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Unterwegs auf Farmen in Südafrika

Südafrika ist ein Land der grossen Gegensätze. Riesige und kleine Farmen streiten sich um das Land. Eine Landreform ist zwar im Gang, doch die Schatten der Apartheid-Zeit sind lang. Ein Reisebericht.

Die Bronze-Statue von Nelson Mandela wurde ein Tag nach seiner Beerdigung in Pretoria aufgestellt.

Als Nelson Mandela in den Himmel kam, sagte der liebe Gott zu ihm: «Hallo Nelson, ich musste lange auf Dich warten! Jetzt kann ich endlich in Rente gehen». Nelson Mandela ist in Südafrika immer noch omnipräsent. Nur auf die Regierung scheint er gar keinen Einfluss mehr zu haben. Die Menschen stellen sich in diesen Wochen an den Strassenrändern auf und halten entsprechende Transparente in die Höhe, die das Ende des aktuellen Präsidenten Zuma fordern. Das Land versinkt unter ihm im Korruptionssumpf und die Gewaltspirale nimmt ihren Lauf. Auch auf den Landwirtschaftsbetrieben: Im letzten Jahren wurde fast jeder Tag ein Farmer umgebracht, oft unter seltsamen Umständen verbunden mit grausamer Folter weniger aber erstaunlicherweise mit einem Raubmotiv. Die Frage dieser mysteriösen «Farmer murderer» begleitete die Gemeinschaft der internationalen Agrarjournalisten-Gilde während dem ganzen Kongress des Ifaj (international Federation of Agricultural Journalist). Dieser fand Anfang April zuerst in Johannesburg und in einem zweiten Teil in Kapstadt statt.

Das Land der Elektrozäune

Der Flug von Zürich nach Johannesburg dauert knapp zehn Stunden. Man überfliegt den ganzen Afrikanischen Kontinent in weniger als einem halben Tag und landet in einem Land, bei dem auf der Fahrt vom Flughafen ins Hotel nach Pretoria vorerst recht wenig an das Afrika erinnert, das man sich als Europäer so vorstellt: Nichts von staubigen Strassen, verbeulten Toyotas oder Rauchschwaden aus Öltonnen. Dafür protzige Autos wie am Gubrist sowie schöne, grosse Häuser, sanft eingebettet in eine grüne Landschaft mit vielen Bäumen. Doch etwas entgeht auch den vom Nachtflug noch müden Augen schon in dieser ersten südafrikanischen Stunde nicht: Praktisch alle Häuser und Felder sind von einem Elektrozaun umgegeben und es besteht kein Zweifel, dass diese Stromschläge richtig weh tun. Auch das Hotel, in das uns der Bus bringt, ist entsprechend gut abgesichert. Und es gelten spezielle Regeln. Am Eingang steht: «REGRET NO CHILDREN UNDER 14». Und das ist kein Witz: Als der nordirische Kollege mit einem Kollegen beim Hotel anreist, der zwei Kinder dabei hat, sind heftige Diskussionen nötig, damit der Wagen überhaupt für fünf Minuten aufs Hotelgelände fahren darf.

Knackpunkt Landreform

Out in Africa.

Am gleichen Tag startet der Kongress mit den Sitzungen des Executive Committee des Ifaj, wo es um aktuelle Tätigkeiten des internationalen Verbandes geht. Dabei erfahre ich unter anderem, dass die Schweiz in fünf Jahren den Kongress organisieren soll. Ausserhalb dieser Sitzung treffen inzwischen die anderen rund 160 Teilnehmenden des Kongresses im Hotel ein. Am Abend finden das erste gemeinsame Nachtessen sowie diverse Preisverleihungen statt. Das Wiedersehen mit den Kollegen wird erstmals ausführlich gefeiert. Der offizielle Teil des Kongresses startet am kommenden Tag, wo sich zuerst die Sponsoren vorstellen dürfen. Danach geht es um Fakten zur Südafrikanischen Landwirtschaft und Diskussionen auf dem Podium. Die gegenwärtig unsichere politische Lage ist dabei ein wichtiges Thema. Die von der Zuma-Regierung durchgeführte Landreform kristallisiert sich schon jetzt als eigentliches Kernthema der ganzen Woche heraus. Für Aussenstehende ist diese Landreform kaum nachvollziehbar, die Exkursionen in den nächsten Tagen sollten aber eine Annäherung bringen.

Exkursionen auf die Farmen

Die Auswahl an präsentierten Fachexkursionen war gross. Nicht angemeldet habe ich mich für den Besuch einer sogenannten «Game Farm», was ich allerdings im Nachhinein bereue. Bei diesen geht es nämlich nicht wie von mir unkritisch vermutet um Golfplätze oder Vergnügungspärke sondern um grossflächige Wildtierreservate. Diese sind in Südafrika in den letzten Jahren zu einem wichtigen Betriebszweig vieler Agrarbetriebe geworden. Ganz nebenbei konnte so die Artenvielfalt im Land beträchtlich gesteigert werden. Bei der ebenfalls damit verbundenen Trophäenjagd mag man unter diesen Umständen ein Auge zudrücken.

Vito Rugani bezeichnet sich als grössten Karottenproduzenten von Afrika.

Meine erste Exkursion bringt mich zum grössten Karottenfarmer Afrikas. Auf der Fahrt zu ihm fahren wir nun erstmals an blechigen Townships vorbei, wo ein grosser Teil der südafrikanischen Bevölkerung unter ärmlichen Verhältnissen haust. Vito Rugani (www.ruganicarrots.co.za) lebt mit seinen italienischen Wurzeln in siebter Generation als Farmer in Südafrika. Nachdem er mit dem Anbau von Frischgemüse beinahe Pleite ging, setzte er im Jahr 2000 voll auf den Anbau von Karotten. Heute bewirtschaftet er 2500 Hektaren unter Bewässerung. Von denen sind in der Fruchtfolge jeweils zwei Drittel mit Gras bedeckt, das er an Mastrindern verfüttert. Vor drei Jahren hat er eine Fabrik aufgebaut für die Karottensaftproduktion. Und dieser ist nun seine Mission: Er ist überzeugt, dass das Beta-Karotin im frischgepressten Saft die Menschheit vor vielen Krankheiten bewahren wird. Er beschäftigt auf dem Betrieb knapp 250 Angestellte. Wie viele andere grosse Farmer in Südafrika baut Rugani ihnen eigene Häuser, wo sie wohnen können. In der Regel gehören auch Schulen und Kindergärten dazu. «Nur zufriedene Arbeiter bringen auch gute Leistungen», sagt er. Das leuchtet ein. Wer bei ihm einen Job hat – sei es nur um Karotten zu sortieren – und dazu ein eigenes Haus mit Gemüsegärtchen, ist in Südafrika wohl schon auf der sonnigeren Seite der Gesellschaft. Die Farmer handeln in diesem Sinne proaktiv gegen Landforderungen im Rahmen der Landreform. Es kommt nämlich vor, dass irgendwelche Leute Farmland besetzen und den Landbesitz gerichtlich einfordern. Oft sind es sogenannte «Small Scale Farmer», die zu «Commercial Farmern» werden wollen. Das sind in Südafrika offenbar die beiden Hauptkategorien von Landwirtschaftsbetrieben. Dabei gelten Kleinfarmer auch dann nicht als kommerzielle Farmer, wenn sie fünf Familien ernähren und Gemüse auf dem Markt verkaufen. So wie ich es verstanden habe, zählen Betriebe über 1000 Hektaren zu den kommerziellen Farmen. Diese erhalten im Unterschied zu den Kleinfarmern keine staatliche Unterstützung. Auch nicht für die Dörfer übrigens, die sie für die Angestellten auf eigene Kosten erstellen. Die Kleinfarmer dagegen werden sehr grosszügig unterstützt, und beispielsweise mit ganzen Gewächshäusern auf Staatskosten ausgestattet. Aber ganz ehrlich: Ganz verstanden habe ich das System nicht. Das Ziel der Zuma-Regierung ist es wohl grundsätzlich, der während des Apartheidregimes arg vernachlässigten schwarzen Bevölkerung zu mehr Land zu verhelfen. Gegen das ist nichts einzuwenden. Ironischerweise lebt der Rassismus heute aber gerade bei den staatlichen Unterstützungen weiter: Nur Schwarze haben nämlich Zugang zu ihnen.

Am Ursprung der Menschheit

Am Nachmittag besuchen wir den Ursprung der Menschheit in Maropeng (www.maropeng.co.za). Von hier aus sollen sich die ersten Menschen auf den Weg auf alle Kontinente gemacht haben. Anschliessend geht es zur 9 Meter hohen Bronze-Statue von Nelson Mandela in Pretoria. Sie wurde ein Tag nach seiner Beerdigung als Überraschungscoup der Regierung aufgestellt. Es bleibt zu hoffen, dass seine symbolisch ausgestreckten Arme das Land weiterhin vor grösseren Unruhen bewahren können. Den Abend verbringen wir irgendwo im Busch auf einer Lodge, wo wir einen unvergesslichen Abend im afrikanischen Outback erlebten.

Der zweite Tag bringt uns zur charitmatischen Brylyne Chitsunge (www.elpassofarms.com), die sich besonders für die südafrikanischen Bäuerinnen einsetzt. Sie scheint viele Polit-Grössen dieser Welt getroffen zu haben, wie auf Bildern in ihrer Stube sichtbar ist, darunter auch Bill Clinton. Sie selbst bewirtschaftet eine Farm, auf der sie Rinder hält, Gemüse anbaut und nächstens auch Fische züchten wird. Gleich am Anschluss fährt der Bus zum Flughafen, von wo aus der ganze Kongress-Tross per Flugzeug 1500 Meter südlich nach Kapstadt verschoben wird.

Äpfel aus Südafrika

Obstfarm von Dutoit in der Region von Kapstadt

Hübsch eingebettet in Tafelberg und andere Hügel erinnert auch diese Stadt auf den ersten Blick mehr an Europa als an Afrika. Doch wer in der Nacht unterwegs ist – und das sind einige an diesem Kongress – der sieht Afrika und mit ihm viel Elend in den Strassen und die Gefühle dabei sind nicht wirklich gut. Die Exkursion am nächsten Tag führt uns zu den Brüdern DuToit (www.dutoitagri.coza), die ausserhalb von Kapstadt Zwiebeln und etwas weiter weg in den Bergen grossflächig Äpfel produzieren. Anstatt mit Soja beladen wie noch am Ifaj-Kongress vor drei Jahren in Argentinien kreuzen hier alle zwei Minuten mit frischen Äpfeln beladene Lastwagen unseren Weg. Die Äpfel von hier gehen in die ganze Welt, auch in die Schweiz. Interessant hier: Das Wasser wird in der Winterzeit in speziellen Dämmen gesammelt, die sich über die ganze Landschaft verteilen. Zurzeit experimentieren die Obstbauern

mit Schutznetzen über den Apfelbäumen gegen den Sonnenbrand. Die Erträge stiegen deutlich, weshalb das System allmählich auf die ganze Plantage ausgeweitet werden soll. In drei Jahren dürften hier also landschaftlich ähnliche Verhältnisse wie in Almeria herrschen. Auch die DuToits bauen ihren Angestellten eigene Häuser, sie gründeten sogar eine spezielle Firma, in der die schwarzen Angestellten selbst beteiligt sind mit dem Ziel, diese einmal ganz in deren Hände zu geben. Auch hier ist also proaktives Handeln gegen die Landreform angesagt. Am Nachmittag fahren wir zu einem anderen Obstproduzenten (www.graaff-fruit.com) in der Gegend, der ebenfalls Obst exportiert. Hier beeindruckt vor allem der Besuch der Schule und des Computerraumes für die Kinder der Angestellten.

Jerseys zwischen Holstein-Kühen

Jede Kuh, die über 100’000 Kilogramm Milch gibt, erhält einen Ehrenplatz.

Der letzte Kongresstag liefert uns noch einen Einblick in die industrielle Milchproduktion Südafrikas. Das 64er-Melkkarussell auf dem Betrieb Fair Cape Dairy (www.faircape.com) ist für Schweizer Augen ungewohnt. Immerhin fallen die kleinen braunen Jersey-Kühe auf, die sich zwischen den Holstein-Kühen auf dem Karussell einreihen. Im Büro der Geschäftsleitung sind kleine Plastikkühe mit Namensschildern versehen aufgestellt. Jede Kuh, die mehr als 100’000 Liter Milch Lebensleistung erzielt, erhält hier ihren Platz. Wenn das hier so weiter geht, muss die Vitrine bald vergrössert werden.

Ein Abschlusspodium mit Akademikern an der Landwirtschaftlichen Universität von Stellenbosch bildet den inhaltlichen Abschluss des Kongresses. Noch einmal geht es um die Landreform, noch einmal gibt es schlussendlich mehr Fragen als Antworten. Egal. Am unvergesslichen Schlussabend wird bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Die Holländische Gilde übernimmt nun das Zepter für die Organisation des nächsten Kongresses, der vom 10. bis 15. Juli in Wageningen stattfinden wird.

Land der Gegensätze

Alan und Eugene Simons bewirtschaften ausserhalb von Kapstadt ein Gewächshaus.

Ich persönlich besuche am nächsten Morgen noch eine «Small Scale Farm» ausserhalb von Kapstadt. Über diese kleinen Farmen wurde am Kongress leider nur geredet. Für mich ergab sich glücklicherweise noch die Gelegenheit, eine solche mit eigenen Augen zu sehen. Meine Begleiterin aus dem Agrardepartement fuhr mich auf einen kleinen Gemüsebaubetrieb, der auf 0,5 Hektaren Gewächshausfläche erstaunlich viele Gemüse anbaute. Es ermöglicht der Bauernfamilie und sieben Angestellten ein Einkommen. Doch wie wir nun wissen: Trotzdem gilt sie in Südafrika nicht als kommerzielle Farm. Die anschliessende Fahrt durch das Township Langa bildete ein letzter emotionaler Höhepunkt auf dieser Reise, wenn auch eher auf der unteren Skala. Drei Stunden später das pure Gegenteil am Strandweg von Kapstadt: Weisshäutige Jogger mit Pulsmessern in moderner Sportbekleidung und flanierende Familien mit Eiscreme. Am nächsten Tag verlasse ich das Land der Gegensätze, reich befrachtet mit vielen Eindrücken. Und einmal mehr erstaunt darüber, wie unterschiedlich das Leben auf diesem Planeten sein kann, je nachdem wohin einen das Schicksal verschlägt.

Mehr Infos und Bilder: www.ifaj-congress.org

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