Journalismus: Publizierte Artikel
Artikel von Februar, 2009:
Deutschland wartet nicht auf Schweizer Gemüse
Freitag, 06. Februar 2009
Deutscher Gemüse-Fachmann sieht kaum Chancen für Schweizer Exporte.
Schweizer Rüebli in der EU? Die Gemüseproduzenten sind bekanntlich wenig optimistisch, was die Exporttauglichkeit ihrer Produkte anbetrifft. Hans-Christoph Behr, Gemüse-Experte von der Zentralen Markt und Preisberichtstelle ZMP in Bonn (D), konnte die Zweifel nicht aus dem Weg räumen. Er sprach am Mittwoch an der gemeinsam von der Agridea, ACW und LZ Liebegg organisierten Tagung „Trends im Gemüsebau“ in Villigen AG über mögliche Exportchancen von Schweizer Gemüse in der EU.
Anhand der Beispiele der noch relativ jungen EU-Mitglieder Polen und Österreich zeigte er zwar auf, dass die Marktöffnung in diesen Ländern keine „revolutionären“ Änderungen in der EU-Gemüsebranche und in den beiden Ländern selbst gebracht hätten. „Die Schweiz ist natürlich in punkto Marktabschottung aber schon ein Unikum“, stellte Behr die Vergleichstauglichkeit der Länder mit der Schweiz gleich selbst in Frage. Bezüglich des oft als Argument gegen den Freihandel verwendeten höheren Schweizer Lohnniveaus meinte Behr, dass die Rolle der Lohnhöhe in den Diskussionen um Standortvorteile überschätzt würde. Häufig seien tiefere Löhne mit einer niedrigeren Produktivität gepaart: „Die Lohnkostenbelastung pro Stück kann in einem Niedriglohnland sogar höher sein“, sagte Behr. Und entscheidend seien schliesslich die Produktionskosten.
Premium ist kein Allheilmittel
Behr verglich in seinem Referat die Gemüsepreise in Deutschland und der Schweiz und zeigte einmal mehr das bekannte Gefälle auf. „Mit Massenprodukten werden Sie mit Ihrem Gemüse sicher keinen Erfolg in Deutschland haben“, richtete Behr deshalb deutliche Worte an die Tagungsteilnehmer. Aber mit was dann? Mit den oft genannten Premium-Produkten? Behr winkte ab, da Deutschland diesbezüglich ein Entwicklungsland sei. „Es gibt kaum Händler, die überhaupt über zwei Referenzprodukte verfügen“ sagte er. Und gerade das obere Preissegment sei oft nur dünn besetzt. 53 Prozent des Frischgemüses würde in Deutschland bei Discountern abgesetzt. In Grossbritannien sei der Markt für Hochpreis-Produkte eventuell besser. Allerdings leide dort im Moment wegen der Finanzkrise gerade der Absatz von Premium-Marken besonders stark.
Auf Inlandmarkt konzentrieren
Immerhin einen Hoffnungsschimmer weckte Behr doch noch: Im Biobereich könne die Schweizer Produktion mit der Deutschen preislich noch am ehesten mithalten. Grundsätzlich sei es aber fraglich, ob die „Swissness“ im Bereich von Gemüse in Europa überhaupt ein taugliches Verkaufsinstrument sei. „Viele in Deutschland denken dabei eher an Schokolade und an Käse, aber kaum an Gemüse.“ Schweizer Gemüse-Produzenten würden sich besser auf den Inlandmarkt konzentrieren, schloss Behr seine Ausführungen ab.
Viele Produzenten im Saal fühlten sich durch diese Worte bestärkt in ihrer Meinung, dass Agrarfreihandel und Schweizer Gemüse halt wirklich nicht zusammenpassen. Man müsse jetzt zusammenstehen und sich mit allen Kräften gegen den Freihandel wehren, nahm Pascal Toffel vom Verband Schweizerischer Gemüseproduzenten (VSGP) den Steilpass seines Vorredners auf. Die Studie der Uni St. Gallen habe gezeigt, dass der Produktionsrückgang von Inlandgemüse bei einem Freihandelsabkommen dramatisch sei. Man könne zwar für die verlorenen Mengen nach Absatzmöglichkeiten auf Nischenmärkten in der EU suchen, sagte Toffel weiter. Doch das sei nur Theorie!
Minergie macht sich bezahlt!
Mittwoch, 04. Februar 2009Gebäude, die nach Minergie-Standard saniert oder gebaut werden, lassen sich teurer verkaufen.
Nach Minergie-Standard erstellte Bauten verbrauchen im Vergleich zu herkömmlichen Bauten rund 60 Prozent weniger Energie. Doch die energiesparenden Bauinvestitionen haben ihren Preis: Der Aufpreis für ein Einfamilienhaus liegt zwischen 5 und 10 Prozent. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Zürcher Kantonalbank analysierte den Markt für Minergie-Wohngebäude im Kanton Zürich. Die Studie zeigt, dass Käufer schon heute bereit sind, den Mehraufwand für energieeffiziente Gebäude zu bezahlen. Die höhere Zahlungsbereitschaft lässt sich aber nicht in erster Linie durch die Kosteneinsparungen wegen des tieferen Energieverbrauchs erklären. Denn die Autoren haben berechnet, dass diese erst bei einem deutlichen Anstieg der Energiepreise zum Tragen kommt.
Hohe Energiepreise helfen
Bei einer Amortisationszeit von 30 Jahren liessen sich die Zusatzkosten bei einem nach Minergie-Standard erstellten Einfamilienhaus erst bei einem Ölpreis von 218 Franken pro 100 Liter Heizöl decken. Und davon ist man bekanntlich zurzeit ziemlich weit weg. Weshalb sind Hauskäufer heute trotzdem bereit, einen höheren Preis für Minergie-Bauten zu bezahlen? Ein Grund liegt laut der Studie darin, dass viele Käufer – trotz des gegenwärtig wieder deutlich gesunkenen Ölpreises – von deutlich höheren Energiepreisen in der Zukunft ausgehen. Ausserdem rechneten viele mit einer Verschärfung der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Mit der Einhaltung des Minergiestandards wären diese sicher auch in Zukunft bereits erfüllt und somit ein Verkaufsvorteil. Kommt dazu, dass die Wohnqualität in diesen Häusern und Wohnungen hoch ist. So sorgt die Komfortlüftung – das Kernstück jedes Minergie-Hauses – für eine optimale Luftqualität, die vor allem auch Allergiker anspricht. Bei umweltbewussten Hauskäufern spielen zudem ideelle Gründe mit, die zu einer höheren Zahlungsbereitschaft führen. Doch es gibt auch handfeste Gründe, die für Minergie sprechen. Banken gewähren gegen vorweisen des Minergie-Zertifikates spezielle Zinsvergünstigungen für Hypotheken von bis zu 1 Prozent, was eine deutlich schnellere Amortisation der Zusatzkosten ermöglicht.
Gebäudeausweis als Kaufargument
Trotz diesen guten Aussichten ist der Anteil von Minergie-Wohngebäuden an allen Wohnbauten mit rund 1 Prozent schweizweit noch gering. Ein Grund dafür liegt wohl in den administrativen Hürden, die zur Erlangung des Zertifikates der privatwirtschaftlich organisierten Institution zu nehmen sind. Der Aufwand ist vor allem bei sanierten Häusern beträchtlich. «Ohne fachliche Hilfe von Architekt und Haustechnikplaner geht das nicht!», sagt Andreas Birrer, selbständiger Architekt ETH SIA aus Zürich. Er hat in den letzten Jahren viele Gebäude nach Minergie-Standard geplant, gebaut oder saniert. Trotz grossem planerischem und administrativem Aufwand für Minergie- und Klimarappennachweis ist er aber überzeugt, dass sich das energieeffiziente Bauen für den Bauherrn lohnt, weil der Wert der Liegenschaft dadurch deutlich steige. Auch in Anbetracht der zu erwartenden Zunahme der Energiekosten in naher Zukunft. Dass die Bedeutung des Energieverbrauchs als Kaufkriterium für ein Gebäude zunimmt, zeigt die Lancierung des kantonalen Gebäudeausweises in diesem Jahr. Ähnlich wie bei Haushaltgeräten, zeigt eine Etikette den Energieverbrauch auf einer Skala zwischen F (sehr hoher Verbrauch) und A (sehr niedrig) auf. Häuser der tiefsten Kategorie dürften es in ein paar Jahren schwer haben, einen guten Preis zu erzielen.
Mehr Informationen: www.minergie.ch
(Publiziert in K-Geld, 4.2.2009)
In «Thanet Earth» wachsen künftig Tomaten für Londons Supermärkte
Sonntag, 01. Februar 2009Im grössten Gewächshauskomplex Englands wachsen seit diesem Monat die ersten Gemüsepaprika und Tomaten. Mit der ganzjährigen Produktion soll die Abhängigkeit von Importen vermindert werden. Ausserdem liegen regionale Produkte bei den englischen Konsumenten offenbar im Trend.
Tomaten und Gurken «made in England». Bis jetzt war das eher eine Rarität. Das soll sich ab diesem Jahr ändern. 100 km östlich von London in der Grafschaft Kent auf der Halbinsel «Isle of Thanet» entsteht zurzeit auf einer Fläche von 91 Hektaren der
grösste Gewächshauskomplex Englands. Hinter dem Megaprojekt «Thanet Earth» steht die Fresca Group Ltd, die grösste Anbieterin von Frischprodukten auf der Insel. Mit im Boot sitzen die drei holländischen Zuchtfirmen Rainbow Growers Group, Red Star Trading und A&A. Sie liefern das Knowhow für die Produktion der Hors-sol-Kulturen von Tomaten, Gemüse-Paprika und Gurken.
Gemüse- und Stromproduktion
«Voraussichtlich zwischen Ende Februar und Anfang März pflücken wir in «Thanet Earth» die ersten Tomaten », sagt Geschäftsführer Steve McVicars. Drei Gewächshäuser seien im letzten Jahr erstellt worden und hätten ihren Betrieb aufgenommen, respektive würden dies bald tun. Bis Ende 2011 sollen alle 7 Gewächshäuser mit einer Fläche von 56 Hektaren fertig gestellt sein. Kostenpunkt für den gesamten Komplex: Umgerechnet 130 Millionen Franken. Staatliche Subventionen sollen nach Firmenaussage dafür keine fliessen. Alleine aus den drei bereits fertig gestellten Gewächshäusern werden künftig pro Woche 2,5 Millionen Tomaten, 700 000 Gemüse-Paprika und 560 000 Gurken geerntet werden. Tomaten sogar während des ganzen Jahres. Die britische Gemüseproduktion wird dadurch schlagartig um 15 Prozent zunehmen. Obwohl in der Region die Lichtverhältnisse für englische Verhältnisse gut sind, braucht es für die Produktion in den Wintermonaten künstliches Licht. In der Nacht soll die Temperatur in den Gewächshäusern bei 18 Grad Celsius liegen am Tag zwischen 25 und 28 Grad. Die eigens erstellten sieben Kraft-Wärme-Kopplung- Kraftwerke liefern die Wärme und CO2 für die Gewächshäuser. Quasi als Nebenprodukt entsteht Strom für 55 000 Haushalte. «Bis jetzt lebte ‹Thanet Earth› vor allem von der Stromproduktion und noch nicht von Gemüse», sagt Steve McVicars augenzwinkernd.
Vorzeige-Charakter
Die Erstellung des industriellen Gewächshauskomplexes für die Gemüseproduktion ist in diesen Dimensionen neu für England. Einige Leute in der näheren Umgebung beklagten den Eingriff in eine intakte Landschaft mit bestem Ackerland. Die Glaslandschaft ist immerhin sechsmal so gross wie der Zoo in London. Selbst die Aussicht auf 500 neue Arbeitsplätze sorgte kaum für Jubelschreie, da diese nur für billige ausländische Arbeitskräfte interessant seien. Die Kritiker äussern zudem Bedenken gegen die «Aushebelung» der Saisonalität. Doch die Fresca Group ist überzeugt, dass diese Art von regionaler Gemüseproduktion einem grossen Bedürfnis entspricht, vor allem in Städten wie London. Zudem sei die Umweltbilanz gar nicht schlecht, was vor allem an der kombiniertenWärme- und Stromproduktion liege, erklärt Steve McVicars. Es wird modernste, energieeffiziente Gewächshaustechnologie verwendet mit hohen Recyclinganteilen. Für die Bewässerung fliesst das Regenwasser von den Dächern in riesige Tanks mit einer Kapazität von 250 Millionen Liter. 20 Prozent desWassers sollen zudem aus dem täglichen Bewässerungsprozess ins System zurückfliessen. Und was bei der Bevölkerung gut ankommt: Durch die Gewächshäuser schwirren Nützlinge, die die Schädlingsbekämpfung übernehmen. Zudem wurden auf 16 der 91 Hektaren neue naturnahe Flächen geschaffen. «Finanziell, kommerziell und in Sachen Nachhaltigkeit hat dieses Projekt den Charakter eines Vorzeigemodells», sagte Steve McVicars in der Zeitung The Guardian. DieTomaten, Paprika oder Gurken sollen übrigens nicht zwingend mit einem eigenen Label von «Thanet Earth» markiert werden. «Die Herkunft England wird sowieso einen positiven Einfluss auf die Vermarktung haben,» sagt Steve McVicars selbstbewusst.
(Publiziert: 30. Januar 2009 Zeitschrift “Der Gemüsebau / Le Maraicher”
In «Thanet Earth» wachsen künftig Tomaten für Londons Supermärkte: Play Now | Play in Popup | Download
