbau mit biologischem Getreide wie Weizen, Roggen oder Dinkel. Landwirtschaft ohne Spritzmittel und Kunstdünger? Dass so etwas funktioniert, glauben die Dorfbewohner nicht. Sie sind mit der Dünger-Spritze aufgewachsen.
Die Leute im Dorf haben ganz andere Sorgen. Rumänien ist im Umbruch. Die Zentren boomen. Die jungen Leute des Dorfes arbeiten in den Fabriken, die wie Pilze aus dem Boden wachsen. Viele jobben im Ausland. Geblieben sind die Eltern. Mit grossen Gemüse- und Obstgärten. Eine oder zwei Kühe, ein paar Hühner und Schweine. Lebensversicherung zu Zeiten Ceasescus und heute wieder. Das von Brüssel auferlegte EU-Korsett trifft die Kleinbauern ganz direkt. „Von einem Tag auf den anderen durften wir die Milch von unseren Kühen nicht mehr abliefern,“ sagt die 50-jährige Bäuerin Anna Cispai. Hygienevorschriften nach westlichem Muster. Ohne Milchgeld können die Kleinbauern den Hirten nicht mehr bezahlen. Er sammelt die Kühe des Dorfes jeweils am morgen zusammen, um sie über die Weiden zu führen. Der Hirte wird bald keine Arbeit mehr haben. Viele im Dorf haben ihre wenigen Kühe verkauft. Selbst das ist nicht mehr einfach, denn viele kleine Metzgereien mussten schliessen, weil sie die EU-Vorschriften nicht erfüllten. Die Bauern verkaufen ihre spärlichen Äcker, weil sie merken, dass die Hackerei auf den Maisfeldern nichts mehr einbringt. Zu kleine Flächen, schwache Mechanisierung, fehlende Vermarktungsstrukturen. Kein Wunder sehnen sich die Leute nach den alten Zeiten zurück: „ Früher hatten wir wenig, aber alle hatten gleich viel,“ sagt Anna Cispai, die seit 30 Jahren im Dorf wohnt. Bauernopfer der EU. Kein Platz für Kleinbauern.
Chance für grosse Biobetriebe
Wo Verlierer sind, gibt es auch Gewinner. Und zu diesen gehört Christian Häni mit Frau Natascha und Töchterchen Anne. Rumänien ist für sie ein Glücksfall. Denn in der Schweiz wäre es für Christian Häni unmöglich gewesen, Bauer zu werden. Sein Vater Theo Häni ist nicht Bauer sondern Vermögensberater, kein Bauernhof zum übernehmen also. Theo Häni ist kein Fremder in der Biobranche: Mit der Firma ASI Natur Holding AG investiert er seit vielen Jahren in den biologischen Landbau in der ganzen Welt. Er stellte das Kapital für den Betrieb in Firiteaz zur Verfügung. Auch er lebt seit diesem Jahr mit seiner Frau Regula im gleichen Dorf. Im Herbst folgte die Tochter mit ihrem Partner. Perfektes Schweizer Familienglück in Rumänien.
Der erste Bio-Roggen nach der mehrjährigen Umstellungszeit steht stramm im Feld an diesem Tag im Juni. Die Augen von Christan Häni leuchten. Es ist der Lohn für die harte Anfangszeit in der neuen Heimat. Fremde Sprache, osteuropäische Mentalität, Integration im Dorf. Er hatte zwar an der Fachhochschule in Zollikofen Landwirtschaft studiert. Doch dieser Rucksack war nicht wirklich schwer und taugte wenig für die Praxis. Neuland. Die Böden auf Vordermann bringen, Maschinen reparieren und vor allem – Leute führen. Das Handy läutet fast pausenlos, meistens ist es einer seiner vier Mitarbeiter. Anweisungen in fliessendem Rumänisch. Die mangelnde Selbständigkeit der Rumänen macht ihm zu schaffen. „Die sind manchmal wie kleine Kinder,“ sagt Häni. Vorbei geht es an blühenden Wiesen, Schmetterlinge fliegen herum. Der Betrieb wird von Bio Suisse zertifiziert. Diese verlangt sieben Prozent Ökoausgleichsflächen. Kein Problem bei diesen Dimensionen. In Rumänien sind Biobauern aber noch Exoten.
Die Spritzmaschinen von Doktor Mann
Ausserhalb des Dorfes heulen die Motoren des Tanklastwagens auf. Traktoren mit kleineren Pumpfässern docken an, um neues Gift zu laden. Die Feinverteilung erfolgt direkt auf dem Feld: Zehn Traktoren in Reih und Glied, die das Herbizid über die Soja spritzen. Grüne Wasserpfützen am Feldrand. Industrielle Landwirtschaft nach amerikanischem Muster. Die Leute von Doktor Mann sind heute im Dorf. „Wie Käfer schwärmen sie jeweils aus,“ sagt Anna Cispai. Der reiche rumänische Industrielle Nikolaus Mann – alle nennen ihn Doktor Mann – hat sich in den letzten Jahren im ganzen Land über 35’000 Hektaren Agrarland unter den Nagel gerissen. Noch ist das Ackerland in Rumänien günstig: ab 1500 Euro die Hektare. Doch die Zeit drängt, das Feld wird in den nächsten zwei Jahren abgesteckt. Hohe Preise auf den Rohstoffmärkten und Diskussionen über nachwachsende Rohstoffe erzeugen viel Hektik. Ein italienischer Investor da, ein deutscher dort.
„Diese intensive Bewirtschaftung wird nicht lange funktionieren,“ schaut Christian Häni dem üblen Treiben gelassen entgegen. Er verfolgt ein anderes Ziel: Gesunde und fruchtbare Böden, die im Einklang mit der Natur hochwertige Nahrungsmittel herausbringen. Der eigene Mitarbeiter klaut einen Sack mit Weizensaat. Die Leute von Doktor Mann spritzen aus Versehen einen Streifen des Kleefeldes. Der Schäfer führt wieder einmal seine Schafe über seine Parzelle. Das alles darf ihn nicht aus der Fassung bringen. „Das Hauptziel nicht aus den Augen verlieren, das ist die grosse Herausforderung,“ sagt Christian Häni. Das Prinzip: Stickstoffspeichernde Pflanzen wie Klee als Vorfrucht, die Nährstoffe für die nachfolgenden Kulturen liefern. Der Pflug ist tabu. Im Zentrum steht die schonende Bodenbearbeitung mit dem Deutschen Spezialgerät „Wenz Eco-Dyn System“, das den Boden nur oberflächlich bearbeitet. Die Struktur des Bodens mit allen Mikroorganismen bleibt so erhalten. Durch den zurückhaltenden Einsatz von Maschinen lassen sich Kosten sparen. Effiziente Produktion ist auch im biologischen Landbau nötig. Christian Häni ist überzeugt, dass er seine Bioprodukte langfristig günstiger produzieren wird als seine konventionellen Nachbarn. Weniger Maschinen, keine teuren Kunstdünger oder Pflanzenschutzmittel, und grosse aneinanderliegende Landparzellen. Dazu eigenes Saatgut. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Zudem gibt es seit diesem Jahr EU-Subventionen. 54 Euro Grundbeitrag pro Hektar bewirtschaftete Fläche. Je nach Kultur gibt es mehr. Das Geld hilft, denn der Betrieb ist in der Aufbauphase und hat noch keine Erträge abgeworfen. Doch das wird sich bald ändern. Biorohstoffe sind knapp, die Preise gut.
Schaffhauser Grossbauer
Ortswechsel: Iohanisfeld, 80 km südlich von Firiteaz. Dort bewirtschaftet der 36-jährige Markus Schmid 1500 Hektaren Ackerland. Fast 100 Mal mehr als ein Schweizer Bauernhof. Soja, Weizen und Mais soweit das Auge reicht. Konventionell nicht biologisch. Die Hälfte der Fläche gehört ihm. Gleich nach der landwirtschaftlichen Lehre hatte er den elterlichen Bauernbetrieb in Schaffhausen verlassen. „Mein Grossvater war ein reicher Bauer, mein Vater musste bereits doppelt so viel arbeiten um auf einen Handwerkerlohn zu kommen und ich hätte wohl mit dem gleichen Aufwand nur noch die Hälfte verdient“, sagt Schmid. Deshalb ist er ausgezogen. Zuerst nach Ostdeutschland. Doch das Land wurde dort teurer, sein
Betrieb konnte nicht mehr wachsen. Er verkaufte in Deutschland und kaufte vor vier Jahren in Rumänien Land, wo es noch günstig war. Sein ganzes Geld steckt im Betrieb, er steht unter Druck: „Ich musste vom ersten Jahr an Gewinn machen,“ sagt er. Der Mais steht so hoch, wie sonst nirgendwo. Die Soja ebenso. Es hat mehr geregnet als zu dieser Jahreszeit üblich. Sonst ist es eher zu trocken in der Region. Das sieht in diesem Jahr nach einem guten Geschäft aus. Verkauft wird die Ware in Rumänien selbst und in Serbien.
Der Unterschied zum Bauern in der Schweiz? Die Schlagkraft. „Wenn der Tag der Aussaat gekommen ist, dann musst Du das in kurzer Zeit hinkriegen auch bei einer Parzelle von 200 Hektaren.“ Als industrieller Landwirt möchte sich Schmid nicht bezeichnen. Er hat die übersauerten Böden selber gesehen, welche die rumänischen Landwirte nach 30 Jahre einseitigem Düngereinsatz hinterliessen. Die Bodenfruchtbarkeit steht auch für ihn an erster Stelle. Die Fruchtfolge ist selbstverständlich. Der Boden ist schliesslich sein Kapital. Schweizer denken so. Der Rumäne baut so lange an, bis der Boden nichts mehr hergibt und zieht dann weiter. „Das geht nur in einem Land, wo es Flächen im Überschuss gibt,“ sagt Schmid. Ist da noch Platz für junge Schweizer Bauern, denen es wie ihm zu eng wird in der Heimat? „Klar!“ sagt er. Wenn sie denn klarkommen mit den riesigen Flächen und das nötige Kapital für das Land haben. Allerdings sei der Schweizer Bauern traditionell nicht gewohnt mit Personal zu arbeiten. Osteuropäisches Personal mit besonderer Mentalität: „Die sind fähig, dir am Morgen nach einer gemeinsamen Party den Diesel zu klauen.“
Billiglohn-Land ade
Schmid wohnt zurzeit noch mit der Frau und den zwei Töchtern in Temeswar in der Stadt. Bald ist aber das Haus in Iohanisfeld fertig, ausserhalb des Dorfes auf dem Betriebsareal. Das Holzhaus steht auf Stelzen. Vor zwei Jahren versank sein Land im Hochwasser. Der Verlust war immens. Versicherung hatte er keine. In diesem Jahr sieht es besser aus. Dank dem EU-Investitionsprogramm „Sapard“ konnte er eine neue Maschinenhalle erstellen und einen neuen Traktor kaufen. Er ärgert sich über den bürokratischen Aufwand: „Über 2500 Unterschriften musste ich leisten, bis das Geld überwiesen wurde.“ Genommen hat er es aber gerne. Im Moment bezahlt er seinen neun Angestellten je 300 Euro pro Monat. Die rumänische Wirtschaft entwickelt sich im Eiltempo. Schmid rechnet mit einer Verdoppelung der Löhne in den nächsten beiden Jahren. Der Wohlstand steigt, die Kosten auch. Rumänien wird nicht mehr lange ein Billiglohn-Land sein. Beide Schweizer Bauern, Christian Häni und Markus Schmid sind überzeugt, dass ihre Betriebe im Wettbewerb mit Doktor Mann und Konsorten mithalten können. Verschieden ist einzig der Weg. Biologisch oder konventionell. Der Traum des freien Bauern ist aber für beide wahr geworden, nicht in der Schweiz sondern in Rumänien.
“Land unter” im Wauwiler Moos (Der Gemüsebau 22.8.2007)
Mittwoch, 22. August 2007Hochwasser zerstörte im Wauwiler Moos einen grossen Teil der Gemüse-Ernte. Bereits im Juni zerstörte eine Hagelfront einen Teil der Produktion. Erneut musste nun Bereichsleiter Alois Dubach seinen Gemüseabnehmern schlechte Nachrichten überbringen.
Neugierig hält der Fischreiher am Rand des Sees Ausschau auf Nahrung. Die Enten paddeln friedlich auf dem See. Ein idyllischer Ort eigentlich. Doch Fische wird der Reiher hier nicht finden. Viel eher Kabis – wenn er den Schnabel tief genug ins Wasser steckt. Denn eigentlich steht hier das Gemüsefeld des landwirtschaftlichen Betriebes der Strafanstalt Wauwilermoos in Egolzwil LU. Doch vor drei Tagen – in der Nacht vom 8. auf den 9. August – geschah es: Sintflutartiger Regen liess das Bächlein Ron innert kürzester Zeit zum reissenden Fluss anschwellen. Natürlich war das Bachbett zu klein für die Wassermassen, das Wasser strömte auf die Felder des grössten Biobetriebes des Kantons Luzern. Dort überflutete es einen grossen Teil des Kartoffel- und Karottenfeldes, frisch angepflanzte Kopfsalate und Chicorée und eben den Kabis.
Zuerst Hagel dann Hochwasser
„Alles kaputt!“ sagt Alois Dubach. Er ist auf dem grössten Biobetrieb des Kantons Luzern verantwortlich für den Bereich Gemüsebau. Er weiss aus Erfahrung, dass ein grosser Teil
dieser Ernte verloren ist. Denn vor zwei Jahren beim letzten grossen Unwetter versoffen die Karotten und alles Lagergemüse ebenfalls im Wasser und erholten sich nicht mehr. „Obwohl wir damals noch gehofft hatten, dass sich die Rüebli erholen“, so Alois Dubach. Doch dieses Mal sei alles noch viel schlimmer gewesen, sagt er. „Diese Rüebli kannst du nur noch runterpflügen!“ 3 Hektaren ebenso 6 Hektaren Kartoffeln schätzungsweise. Er blickt nachdenklich auf das Karottenfeld, das auch noch nach drei Tagen unter Wasser steht. Bereits im Juni zerstörte eine Hagelfront den grössten Teil der Kulturen und im Gewächshaus die Setzlinge. Schon wieder muss er nun dem Hauptabnehmer – einem Grossverteiler – beibringen, dass er nicht liefern kann. Und das in einer Zeit, wo der Druck der Gemüseproduzenten bei den Grossverteilern besonders gross ist. Natürlich mache man sich Gedanken über die Zukunft. Denn die Abnehmer wollen zuverlässige Lieferanten, höhere Gewalt hin oder her. Alois Dubach hat kurz nach dem Unwetter sogar daran gedacht, das Gemüse aus der Fruchtfolge zu nehmen. Doch das war wohl eher eine Schockreaktion. Mittlerweile hat die Zuversicht den Frust schon wieder abgelöst. „Beim letzten Mal konnten wir nach zwei Wochen bereits wieder mit den Maschinen aufs Feld“, hofft Dubach nun auf gnädiges Wetter.
Keine Lösung in Sicht
Es bleibt die Frage des Standortes. So ideal das Moos für Gemüsekulturen ist, die Feuchtigkeit ist eigentlich an solchen Orten Programm. Trotz Drainage. Aber nicht nur das: „Mit der zunehmenden Besiedelung gelangt immer mehr Oberflurwasser in die Ron“, erklärt Alois Dubach. Und von unten drückt bei Hochwasser der grössere Bach Wigger. Anders gesagt: In extremen Regenperioden ist schlicht zu wenig Platz da für das Wasser. „Da kannst du nur noch machtlos zusehen, wie das Wasser die Felder überschwemmt.“ Doch gibt es wirklich keine Lösung? Durch eine Erhöhung des bereits vorhandenen Dammes vielleicht? Alois Dubach winkt ab: „Nach dem Unwetter von 2005 hat man das versucht, mit dem Resultat, dass sich das Bachbett anhob.“ Ein Nullsummenspiel. Doch eine Idee hätte er schon: Den Bach ausbaggern. Er erinnert sich an frühere Zeiten, als das regelmässig gemacht wurde. „Weil die Holzunterlagen am Bachgrund zu fest gelitten haben, hat man damit aufgehört“, sagt Alois Dubach.
Irgendwie bleibt also gar nichts anderes übrig, als sich mit der Situation abzufinden. Ein Betrieb von dieser Grösse – ein Staatsbetrieb dazu – kann das vielleicht auch eher verkraften. Doch Alois Dubach denkt an seine Berufskollegen, beispielsweise im Seeland, die es in diesem Jahr auch hart getroffen hat. „Für die, die ihr eigenes Vermögen im Betrieb haben, ist das schon schlimm.“ Die Zahlungen der Hagelversicherungen – die in solchen Fällen haftet – sind ein schwacher Trost. Ganz abgesehen davon, dass noch lange nicht alle Gemüsebaubetriebe für solche Fälle versichert sind. Bleibt die psychologische Komponente. Mühsam angepflanzt und in wenigen Minuten zerstört. „Gerade unsere Klienten – die Insassen der Strafanstalt – reagieren in solchen Fällen besonders sensibel“, sagt Alois Dubach. Doch nicht alle sind frustriert: „Sehen Sie dort hinten die zufriedenen Enten auf dem See?“
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Podcast zum Artikel: Play Now | Play in Popup | DownloadBald heisst es in Rumänien: Billig-Lohnland ade! (3. August 2007)
Freitag, 03. August 2007Temeswar ist der Ort mit der tiefsten Arbeitslosigkeit Europas. Die Rumänische Wirtschaft boomt. Schweizer Unternehmen profitieren vor Ort von der wachsenden Kaufkraft im ehemaligen Ostblockstaat.
Region Banat, im Westen von Rumänien. 30 Grad im Schatten, die Luft stickig und es stinkt nach Abgas. Die Autos stauen sich durch die Stadt Temeswar. Die grauen Plattenbauten erinnern an die Zeit des Kommunismus. Typische Industriestadt im ehemaligen Ostblock. Soweit das Klischee. Doch: Zwischen Industrieruinen und verfallenden Wohnblocks fallen moderne und Fabrikhallen in grellen Farben auf. Sie machen das kleine Wirtschaftswunder sichtbar, das hier gerade stattfindet. Willkommen in der Region mit der tiefsten Arbeitslosenrate Europas. Das niedrige Lohnniveau zog in den letzten Jahren viele westliche Firmen an. Ungarn und Westeuropa sind nah und die Verkehrsanbindung ist relativ gut. Die Leute sind zudem gut ausgebildet. Ein Eldorado also für Investoren. Auch für Schweizer Unternehmen?
Inländischer Markt ist entscheidend
„Für Firmen, die nur wegen den tiefen Löhnen hierher kommen, ist es bereits zu spät,“ sagt Peter Bayard. Die so genannten Lohnhersteller seien längstens weitergezogen. Der Walliser produziert in Temeswar in seinem Pharma-Betrieb „Helvetica Profarm“ seit über
zehn Jahren Infusionsflaschen für Spitäler in Rumänien. Als Vorstandsmitglied der Handelskammer Schweiz-Rumänien ist er oft der erste Ansprechpartner für Schweizer Unternehmen, die sich für Investitionen im boomenden Karpatenstaat interessieren. Er hat den wirtschaftlichen Aufschwung in der Stadt hautnah miterlebt: Rund um seine Fabrik sind in den letzten Jahren Shopping-Center entstanden. Der wirtschaftliche Aufschwung brachte Kaufkraft ins Land. Peter Bayard sieht deshalb im rumänischen Markt selber das eigentliche Potenzial für Schweizer Unternehmen.
Simon Krattiger Co-Gründer der Holzkonstruktionsfirma Tehnica Schweiz
in Voiteg profitiert bereits von der neu entstandenen rumänischen Mittelschicht. Beim Start in Rumänien vor neun Jahren produzierte der Betrieb vorgefertigte Holzprodukte für den Schweizer Markt. Heute fabrizieren 35 Arbeiter – ihr Monatsgehalt liegt zwischen 350 und 600 Euro -, Holzelemente für Industrie- und Sporthallen und andere Spezialkonstruktionen. Keine Massenware. Seine Auftragsbücher sind voll. Die Auftraggeber wohnen nun aber in Rumänien. „Es herrscht so etwas wie Goldgräberstimmung in Rumänien,“ sagt Krattiger. „Es boomt vor der Haustüre.“ Doch er warnt Schweizer Investoren vor dem Traum vom schnell verdienten Geld. „Wer es in der Schweiz zu nichts gebracht hat, wird es in Rumänien erst recht nicht schaffen,“ winkt er ab. Pioniergeist sei auch in diesem Land eine Grundvoraussetzung für den Erfolg. Denn aller Anfang ist auch in Rumänien schwer.
Steigendes Lohnniveau
„Entscheidend ist der Mensch der ersten Stunde, auf den ein potentieller Investor in Rumänien trifft,“ sagt Peter Bayard. Wer Pech hat, trifft auf einen der zahlreichen Blender und Betrüger. Anderes Klima, fremde Sprache, unbekannte Mentalität. Wer Land kaufen will, muss sich mit Behörden herumschlagen und die richtigen Anwälte kennen. Es kann aber selbst nach Regelung der Besitzverhältnisse nach Jahren noch zu Überraschungen kommen. Bei Simon Krattiger tauchte eines Tages plötzlich ein Rumäne auf, der behauptete, die gekaufte Halle gehöre ihm. Ein Anwalt musste das regeln. Geschäftlicher Alltag in Rumänien.
Starke Nerven braucht es im Umgang mit den Arbeitskräften. Die Arbeitsmoral ist anders als in der Schweiz, was mit der sozialistischen Vergangenheit zu tun hat. „Über 40-Jährige kannst Du in der Regel nicht brauchen,“ sagt Peter Bayard. Er setzt auf junges Personal, vor allem Frauen. Diese seien hochmotiviert. Er bezahlt ihnen „anständige“ Löhne zwischen 800 und 1500 Euro. Damit will er auch verhindern, dass sie in andere Länder abwandern. Das kommt in der Region öfter vor. Das Lohnniveau liegt in Rumänien zwar immer noch deutlich unter dem in Westeuropa. Noch. Doch das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung ist enorm hoch. Bald heisst es: Billiglohnland ade.
Wie kleine Kinder
In Temeswar ist der Arbeitsmarkt komplett ausgetrocknet. Simon Krattiger ist deshalb froh, dass seine Firma eine halbe Stunde ausserhalb der Stadt liegt. Aber selbst dort findet er für die einfacheren Arbeiten kaum geeignetes Personal. „So etwas wie eine Berufslehre gibt es hier leider nicht,“ sagt Krattiger. Deshalb müssen die Arbeiter immer zuerst angelernt werden. Er beklagt zudem die mangelnde Selbständigkeit der einheimischen Mitarbeiter: „Sie sind wie Kinder, die dauernd beaufsichtigt werden müssen.“ Auch deshalb müsse ein Unternehmer immer vor Ort sein: „Es ist eine Illusion zu meinen, man könne für seine Zweigniederlassung einen Geschäftsführer einsetzen und den Betrieb quasi übers Internet aus der fernen Schweiz steuern.“
Grossbauer aus Schaffhausen
Dass Rumänien nichts für engstirnige Schweizer ist, zeigt der Schaffhauser Markus Schmid. Er führt an der jugoslawischen Grenze einen 1500-Hektar-Ackerbaubetrieb. 100 Mal grösser als ein durchschnittlicher Schweizer Bauernhof. Mais, Weizen und Soja baut er mit seinen neun Mitarbeitern an. Zu seinen Mitarbeitern hat er ein professionelles Verhältnis: „Mental besteht eine Hemmschwelle zwischen mir als Schweizer und den Rumänen,“ sagt er offen. Er hat sich arrangiert. Der Ärger hält sich in Grenzen, wenn der benachbarte Schäfer wieder einmal seine Schafherde durch das Maisfeld führt. Er hat Schlimmeres erlebt. Vor zwei Jahren versank sein Land im Hochwasser. Der Verlust war immens. Versicherung hatte er keine. Durchhaltewille war gefragt. Doch die Krise hat er überwunden. Der Mais steht so hoch, wie an keinem Ort sonst. Von der EU erhält er seit diesem Jahr Subventionen, das hilft zusätzlich. Für innovative Schweizer Bauern sei in Rumänien noch genug Land vorhanden. Das findet auch Peter Bayard: „Junge und fähige Bauern haben eine grosse Zukunft in Rumänien.“ Er spricht von der zunehmenden Bedeutung von nachwachsenden Rohstoffen. Doch die Dimensionen sind ungewohnt:„Unter 500 Hektaren muss einer hier gar nicht anfangen,“ sagt Schmid. Der Preis liegt noch bei rund 1500 Euro pro Hektare. Ein Schnäppchen eigentlich. Doch die Preisspirale dreht sich nach oben. Auch wegen den weltweit steigenden Rohstoffpreisen im Agrarsektor. Viel Hektik also auch hier. Wie überall rund um Temeswar.

