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Der Rhabarber-Frühstarter im Surbtal

Der Rabarber wächst unter Folie und Vlies.

Die Anbauflächen von Rhabarber sind in den letzten Jahren in der Schweiz deutlich angestiegen. Ein Gemüsegärtner sorgt mit einem Trick dafür, dass er zwei bis drei Wochen früher als alle anderen Rhabarber ernten kann.                                                                                        

Das Wesentliche ist bei Rhabarbern zumindest zu Beginn der Kultur fast unsichtbar. Die ganze Energie des letzten Sommers und Herbstes ist in den kräftigen, fleischigen Wurzeln gespeichert, die nun in diesen Tagen aber richtgehend «explodieren»: In kürzester Zeit bilden sich aus ihnen die typischen grossen Blätter und die dicken Stängel.

Gemüsegärtner Martin Schärer baut auf 4 Hektaren Rhabarber an.

Der Gemüsegärtner Martin Schärer aus dem zürcherischen Oberweningen ist seit ein paar Jahren der Frühstarter unter den Schweizer Rhabarber-Anbauern. In diesem Jahr belieferte er den Handel bereits in der Woche nach Ostern mit frischem Rhabarber. Wie ist das möglich? Am Klima im Surbtal liegt es bestimmt nicht, hier ist der Winter so kalt, wie an den meisten Orten im Mittelland. Die Lösung des Rätsels liegt in einem ausrangierten Lastwagenanhänger, der neben dem Rhabarber steht. Martin Schärer hat ihn zu einer mobilen Holzheizung umgebaut. «Anfang Februar heize ich erstmals ein». Mitten im Winter also. Die Rhabarber-Pflanzen wachsen geschützt unter einer Schicht aus Flies, Folie und einem stabilen Netz heran. Unter den Wurzeln sind Rohre verlegt, durch die das warme Wasser aus der Heizung zirkuliert und den Boden erwärmt. Der Frühling wird so für den Rhabarber künstlich um ein paar Wochen vorverlegt. Für Schärer lohnt sich das, denn dank dem Trick kommt er ein paar Wochen vor seinen Berufskollegen auf den Markt und kann so als Quasi-Alleinanbieter gute Preise erzielen. Zudem sind sie qualitativ besser, als die sonst im Winter angebotene Importware aus holländischen Treibräumen und sind dazu länger haltbar. Allerdings kann die Verfrühung des Rhabarbers im Freiland nicht beliebig in den Winter vorverschoben werden. «Die Wurzelstöcke brauchen von Natur aus eine bestimmte Anzahl Kältetage, um das Ruhestadium zu überwinden und auszutreiben», erklärt der Rhabarber-Experte.

Die mobile Stückholzheizung ist in einem ausrangierten Anhänger eines Berufskollegen installiert.

Holz aus der Umgebung

Diese Verfrühung der Rhabarber-Ernte ist aufwändig. «Wenn es im Februar und März sehr kalt ist, muss ich vor dem ins Bett gehen oft noch aufs Feld rausfahren und Holz nachschieben», erklärt der Gemüsegärtner. Das Holz stammt aus der nahen Umgebung und gilt bekanntlich als erneuerbar. Eine andere Energiequelle wäre für Schärer nicht in Frage gekommen: «Das Ganze muss ja ökologisch vertretbar sein». Und natürlich braucht er die Heizung nur, wenn es wirklich kalt ist. Sonst sorgt bereits die Folienkonstruktion dafür, dass die natürliche Sonnenwärme gesammelt und gespeichert wird. Zu warm darf es allerdings nicht werden. Wenn es wie Anfang April plötzlich 20 Grad wird, muss er zusammen mit seinen Erntehelfern deshalb den Rhabarber ganz schnell abdecken, weil es sonst zu Verbrennungen kommt.

Allerdings findet nicht nur der Rhabarber Gefallen an der wohligen Wärme, sondern auch Mäuse, die in diesem Jahr schon fast invasiv auftreten. Mit Mäusefallen versucht Schärer die lästigen Nager unter Kontrolle zu halten. Um die 20 Mäuse fängt er pro Tag und trotzdem gleicht das einer Sisyphus-Arbeit. Viele Pflanzen sind wegen ihnen verkümmert und müssen sogar neugepflanzt werden. «Der Aufwand und der wirtschaftliche Verlust sind beträchtlich.» Trotzdem ist er aber zufrieden mit der bisherigen Ernte. Pro Tag ernten seine Arbeiterinnen und Arbeiter bis zu 1,5 Tonnen Rhabarber.

Hacken anstatt Herbizide

Die Schläuche mit dem warmen Wasser von der Holzheizung führen zu den Rohren, die im Boden unter der Rhabarber eingegraben sind.

Der verfrühte Spargel ist nach zwei bis drei Wochen abgeerntet, danach geht es noch bis etwa Ende Mai mit den «normalen» ungeheizten Pflanzen weiter. Nach der Ernte wird der Rhabarber in Ruhe gelassen, er sammelt dann in den folgenden Sommermonaten Energie und Nährstoffe, um für den nächsten Frühling wieder bereit zu sein. Rhabarer ist mehrjährig und liefert bis zu zehn Jahre gute Erträge, wenn er richtig gepflegt wird. Zentral ist dabei die Unkrautbehandlung: «Auch in den für den Gärtner unproduktiven Sommermonaten darf die Rhabarberfläche nicht mit licht- und energieraubendem Unkraut belegt sein», erklärt Schärer. Und gerade hier ist nun seine ganze Kreativität gefordert. Mittlerweile sind kaum mehr wirksamen Herbizide zugelassen, oder die erlaubten Dosierungen so tief, dass man gleich darauf verzichten kann. So kommt es, dass Schärer ab diesem Jahr noch mehr auf die mechanische Unkrautbekämpfung setzt. «Ich habe extra einen Traktor höher legen lassen, damit dieser mit seinem Hackgerät den hohen Rhabarber nicht unter sich zerdrückt.»

Bis zu 1,5 Tonnen Rhabarber ernten die Arbeiterinnen und Arbeiter pro Tag. 

Mit seinen 4 Hektaren Rhabarberfläche gehört Schärer zu den grossen Anbauern in der Schweiz. Er denkt, dass er noch eine Weile der einzige Rhabarber-Frühstarter bleiben wird: «Das Anbauprozedere ist komplexer als es aussieht, und lässt sich von Kollegen nicht so leicht kopieren.» Zudem habe er in den letzten Jahren einiges an Lehrgeld bezahlt, bis das Zusammenspiel zwischen Heizung und Kultur richtig funktionierte. Er selbst glaubt, dass das Interesse am Rhabarber steigen wird. Die Anbauflächen sind in den letzten Jahren bereits deutlich angestiegen. Von einem neuen Superfood will er allerdings nicht sprechen. Obwohl: «Bei den Inhaltsstoffen hat der Rhabarber schon einiges auf Lager.»


Rabarber (Rheum rhabarbarum)

Rhabarber stammt ursprünglich aus Asien. Die Staude hat fleischige, frostharte Wurzeln, die als Speicherorgane für den Austrieb im Frühling dienen. Gegessen oder verarbeitet werden die Stängel. Er ist arm an Kalorien und enthält Mineralstoffe wie Eisen, Kalium und Phosphor. Rhabarber gilt wegen der Apfel-, Zitronen- und Oxalsäure als durstlöschend, erfrischend und verdauungsanregend. Oxalsäure in grossen Mengen ist aber giftig für den Menschen, die Gehalte in Rhabarber sind aber kein Problem. Rote Sorten enthalten weniger Oxalsäure als grüne. Am tiefsten ist der Gehalt bei jungem Rhabarber und steigt mit zunehmender Reife an. Die Blätter enthalten mehr Oxalsäure und dazu noch Anthrachinon, die beide abführend wirken. Die Ernte im Freiland ist in der Schweiz von April bis Ende Juni. Stängel und Blätter vergilben im Herbst und sterben ab.

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