Journalismus: Publizierte Artikel
Artikel von Januar, 2009:
Discounter: Alternativer Absatzkanal für Schweizer Gemüse
Freitag, 30. Januar 2009Auf Aktionen von Aldi reagieren Coop und Migros jeweils mit Preisabschlägen. Das führt zu Unmut unter den Gemüseproduzenten. Doch die Schuld an der negativen Preisspirale alleine den Aldi-Lieferanten zuzuschieben, ist zu einfach. Für Diskussionen bleibt aber kaum Zeit, denn im Frühling steht der Markteintritt von Lidl bevor.
500g Schweizer Chicorée für 1.79 Franken oder einen Blumenkohl für 1.29 Franken. In der Sonntagspresse kündigt Aldi jeweils in ganzseitigen Inseraten an, welche Schnäppchen beim Discounter in der kommenden Woche ausgelegt werden. Es ist der Moment, wo die Einkäufer von Coop und Migros – bei Kaffee und Sonntagszopf – grollend zur Kenntnis nehmen müssen, dass Aldi seine Kundschaft einmal mehr mit Gemüse zu konkurrenzlosem Tiefpreis in die Läden lockt. Obwohl die beiden Grossverteiler sich den Markt immer noch grösstenteils untereinander aufteilen tun die Nadelstiche des unangenehmen Discounters weh. So fest offenbar, dass sie sofort mit Preisabschlägen auf die Anzeigen reagieren. Das sorgt für Frust unter den Gemüseproduzenten. Diese schieben die Schuld am Preiskrieg gerne den Aldi-Lieferanten zu. Das führt in der Branche zu grossen Spannungen. Doch den Schwarzen Peter nur dem Hard-Discounter alleine und seinen Lieferanten zuzuschieben ist zu einfach.
Anderes Konzept bei Aldi
Ein schmales Sortiment mit ungefähr 1000 Produkten auf einer beschränkten Verkaufsfläche von maximal 1000 m2. Das sind die Grundpfeiler des Erfolgs von Aldi. Die Kosten bleiben so tief und ermöglichen trotz kleiner Marge satte Gewinne. Zweimal in der Woche gibt es Spezialangebote zu Tiefpreisen, die das Volk in den Laden locken – von Biofenchel, über den Flachbildschirm bis zum Schneepflug. Das Discounter-Konzept hat die beiden Brüder Karl (Aldi Süd) und Theo Albrecht (Aldi Nord) zu den beiden reichsten Männern in Deutschland gemacht.
«Aldi verkauft letztlich ein anderes Produkt als Coop und Migros», sagt Hans Graf, Gemüseproduzent aus
Oberriet SG und bekennender Aldi-Lieferant. Viele Berufskollegen rieben sich diesen Sommer die Augen, als
Hans Graf ihnen erstmals in den wöchentlich erscheinenden AldiNews vor einem Salatfeld entgegenlachte.
Erstmals bekannte sich ein Gemüseproduzent öffentlich zu Aldi. In der gleichen Reihe mit dem Biogemüse-
Produzenten Martin Müller aus Steinmaur ZH sowie Vertretern einer Mühle, einer Molkerei, einer Käserei, einem Winzer oder einem Fleischproduzenten. Bis vor ein paar Monaten waren Aldi-Lieferanten froh, wenn Sie nicht als solche erkannt wurden. Die Verschwiegenheit gehörte zum Prinzip von Aldi Suisse.
Von diesem ist der Discounter mit seiner Plakat- und Inseratkampagne in diesem Jahr abgekommen: «Wir wollen so zum Ausdruck bringen, dass wir ein Schweizer Unternehmen sind» sagte Mediensprecher Sven Bradke zum Mediendienst des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes. Hemmschwellen und Vorurteile der Konsumenten könnten damit abgebaut werden.
Anschwärzereien von Kollegen
Hans Graf, nebenbei auch Vizepräsident des Verbandes schweizerischer Gemüseproduzenten (VSGP), musste sich nach seinem Werbeauftritt vieles anhören. Selbst Coop verlangte eine Erklärung. Inzwischen kann er die Kritik schon fast nicht mehr hören. Er steht aber weiterhin zu seinem Engagement für den Discounter, der im Übrigen keine tieferen Preise als die Grossverteiler bezahle, wie er sagt. Aldi unterstütze damit die regionale Gemüseproduktion in der Schweiz. Die Qualitätsanforderungen sind beim Discounter praktisch gleich, wie bei anderen Handelspartnern. Gemüseproduzenten müssen die Bedingungen von Swissgap und Suisse Garantie erfüllen, selbst die Bio-Produkte erfüllen alle verlangten Anforderungen.
«Aldi ist ein zuverlässiger Handelspartner, der die Schweizer Produktion unterstützt», bringt es VSGP-Direktor Nicolas Fellay auf den Punkt. Er besuchte im Dezember die Aldi-Zentrale in Embrach und kam zum Schluss, dass der Discounter für die Gemüseproduzenten ein ernstzunehmender Abnehmer ist. Ohne die weiterhin grosse Bedeutung von Coop und Migros abzuerkennen. Diese verteidigen ihre Pfründe vor allem über die Niedrig-Preis-Linien «Prix Garantie» und «M-Budget». Coop hat zudem mit seiner Preis-Reduktions-Aktion zu Beginn des Jahres auf viele Markenprodukte den Takt vorgegeben und vor allem Denner den Kampf angesagt. Wie lange der Preiskampf gut gehen kann, ist fraglich. Denn beide Grossverteiler können mit den Kostenstrukturen eines
Discounters nicht mithalten.Wie lange das gut gehen kann ist fraglich. Denn beide können mit den Kostenstrukturen eines Discounters nicht mithalten. Kommt dazu, dass Coop und Migros gleichzeitig ihre Sortimente vor allem auf eine anspruchsvollere und kaufkräftigere Kundschaft ausrichtet. «M-Budget» neben «Sélection» respektive «Prix-Garantie» neben «Fine Food». Da haben es die Discounter einfacher. Sie konzentrieren sich auf eine Linie.
Lidl steht bereit
Die Medien schreiben gerne, dass der Markteintritt von Aldi bisher wenige Auswirkungen auf den Detailhandel in der Schweiz hatte. Für die Gemüsebranche stimmt das nicht. Die Nervosität ist in der Branche sehr gross und erhält nun zusätzlichen Auftrieb durch den für den Frühling angekündigten Markteintritt des «anderen» grossen Discounters aus Deutschland. Der Preiskampf wird also vermutlich in eine neue Runde gehen, wenn Lidl gleichzeitig 20 Filialen in der Schweiz eröffnet. Diese haben ein breiteres Sortiment als die Aldi-Läden – zwischen 1600 und 2000 Artikel – und enthalten viele Markenartikel. Die Preise sollen 20 Prozent unter denen der Konkurrenz liegen. Das sagte zumindest der Detailhandel-Experte Peter Cammerer in einem Interview mit der Neuen Luzerner Zeitung. Die Zulieferer täten gut daran, sich auf harte Verhandlungsrunden einzustellen, sagte er weiter. Auch Lidl werde Schweizer Produkte im Sortiment haben. Aber:«Sicher wird das Unternehmen seine bewährten Artikel auch in der Schweiz anbieten wollen, deshalb sind lokale Produkte nicht in jedem Fall hilfreich für Lidl», sagte Cammerer. Wie das damals bereits bei Aldi der Fall war, hüllt sich Lidl selbst bezüglich Starttermin vor allem in Schweigen. Und gibt so den Spekulationen Auftrieb. Zwar ist bekannt, dass Lidl bereits mit Gemüseproduzenten Gespräche geführt hat. Man hört, dass das Interesse in der Branche gross sein soll. Doch genaue Auskunft will niemand geben. Selbst Peter Konrad, Leiter der Fachstelle Gemüse- und Beerenanbau in Arenenberg, der in die Gespräche involviert ist, sagt nichts: «Wir haben Stillschweigen vereinbart!» Die Geheimniskrämerei trägt sicher nicht dazu bei, dass etwas mehr Ruhe auf dem Markt einkehrt. Es gibt sogar namhafte Marktplayer, die ernsthaft daran zweifeln, ob Lidl überhaupt je Filialen in der Schweiz eröffnen wird. Die Gerüchteküche brodelt also und sorgt so für viel Präsenz in den Medien. Aber das gehört wohl zum Spiel.
(Publiziert: 30.1.2009 Zeitschrift “Der Gemüsebau/ Le Maraîcher”)
Interview mit Bundesrat Ueli Maurer: «Ich werde den Kontakt zur Gemüsebranche aufrecht erhalten!»
Freitag, 30. Januar 2009
Nicht einmal ein Jahr dauerte die Amtszeit von Ueli Maurer als VSGP-Präsident. Seine Wahl in den Bundesrat machte ihm und der Gemüsebranche einen Strich durch die Rechnung. Im Interview schaut er auf die letzten Monate zurück. Er will den Gemüseproduzenten künftig zu mehr Gehör in der Landesregierung verhelfen.
Vor nicht allzu langer Zeit haben Sie Doris Leuthard noch durch Gewächshäuser geführt, um ihr die Situation der Gemüseproduzenten vor Ort aufzuzeigen. Nun sind die Wege zu ihr kürzer geworden. Darf die Branche sich nun Hoffnungen machen, dass ihre Anliegen in der Regierung nun auf mehr Gehör stossen werden?
Ueli Maurer: Den Kontakt zu den Gemüseproduzenten möchte ich unbedingt aufrecht erhalten, ganz einfach weil mich die Branche fasziniert. Ich und Doris Leuthard arbeiten nun tatsächlich fast Tür an Tür. Ich sehe sie also täglich und werde sicher mit ihr öfter über die Gemüsebranche sprechen können als vorher.
Als VBS-Chef kümmern Sie sich aber vor allem um Panzer und Soldaten. Haben Sie überhaupt die Möglichkeit, in «departementfremden» Bereichen wie dem Gemüsebau entscheidend Einfluss auszuüben?
Ich denke schon, dass man zumindest Verständnis wecken kann. Denn die Kenntnisse über die Branche –über die gesamte Landwirtschaft überhaupt – sind im Bundeshaus gleich Null. Es bleibt zu hoffen, dass wir die zwei bis drei Jahre, die bis zu einem möglichen Freihandelsabkommen bleiben, nutzen können, um unsere Einwände einzubringen. Aber eine Garantie gibt es natürlich nicht.
Der verordnete Rüebli-Konsum für Rekruten wäre wohl etwas zu viel verlangt vom VBS-Chef?
Die Schweizer Armee soll sich mit Schweizer Produkten verpflegen. Ich werde mich falls möglich dafür einsetzen, allerdings ist vieles bereits vorgegeben.
Dann können die Gemüseproduzenten wenigsten den Bundesrat zwischendurch mit Gemüse-Dips beliefern…
Genau!
Nun endet Ihre VSGP-Präsidentschaft abrupt. Schade eigentlich für den zeitlichen Aufwand, den Sie in den letzten Monaten aufgewendet haben, mit vielen Besuchen und Gesprächen vor Ort. Ihr grosses Engagement wurde von den Produzenten im Übrigen sehr geschätzt. Welchen Eindruck hat Ihnen die Gemüsebranche hinterlassen?
Einen dynamischen! Ich bin beeindruckt vom unternehmerischen Denken vieler Gemüseproduzenten. Man spürt viel Herzblut. Ich habe beispielsweise Eigenkonstruktionen und innovative Massnahmen zur Arbeitserleichterung gesehen, die nur möglich sind, wenn man mit dem Betrieb und in der Branche lebt. Allerdings bestehen nach wie vor strukturelle Probleme, die Gemüseproduktion wird vom Strukturwandel sicher nicht verschont bleiben. Der Gesamteindruck fällt aber im Allgemeinen deutlich positiver aus, als für die übrige Landwirtschaft.
In welchen Bereichen muss sich die Branche verbessern?
Am meisten Geld vergibt man meines Erachtens noch am Markt selbst. Angebote und Preise werden noch zu wenig gut aufeinander abgestimmt. Die Koordination des Angebotes sollte besser werden. Trotz Konkurrenz ist hier mehr Solidarität unter den Produzenten nötig.
In Ihrer kurzen Zeit als Verbandspräsident hat sich auch auf der Geschäftsstelle viel bewegt. Wo sollten Ihr Nachfolger und der Verband künftig die Hebel ansetzen?
Zurzeit verzettelt sich der Verband immer noch zu fest in zu vielen verschiedenen Bereichen. Man sollte sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Beispielsweise auf die Schaffung von Marktvertrauen zwischen Grossverteilern und Produzenten – wenigstens so gut das geht. Sehr wichtig wäre für den Verband zudem das Marketing. Vieles läuft in diesem Bereich aber unkoordiniert und ist mehr ein Zufallsprodukt. Ich habe mich hier während meiner Amtszeit besonders engagiert und hoffe, dass ich das nun noch richtig aufgegleist habe. Dazu gehört unter anderem die Information gegen Innen – Internetauftritt, Newsletter und auch die Zeitschrift der Gemüsebau – sowie den besseren Einbezug der Konsumenten. Die in der Werbung verwendeten Mittel müssen zudem unbedingt besser vernetzt werden um eine bessere und nachhaltigere Wirkung zu erreichen.
Wann gibt es ein Wiedersehen mit Bundesrat Ueli Maurer?
Ich werde im Frühling sicher an der Delegiertenversammlung im Tessin teilnehmen. Geplant ist zudem, dass ich in meiner neuen Funktion als Bundesrat den neuen Gemüsepfad im Seeland eröffnen werde. Zudem werde ich noch an zwei Generalversammlungen der Sektionen teilnehmen.
Einsatz für die Gemüseproduzenten bis zum Schluss also?
Ja sicher. Ich werde mich sowieso auch künftig für die Gemüsebranche engagieren. Sie soll ruhig zwischendurch von der Medienaufmerksamkeit eines Bundesrates profitieren dürfen.
(Publiziert: “Gemüsebau / Le Maraîcher” vom 30. Januar 2008)
