In «Hugo» steckt 100 Prozent Schweiz

Dank dem Engagement der Firma Hugo Reitzel SA stiegen die Anbauflächen von Schweizer Essiggurken wieder deutlich. Sie sind aber nur ein Teil einer Produktereihe, zu der auch Ketchup und seit diesem Jahr Silberzwiebeln «Made in Switzerland» gehören. 

Olivier Camille – hier im firmeneigenen Shop von Hugo Reitzel SA in Aigle –, setzt auf die Schweizer Herkunft.

David Eppenberger

Die grossen Gläser mit den Schweizer Essiggurken sind schwer, ungewohnt sperrig und dazu noch deutlich teurer als die «normalen» Cornichons. Trotzdem weisen die Verkaufszahlen der «Hugo»-Gurken mit dem knallig leuchtenden Schweizer Kreuz auf der Etikette nur in eine Richtung: nach oben. Es ist die Belohnung für den von der Traditionsfirma Hugo Reitzel SA in Aigle  VD vor fünf Jahren eingeschlagenen Weg der vermehrten Zusammenarbeit mit Schweizer Landwirten. Unter der Marke «Hugo» gibt es seither nämlich nur noch Produkte mit hundert Prozent Schweizer Zutaten. Zwar kommen die meisten in der Schweiz im Glas verkauften kleinen Gurken immer noch aus dem Ausland. Doch dank dem Engagement des letzten Schweizer Essigprodukte-Verarbeiters holt die einheimische Produktion mächtig auf. 

Ein Fünftel Schweizer Cornichons

In normalen Jahren verarbeitet die Fabrik in Aigle jährlich etwa 4300 Tonnen Essiggurken. Dieses Jahr werden es wegen den ungünstigen Wetterbedingungen etwas weniger sein. Bereits über zwanzig Prozent der in Aigle verarbeiteten Gurken kommen mittlerweile aus der Schweiz und werden nur hier vor allem im Detailhandel verkauft. «Es zeigt, dass die Konsumenten bereit sind, für gute Qualität aus dem eigenen Land einen fairen Preis zu bezahlen», erklärt Olivier Camille, Chief Customer Officer von Hugo Reitzel SA. Hätten Hagel und Regen in diesem Jahr nicht übel mitgespielt, wären die vom Unternehmen im letzten Jahr angestrebte Zielmenge von 1000 Tonnen einheimische Gurken bereits in diesem Jahr erfüllt gewesen. Dank den vielen Neueinsteigern sind es voraussichtlich immer noch rund 750 Tonnen, über 200 Tonnen mehr als im Vorjahr. 

Boom in der Westschweiz

Jahrelang dümpelte der Anbau von Schweizer Essiggurken auf wenigen Flächen vornehmlich in der Ostschweiz vor sich hin und bewegte sich bei Mengen um die 300 Tonnen pro Jahr. Nur ein paar Überzeugungstäter hielten die Produktion im Rahmen der IG Essiggurken am Leben. Hugo Reitzel SA nahm die Ware zwar ab, verarbeitete die Gurken aber jahrelang zusammen mit der Importware aus Zentraleuropa oder Indien. Erst mit der Lancierung der «Hugo»-Produkte erhielten die Schweizer Gurken im Jahr 2017 eine neue Identität. Neue Interessenten für den Anbau von Essiggurken wurden gesucht. Recht viele Anbaubetriebe liessen sich auf das Wagnis ein, die Mehrzahl in der Westschweiz. Die Anzahl der Essiggurken-Landwirte hat sich in fünf Jahren von vier auf 41 Betriebe vervielfacht, vier davon produzieren in Bio-Qualität. Die Anbaufläche betrug in diesem Jahr über 30 Hektaren. Für solche, die in diesem Jahr erstmals Gurken pflanzten, war es allerdings ein schwieriger Einstieg. Viele Kulturen seien von Hagel oder Überschwemmungen in Mitleidenschaft gezogen worden, sagt Chantal Berthoud, die bei Hugo Reitzel SA die Produktion koordiniert. Trotzdem glaubt sie, dass die Mehrzahl auch einen Anbauvertrag für das nächste Jahr unterschreiben wird. Denn schon die Neueinsteiger aus dem Vorjahr seien alle geblieben. 

Zur «Hugo»-Produktefamilie gehören auch Schweizer Ketchup und seit diesem Jahr Silberzwiebeln.

Tägliche Ernte ist nötig

Als Einstiegsgrösse vergibt Hugo Reitzel jeweils maximal eine halbe Hektare Anbaufläche, für die sie die Abnahme der Ernte garantiert. Die Produzenten sollen zuerst Erfahrungen mit der neuen Kultur sammeln, ehe sie die Flächen vergrössern und allenfalls in Geräte investieren. Betreut werden sie von Fachleuten der Firma Hugo Reitzel SA. Zudem bestehe eine Whatsapp-Gruppe unter den Anbauern, wo man sich gegenseitig Rat holen könne, erklärt Chantal Berthoud. Die Jungpflanzen werden vom Anbauer selbst angezogen oder zugekauft und Mitte Mai idealerweise in Folien gesetzt. Flächen mit Bewässerungsmöglichkeiten sind im Vorteil. Doch die eigentliche Herausforderung beginnt mit der Ernte ab Ende Juni bis Anfang September. Die Kultur gilt als sehr arbeitsintensiv und erfordert entsprechend Personal, das erst einmal vorhanden sein muss. Die kleinen Gurken müssen praktisch täglich von Hand geerntet werden, damit sie nicht zu gross werden. Fünf Kaliber von 3 bis 12 Zentimeter werden von der Firma akzeptiert. Stiele und Blütenreste müssen vorher entfernt und unförmige Gurken aussortiert werden. «Wer seine Erntehelfer bereits auf dem Feld schult, ist hier im Vorteil», erklärt Berthoud. Denn bezahlt wird nur die Ware, welche bei der Annahme in Aigle die Kriterien erfüllt. Der durchschnittliche Hektarertrag beträgt zwischen 32 und 35 Tonnen.

Kaum Gemüsebaubetriebe

Eher selten sind Essiggurken auf reinen Gemüsebaubetrieben, die vermeintlich über genug Personal und die nötige Infrastruktur verfügen sollten. Der Anbau von Essiggurken sei zwar spannend und wirtschaftlich sehr interessant, sagt Gemüsegärtner Lorenz Gutknecht aus Ins. Er stieg nach einem Jahr aber wieder aus der Produktion aus. Er hatte letztlich nicht genug Leute für die Ernte zur Verfügung, weil diese in den anderen Gemüsekulturen gebraucht wurden, die zu dieser Zeit ebenfalls voll in der Produktion stehen. Viele der Vertragsbauern von Hugo Reitzel SA bauen deshalb vor allem Ackerfrüchte wie Getreide, Zuckerrüben oder Kartoffeln an, wo die Essiggurken saisonal gut reinpassen. Aus Sicht der Rekrutierung von Arbeitskräften passen auch Spargeln, Erdbeeren, Obst oder Reben, die vor oder nach den Essiggurken geerntet werden. 

Neu Silberzwiebeln aus der Schweiz

Wie ernst es der Firma mit ihrer «Swissness»-Strategie ist, zeigt sich auch in anderen Produkten. Beispielsweise mit dem «Hugo»-Ketchup, das vornehmlich aus Genfer Tomaten hergestellt wird, oder mit den eingelegten Zucchetti oder Champignons. Dazu kommen verschiedene Senfsorten, Mayonnaise oder Essig. Mit den Silberzwiebeln hat sich die auf Essigprodukte spezialisierte Firma nun einem weiteren Gemüse angenommen, das es bisher kaum mehr aus Schweizer Böden gab. Ein Landwirt in der Nähe der Fabrik baute diese im Auftrag von Hugo Reitzel SA in diesem Jahr erstmals an. In diesem Winter wird sich zeigen, ob auch die Schweizer Sielberzwiebeln bei der Kundschaft gut ankommen. 

Hugo Reitzel wird die Hugo-Linie auf jeden Fall weiterentwickeln. Wie viele zusätzliche Gurken-Anbauer es im nächsten Jahr brauche, sei noch unklar. Man warte zuerst einmal ab, ob die aktuellen Produzenten ihre Flächen ausweiten wollten, erklärt Chantal Berthoud. Für die Firma ist aber klar: Es gibt noch Potential für mehr Anbauflächen in der Schweiz

www.hugoreitzel.ch

Hugo Reitzel SA

Am Hauptsitz in Aigle VD werden seit 111 Jahren in Essig eingelegte Gemüse produziert, vornehmlich Gurken. Im Jahr 2016 lancierte das Unternehmen die «Hugo»-Linie, in der sie nur Schweizer Produkte verwendet. Das Angebot wird laufend erweitert. Neben den Essiggurken sind das zurzeit unter anderem eingelegte Zucchetti, Champignons, Silberzwiebeln sowie Tomatenketchup, Mayonaise oder Senf. Die Abnehmer der «Hugo»-Produkte sind vornehmlich Detailhändler, aber auch Hofläden sowie der eigene Verkaufsshop in Aigle. Die Aktienmehrheit der einzigen übriggebliebene Essiggemüse-Fabrik der Schweiz befindet sich immer noch in Familienbesitz. 

Reitzel ist international präsent mit Tochtergesellschaften in Frankreich und Indien. Reitzel-Produkte werden in mehr als 22 Ländern unter verschiedenen Marken vertrieben.

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