Publizierte Artikel
Swissness à la Minder
Donnerstag, 08. Dezember 2011
60, 80 oder gar 100 Prozent? Über den künftig erlaubten Anteil von ausländischen Rohstoffen in verarbeiteten «Schweizer» Lebensmitteln wird seit langem gestritten. Als Antwort auf die von der Rechtskommission des Nationalrats angedrohte Verwässerung auf 60 Prozent Anteile will der Bauernverband eine Volksinitiative «für eine glaubwürdige Swissness» lancieren. Neo-Ständerat und Berufs-Querkopf Thomas Minder aus Schaffhausen goss nun über ein Interview im Schweizer Bauer zusätzlich Öl ins Feuer: Er strebe bei tierischen Produkten wie Milch, Käse, Fleisch oder Eier einen 100-prozentigen Schweizer Anteil an. Gleich soll es bei Gemüse und Früchten sein. Wie er das wohl genau meinte? Leider fragte der Interviewer nicht nach. Die zunehmenden Futtermittelimporte stehen zwar gerade im Zusammenhang mit den Swissness-Diskussionen schon schräg in der Landschaft. Trotzdem dürften weder Milch-, Geflügel- und vor allem Schweineproduzenten viel Gefallen an den Ideen von Minder gefunden haben. Ohne Eiweissfuttermittel aus dem Ausland läuft auf ihren Betrieben nämlich wenig bis gar nichts. Selbst Gemüse dürfte wohl nicht mehr mit «Suisse Garantie» ausgezeichnet werden. Viele Setzlinge und praktisch alles Saatgut kommen nämlich aus dem Ausland, genauso wie der Dünger übrigens auch. Und die Traktoren laufen in der Regel auch nicht mit Biodiesel aus Schweizer Raps. So war das nicht gemeint? Wie dann, lieber Thomas Minder? Aber ganz durchdacht scheint das ganze sowieso noch nicht zu sein. Denn für ihn seien ein Brot, ein Birchermüesli oder Pommes Chips – anders wie Fondue – keine landwirtschaftlichen Produkte, lässt er verlauten. Folglich müsste bei diesen nach seinen Vorstellungen die Wertschöpfung nur zur Hälfte – also sogar weniger wie 60 Prozent – in der Schweiz stattfinden damit es als schweizerisch gilt. Da hoffen wir einmal, dass sich der Enkel des Mitbegründers des Armbrust-Logos im Parlament nicht allzu fest in die Swissness-Diskussionen einmischt. Der Uferlosigkeit wären sonst Tür und Tor geöffnet.
Diese Kolumne ist in der Fachzeitschrift Alimenta erschienen.
Verdichtetes Bauen am Zürcher Stadtrand
Samstag, 03. Dezember 2011

Die Bevölkerung wächst, die Energie wird knapp und das CO2 aus fossilen Brennstoffen belastet das Klima. Ein neu erstellter Wohnkomplex im Zürcher Triemli berücksichtigt diese Aspekte voll und ganz. Anstelle von dreistöckigen, schlecht isolierten Mehrfamilienhäusern mit kleinen Wohnungen aus den 1940er-Jahren hat die Baugenossenschaft Sonnengarten an der Zürcher Stadtgrenze zwei längliche mehrstöckige Gebäude bauen lassen. Jetzt stehen dort mehr Wohnungen als vorher. Diese sind grösser und verbrauchen weniger Energie. So sieht verdichtetes Bauen aus. «Die alten Häuser bestanden zu einem grossen Teil aus 3,5-Zimmerwohnungen und entsprachen nicht mehr den heutigen Bedürfnissen», sagt Urs Erni, Präsident der Baugenossenschaft. In der neuen Anlage gibt es nun über 190 optimal gedämmte, geräumige, helle und mit Komfort-Lüftungen ausgestattete Wohnungen. Mehr als die Hälfte davon sind 4,5- und 5,5-Zimmerwohnungen. Damit wolle man wieder vermehrt Familien anziehen.
«Ich wollte den Betrieb nie aufgeben!»
Freitag, 18. November 2011

Silvester wird für Kaspar Widmer aus Weggis ganz besonders werden: Es ist der letzte Tag seines Gemüseproduktionsbetriebes. An diesem Tag geht eine Jahrzehnte dauernde Tradition zu Ende. «Es war nie mein Ziel, den Betrieb aufzugeben», sagt der Gemüseproduzent. Doch in den letzten Wochen hätten sich die Ereignisse überstürzt, so dass für ihn der Entscheid reifte, bereits jetzt einen definitiven Schlussstrich zu ziehen. Er hätte auch noch drei Jahre in den veralteten Gewächshäusern weitermachen können, aber wohl nicht länger. Denn der zwei Hektaren grosse Betrieb liegt an bester Lage über dem Vierwaldstättersee, der Boden kostet dort über 1000 Franken pro Quadratmeter. Die Ortsplanungsgesamtrevision sei im Gang und die Bagger werden früher oder später auffahren. Das sei schon immer klar gewesen. Bereits als er den Betrieb vor 21 Jahren pachtete, hätten ihm die Eigentümer – einst selbst aktive Gemüseproduzenten –, klar gemacht, dass die Parzellen einmal überbaut würden.
Biogroupe in Kerzers macht es vor
Freitag, 18. November 2011

Ziemlich weit ist man in Sachen gemeinsamer Vermarktung in der Biosparte. Im Rahmen der Fusion der Biogemüse AV-AG und Bio-Markt Ried AG ist 2010 das Vermarktungsunternehmen Biogroupe AG in Kerzers entstanden. Die Büros, Verarbeitungsgebäude und Lagerräume sind am Sitz der ehemaligen Frilog AG untergebracht, die in diesem Jahr von der Muttergesellschaft AV-AG übernommen wurde. 120 aktive Produzenten in der ganzen Schweiz sind als Aktionäre an der Biogroupe AG beteiligt. Sie geniessen ein Vorrecht für die Vermarktung ihrer Produkte. Bei der Biogroupe AG arbeiten je nach Saison zwischen 100 und 120 Leute, rund zwanzig davon in der Administration und im Verkauf.
Mit Erzeugerorganisationen gestärkt am Markt auftreten
Freitag, 18. November 2011

In der überbetrieblichen Zusammenarbeit liegt Potential zur Senkung der Betriebskosten und damit zur Steigerung der Produktivität. Trotzdem sind Schweizer Gemüseproduzenten noch immer zurückhaltend, wenn es beispielsweise um eine gemeinsame Vermarktung geht. Anders in der Europäischen Union, wo die staatlich geförderten so genannten Erzeugerorganisationen (EO) eine feste Grösse sind. Eine von europaweit über 1500 EOs für Obst und Gemüse ist die Erzeugergrossmarkt Thüringen-Sachsen-Spreewald eG (EGM), die sich auf den Ostdeutschen Markt fokussiert. Die EGM mit Sitz in Laasdorf bei Jena erzielt einen Jahresumsatz von rund 40 Millionen Euro. Die 44 Mitgliederbetriebe bewirtschaften rund 1500 Hektaren im Freiland und 40 Hektaren unter Glas. Zur EGM gehören zudem zwei Töchter in Italien und Ungarn, die die Organisation bei Liefer-Engpässen und insbesondere ausserhalb der deutschen Anbausaison mit Obst und Gemüse versorgen.
Milchmarkt-Theater
Dienstag, 08. November 2011

Niemand hat behauptet, dass die Aufhebung der Milchkontingentierung ein Spaziergang wird. Die Milchbranche liess sich trotzdem von der unsanften Landung auf dem freien Markt überraschen. Kein Wunder nach so vielen Jahren Planwirtschaft. Doch seither sind über zwei Jahre vergangen. Trotzdem scheint der Schock immer noch nicht überwunden zu sein. Die Branchenorganisation Milch (BOM) bietet allenfalls die Bühne für einen schlechten Schwank, in dem sich zerstrittene Erben um die Aufteilung der Pfründe aus vergangenen Zeiten streiten. Eine Hilfe ist sie nicht. Der Milchpreis bleibt weiter im Keller. Immer noch eine Folge des hohen Angebotes.
Bis 40 Prozent Einsparung durch Energierückspeisung
Samstag, 15. Oktober 2011
Beim Fahren mit dem Aufzug gleichzeitig Strom produzieren? Was sich abenteuerlich anhört beruht auf einem einfachen Prinzip: Aufzüge müssen im Alltag ständig beschleunigen und abbremsen. Die dabei entstehende Bremsenergie verpufft vor allem in älteren Anlagen oft ungenutzt als Wärme in Bremswiderständen. Bei der Energierekuperation wird die Bremsenergie mit Hilfe eines Wechselrichters als Strom zurück gewonnen und wieder ins Stromnetz abgegeben. Die Energieeffizienz eines Aufzuges verbessert sich dadurch um bis zu 40 Prozent.
Stromsparen ist zurzeit zwar das Gebot der Stunde. Trotzdem bietet sich nicht jede bestehende Anlage zwingend für die Rückspeisung der Bremsenergie an, obwohl sie bei vielen Aufzügen technisch machbar ist. Bei einem Lift beispielsweise, der nur zehn Minuten im Tag in Betrieb ist, liegen Kosten und Nutzen der Energierekuperation in einem ungünstigen Verhältnis. Ganz anders sieht es bei Anlagen aus – beispielsweise in Spitälern oder grossen Bürokomplexen – , die hohe Auslastungen und viele Fahrten über mehrere Stockwerke aufweisen.
Energieklasssen von G bis A
Bei Modernisierungen von bestehenden Anlagen ist also eine sorgfältige Analyse notwendig, um abzuklären ob mit Energierekuperation tatsächlich eine deutliche Verbesserung der Energieeffizienz erreicht werden kann. Wie bei Haushaltgeräten können Aufzüge in Energieeffizienzklassen von G bis A eingestuft werden. Schindler führte für die Firma Novartis Pharma AG in Basel im Rahmen einer geplanten Modernisierung von 18 Anlagen eine Energieeffizienzberechnung durch. Um Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen, mussten die Aufzüge in Basel aufgrund von Daten wie Nennlast, Hubhöhe, Anzahl Halte und Fahrten pro Jahr in entsprechende Nutzungskategorien eingeteilt werden. Zuerst berechneten die Spezialisten von Schindler dann die aktuellen Energieeffizienzklassen der Aufzüge. Für den Vergleich wurden dann die Einsparmöglichkeiten nach der Anlagen-Modernisierung mit oder ohne Energierekuperation ausgerechnet.
Die Analyse zeigte, dass sich die Energieeffizienz mit der Energierückspeisung bei allen Anlagen um zwischen 30 und 45 Prozent verbessern liesse. Bei einem Personenlift beispielsweise mit einer Nennlast von 1500 kg, einer Hubhöhe von 76 Metern und 356’000 Fahrten pro Jahr wiesen die Berechnungen eine Einsparung von 7500 Kilowattstunden pro Jahr aus, bei aktuellen Strompreisen sind das rund 1500 Franken. Ein beträchtliches Potenzial. Besonders wenn man davon ausgeht, dass die Strompreise künftig steigen werden. Novartis hat sich deshalb für die Lösung mit Energierückspeisung entschieden.
Weitere Einsparmöglichkeiten
Neben den Fahrten verbraucht ein Aufzug auch im Stillstand Energie. Mit LED-Lampen, die in ungenutzten Zeiten automatisch abschalten, lässt sich der Energieverbrauch beispielsweise deutlich reduzieren. Ein beträchtliches Einspar-Potential bietet aber die Einführung einer intelligenten Zielwahlsteuerung. Sie sorgt für optimalen Betrieb und vermeidet beispielsweise Leerfahrten.
Zum publizierten Artikel in der Schindler-Zeitschrift «Service & Unterhalt»
Discount ab Hof
Samstag, 15. Oktober 2011
«Haben Sie richtig zusammengezählt?» fragte ich die Bäuerin leicht verunsichert als sie mir für meinen reichgefüllten Einkaufskorb 13.40 Franken in Rechnung stellte. Dabei war ich von der Einkaufs-Atmosphäre derart angetan, dass ich mich beim Einkaufen keineswegs zurückgehalten hatte. Die rot-grünen Kopfsalate strahlten vor Frische, die kleinen Datteltomaten liessen mir das Wasser nur schon beim Ansehen im Mund zusammenlaufen. Dazu kam der Duft des frisch gebackenen Bauernbrotes, der sich vor dem Bauernhaus ausbreitete. Die Frau hatte richtig gezählt.
Nun wollte ich wissen, was das bei Migros oder Coop kosten würde. Also listete ich die bäuerlichen Feinheiten fein säuberlich auf: 1 Blumenkohl, 1 Aubergine, 1 Kohlrabi, je eine gelbe und grüne Zucchetti, 1 Gurke, 300 g Datteltomaten, 1 Kopfsalat und ein Brot (770 g). Bei Migros kostete dieser Warenkorb in der gleichen Woche 19.30 Franken, bei Coop 22 Franken. Rund ein Drittel mehr also.
Last but not least machte ich mich noch auf zu Aldi. Da Blumenkohl und Kohlrabi beim Discounter an diesem Tag gänzlich im Sortiment fehlten, konnte ich den Vergleich nur unvollständig anstellen. Immerhin kam ich ohne die beiden Gemüse auf knapp zehn Franken. Damit kommt Aldi dem Hofladen deutlich am Nächsten. Das Lädeli auf dem Bauernhof kann preislich mit dem Preisknaller-Spezialist aber absolut mithalten. Das Günstige liegt also eigentlich so nah – und etwa gar nicht ennet der Landesgrenze.
Irgendwie eine klassische Win-Win-Situation: Der Bauer verdient ohne Zwischenhändler anständig und der Konsument seinerseits profitiert von günstigen Preisen. Und das bei optimaler Frische. Wo liegt also der Haken? Vielleicht bei den sehr kurzen Öffnungszeiten oder der saisonal eingeschränkten Verfügbarkeit von Produkten? Ein Bauernhof funktioniert saisonal. Im Winter gibt es dort keine Tomaten. Bei der mächtigen Konkurrenz hingegen existiert die Saisonalität in der Praxis schon länger nicht mehr. Und dagegen ist kein (bäuerliches) Kraut gewachsen.
Dieser Text ist als Kolumne in der Lebensmittelfachzeitschrift Alimenta erschienen




