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Tomaten keimen in der guten Stube

Sibylle Siegrist produziert eine schier unglaubliche Vielfalt an verschiedenen Tomatensorten.

Sibylle Siegrist will den Leuten die faszinierende Tomatenwelt zugänglich machen. Deshalb produziert Setzlinge von 170 verschiedenen Sorten.

Bei der Biobäuerin Sibylle Siegrist in Küttigen AG bestimmen der Mond respektive der Aussaatkalender nach der Anthroposophin Maria Thun den Takt. Für die Aussaat von Fruchtgemüse wären in diesem Jahr die Tage zwischen dem 10. und 12. März perfekt. Für die Tomaten sei das aber trotz allem eine Woche zu früh, deshalb habe sie im Kalender die besten Tage der Folgewoche gewählt. Es sind auch sonst entscheidende Momente für den auf die Produktion von Tomatensetzlingen spezialisierten Biobetrieb. Mit Pinzetten verteilen Sibylle Siegrist und ihre Helferinnen und Helfer in kurzer Zeit mehrere Tausend der winzigen Tomatensämchen in die Anzuchtschalen. Eine Excel-Liste listet exakt auf, von welcher Sorte wie viele ausgesät werden. Die Spanne reicht von 1450 Berner Rosen bis zu nur 3 Exemplaren von Shah. Mengen sind für die leidenschaftliche Tomatengärtnerin aber zweitrangig. Sie hat den Narren gefressen an solchen raren Exemplaren. Auch diese gehören zum breiten Sortiment an unterschiedlichsten Tomaten. «Ich will den Leuten die faszinierende und vielfältige Welt der Tomaten zugänglich machen.»

Zuerst braucht es Wärme

Die «Gebärabteilung» ist in der ehemaligen Mietwohnung im Wohnhaus untergebracht. Einmal ausgesät benötigen die Sämchen dort Temperaturen von 20 bis 25 Grad, um auszukeimen. Danach muss es zügig gehen: Damit die Keimlinge in der warmen Stube nicht ungebremst in die Höhe wachsen, bringt die Biogärtnerin die Tomatenpflänzchen nach draussen. Denn jetzt entscheidet nicht mehr nur die Temperatur über das richtige Wachstum sondern vor allem auch das Sonnenlicht. Die «Kinderstuben» befinden sich in den rund ums Haus verstreuten geräumigen Folientunneln. Es ist eine heikle Zeit, weil die ursprünglich aus den Tropen stammenden Tomaten keine allzu kalten Temperaturen ertragen. «Unter 4 Grad sollte es in den Gewächshäusern nicht werden», sagt Sibylle Siegrist. Wird es frostig, schaltet sich automatisch eine Elektroheizung ein. Das sei vor allem in der Nacht der Fall. Der Frühling ist eine klimatische Wundertüte, die Folienhäuser trotzen aber diesen Launen der Natur: Ein paar wenige Sonnenstrahlen sorgen dort innert kurzer Zeit für T-Shirt-Temperaturen. Nach drei Wochen werden die immer noch kleinen Pflanzen pikiert und in torffreie Erde umgetopft. Wenn es wochenlang grau und trüb ist, kommen die jungen Tomatenpflänzchen jeweils kaum aus den Startblöcken und wachsen nur langsam. Doch die Grösse eines Setzlings sei letztlich nicht matchentscheidend, erklärt die studierte Biologin: «Tomaten-Experten wissen, dass ein Setzling mit einem kurzen aber kräftigen Stämmchen besser ist, als eine hohe, dünne Jungpflanze.»

Kürbisse machten den Anfang

Vor vier Jahren hängte Sibylle Siegrist ihren Job bei Novartis an den Nagel und setzt seither voll auf den Anbau von Setzlingen und fertigem Gemüse.

Ganz früher hielt Vater Julius Siegrist auf dem Bauernhof noch Mastrinder und baute auf den Äckern Getreide an. Mittlerweile ist die Betriebsfläche auf knapp zehn Hektaren gesunken und der Hof hat viele neue Nachbarn mit Einfamilienhäusern erhalten. Jahrelang führten Eltern und Tochter den Betrieb im Nebenerwerb. Eine Studienkollegin von Sibylle Siegrist an der Uni Basel spielte vor bald zwanzig Jahren aber Schicksal, in dem sie ihr ein paar überzählige Kürbissetzlinge schenkte. Die darauf folgende Kürbisernte war überwältigend. Schon ein Jahr später wuchsen in Küttigen 42 verschiedene Kürbissorten. Es wurden jedes Jahr mehr, irgendeinmal fuhr man mit Setzlingen auch auf den Markt. Die Idee war geboren. Es gingen aber noch einige Jahre ins Land bis Sibylle Siegrist vor vier Jahren ihren Job in der Forschung bei Novartis an den Nagel hing und voll auf die Landwirtschaftsschiene setzte. Der Entscheid fiel ihr schliesslich leicht. Sie wusste, dass die Geschichte mit den Setzlingen funktionierte: Denn in den Jahren zuvor hatte sie sich bereits eine Stammkundschaft aufgebaut. Zudem war da ja noch Land, das mit «normalem» Gemüse bebaut werden konnte.

Pomodorini di Sardegna als Renner

Sibylle Siegrist hat sich in wenigen Jahren regional einen Namen als Tomatenexpertin gemacht, sogar mit internationaler Ausstrahlung: «Im letzten Jahr lieferte ich 150 Setzlinge nach Italien zu einer Köchin, die diese extra für ihre Hotelküche anbaute.» Ihre Neugier scheint unendlich: Im Internet bei ausländischen Anbietern oder im Gespräch mit ihrer Kundschaft hält sie laufend Ausschau nach neuen Tomaten-Trouvaillen. Und schon geht es los mit der Schwärmerei: «Die schwarze Ananastomate beispielsweise mit ihrem violett-grün marmorierten Fruchtfleisch ist schlicht eine Wucht.» Oder Petit Chocolate, eine kleine, sehr schmackhafte Minifleischtomate. Der Renner seien aber Pomodorini di Sardegna noch vor Berner Rosen, sagt sie. Die Pflanze mit den kleinen, süssen Datteltomaten sei auch auf Balkonen sehr wüchsig. Es gibt aber auch Sorgenkinder wie beispielweise die bereits genannte weissfleischige Shah, von der sie in diesem Frühling gerade noch drei Sämchen übrig hatte und bisher kein weiteres Saatgut ausfindig machen konnte. Wohl auch deshalb ist die Sorte bei Pro Specie Rara (PSR) gelistet. Die Organisation setzt sich für den Erhalt seltener Kulturpflanzen- und Tierarten ein. PSR-Sorten sind bei den Setzlingen auf den Info-Schildchen als solche markiert.

Tomaten brauchen einen Regenschutz

Ab Ende April können Setzlinge auch direkt beim Biohof Siegrist in Küttigen gekauft werden.

Zu ihrer Kundschaft zählen auch einige wirkliche Tomatenfreaks. Bei ihnen informiert sich Sibylle Siegrist jeweils, wie sich die Sorten entwickelten. Denn bei so vielen angebauten Sorten besteht immer das Risiko, dass eine neue darunter ist, die vom Geschmack her oder ertragsmässig die Erwartungen nicht erfüllt. «Meine Tomatensetzlinge müssen bei aller Liebe minimale Anforderungen erfüllen, damit ich sie auch im Folgejahr mit gutem Gewissen wieder auf dem Markt verkaufen kann.» Viele wollten sowieso einfach «nur» eine geschmackvolle Sorte, die wenig anfällig auf Krankheiten sei und dazu einen anständigen Ertrag bringe, wie beispielsweise eben die Pomodorini di Sardegna. Nur für den Anbau im Freiland kommen die meisten ihrer Tomaten nicht in Frage. «Ohne Regenschutz werden sie über kurz oder lang besonders in feuchten Sommern das Opfer von Pilzkrankheiten.» Es gebe aber ein paar Hobbygärtner, die ihre Tomaten trotzdem im Freiland anbauen wollten. Für diese sät sie eine Handvoll gegen Krautfäule resistente Hybridsorten aus, die im Geschmack etwas weniger intensiv sind. Sie wisse von einem Kunden, der diese in Wassen auf 1000 m ü. M. erfolgreich im Freien ohne Regendach kultiviere.

Manch kritischer Leser wird nun vielleicht den Mahnfinger erheben: Eine Biobäuerin mit Hybridtomatensorten? Als studierte Biologin weiss Sibylle Siegrist, dass in der Landwirtschaft seit Jahrzehnten mit ganz natürlichen Methoden Hybridsorten entwickelt wurden, immer mit dem Ziel, diese widerstandsfähiger und ertragreicher zu machen. Hybridsorten sind im Biolandbau gang und gäbe und werden auch in anderen Kulturen häufig verwendet. Für sie ist klar: «Hybridsorten sind nur ein Problem, wenn die Kreuzungspartner beispielsweise von Agrarmultis nicht offengelegt werden.» Solche anspruchsvollen Diskussionen führt sie gerne an den zahlreichen Märkten, an denen sie die Setzlinge ab Ende April verkauft. Sibylle Siegrist freut sich darauf, denn sie liebt den direkten Kontakt zu ihrer anspruchsvollen Kundschaft.


Portrait

Sibylle Siegrist produziert auf dem 10 Hektaren grossen Bio Suisse zertifizierten Bauernhof in Küttigen alle möglichen Setzlinge, darunter 170 Tomatensorten. Diese verkauft sie ab April an diversen Setzlingsmärkten in der ganzen Schweiz. Im Freiland produziert sie frische Gemüse, Kürbisse und Kartoffeln, die sie am Wochenmarkt in Aarau und im eigenen Hofladen verkauft. Dazu kommen die Eier von den eigenen Hühnern. Auf dem Biohof Siegrist leben zudem ihre beiden Eltern und greifen ihr wenn Not am Mann ist unter die Arme.

Hier verkauft Sibylle Siegrist 2017 Setzlinge:

  • Ab Ende April jeden Samstag: Gemüsemarkt Aarau (oberhalb Fischlibrunnen)
  • 29./30. April: Frühlingsmarkt Wegenstetten AG
  • April: Schloss Wartegg Rorschacherberg SG
  • 6./7. Mai: ProSpecieRara-Setzlingsmarkt Schloss Wildegg AG
  • 13. Mai: ProSpecieRara-Setzlingsmarkt Gärtnerei Psychiatrische Klinik Wil SG
  • 14. Mai: ProSpecieRara-Setzlingsmarkt Seepromenade Weggis LU
  • 20. Mai: Entlebucher Kräuter- und Wildpflanzenmarkt Escholzmatt LU
  • 20. Mai: Bio- und Setzlingsmarkt Umweltarena Spreitenbach AG
  • 28. Mai: ProSpecieRara-Zierpflanzenmarkt Elfenau Bern

www.setzling.ch

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