Viren und Bakterien im Zaum halten

Die Globalisierung gepaart mit dem Klimawandel bringt bisher bei uns unbekannte Krankheitserreger und Schädlinge in die Obstanlagen. Markus Bünter von Agroscope erklärt im Interview, wie der Eintritt dieser Fremdlinge möglichst im Keim erstickt werden sollen. 

Seit letztem Jahr gelten Feuerbrand oder auch das Sharka-Virus rechtlich nur noch als geregelte Nicht-Quarantäneorganismen (GNQO) mit eingeschränkter Melde- und Bekämpfungspflicht. Hat man hier kapituliert?

Markus Bünter*: Das kann man so sehen. Beide bringen wir tatsächlich nicht mehr weg aus der Schweiz. Man kann aber hier mit präventiven Massnahmen erreichen, dass eine wirtschaftliche Produktion trotz vorhandenen Schadorganismen möglich ist. Solche nicht mehr wegzubringenden ehemaligen Quarantäneorganismen werden deshalb zu GNQO umklassiert. Die GNQO sind nur noch in den Jungpflanzenbetrieben für die Abgabe im Profibereich geregelt.

Sie legen den Schwerpunkt somit auf die Bekämpfung von prioritären Quarantäneorganismen?

Tatsächlich will man die Ressourcen nicht mehr in den mehr oder weniger etablieren Schadorganismen einsetzen, sondern in solchen, die noch nicht bei uns angekommen sind. Die Schweiz bildet mit der EU einen gemeinsamen phytosanitären Raum, in dem vergleichbare amtliche Kontrollen durchgeführt werden. Dabei finden Betriebskontrollen statt und man sucht präventiv in überwachten Gebieten, um Befallsherde möglichst früh nach der Einschleppung zu finden. So hat man die grössere Chance einen Schadorganismen wieder zu tilgen.

Beim als prioritären Quarantäneorganismus gelisteten, gefürchteten Feuerbakterium (Xylella fastidiosa) ist das bereits einmal gelungen. Wie lief das ab?

2015 landeten befalle Kaffeebäume in zwei Schweizer Gewächshäusern. Diese wurden sofort unter Quarantäne gestellt und nach positivem Laborresultat zusammen mit benachbarten Wirtspflanzen vernichtet. Es folgten zwei weitere Jahre mit einer Überwachung des Bestandes wie auch von Zikaden, welche das Bakterium übertragen könnten.

Eigentlich fand man hier sehr schnell den «Patienten Null». Wie war das möglich?

Die Pflanzen-Ladungen wurden in Holland abgefertigt und kontrolliert. Bis der Labornachweis dort erbracht worden war, waren die Pflanzen schon unterwegs in die Zielländer, ein paar wenige als Zierpflanzen auch in die Schweiz. Als der Befall bestätigt war, wurden anhand der Lieferscheine und des Pflanzenpasses auch wir als nationaler Pflanzenschutzdienst informiert. Wir machten die Pflanzen ausfindig und konnten das Bakterium ebenfalls nachweisen. In solchen Fällen ist der seit diesem Jahr bei allen gehandelten Pflanzen und Pflanzenerzeugnissen obligatorische Pflanzenpass natürlich Gold wert. Er ermöglicht die schnelle Rück- aber eben auch Vorwärtsverfolgbarkeit.

Der Pflanzenpass gilt im professionellen Bereich. Auf dem Flughafen Zürich wurden selbst im letzten Jahr mit kaum Flugverkehr über 2500 Reisende aufgegriffen mit rund zehn Tonnen unerlaubtem Pflanzenmaterial. Wie gross ist das Risiko, dass Krankheiten so eingeschleppt werden?

Es ist ziemlich gross. Bereits seit einiger Zeit sind früher noch frei einführbare Kleinmengen nicht mehr erlaubt. Frische pflanzliche Ware, Gemüse, Früchte oder Samen dürfen von Privaten von ausserhalb der EU nur noch mit einem Pflanzengesundheitszeugnis eingeführt werden, zudem besteht eine Deklarationspflicht beim Zoll. Zusätzlich wurden die Kontrollen an den internationalen Flughäfen verschärft und die Reisenden mehr informiert.

Im letzten Sommer wurde im Südtessin erstmals ein Befallsherd des gefrässigen Japankäfers nachgewiesen, nachdem er zuvor nur vereinzelt nachgewiesen worden war. Welche Massnahmen wurden ergriffen?

Das primäre Ziel im Tessin ist es nun, die weitere Ausbreitung möglichst lange zu verhindern. Zu diesem Zweck wurde eine Befallszone ausgeschieden, aus der es verboten ist, Pflanzmaterial wie beispielsweise Rollrasen oder Topfpflanzen zu verschieben. Der Kantonale Pflanzenschutzdienst musste die betroffenen Betriebe zuerst ausfindig machen, damit sie über die Auflagen informiert werden konnten. Dazu gehören auch Baufirmen, die Humus herumführen. Letztlich ist es aber leider wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Käfer den Weg in den Norden findet. Doch jedes Jahr ohne Befall ist ein gewonnenes Jahr.

Der Pflanzenpass stellt nur ein gesetzliches Minimum dar. Was bringt dem Obstproduzenten eine zusätzliche Zertifizierungsetikette für Pflanzmaterial?

Mit dieser amtlichen Zertifizierung sinkt das Risiko eines Befalls von GNQO beträchtlich. Das Konzept stammt aus den 50iger-Jahren, wo es vor allem um die Bekämpfung von Viren in Obstgehölzen ging. Denn praktisch alle Hochstämmer, die man damals für die Veredelung von kleineren Bäumen verwendete, enthielten Viren. Mit Sparmassnahmen des Bundes wurde das System so umgebaut, dass nur noch der Nuklearstock bei Agroscope besteht. Die Zwischenvermehrungsstufen liegen nun woanders, beispielsweise bei den Baumschulen. Und wenn die Obstproduzenten keine Zertifizierung nachfragen, dann macht sie der Baumschulist auch nicht.

Weshalb setzen nicht mehr Obstproduzenten auf die Zertifizierungsetikette?

Das ist wohl eine Generationenfrage. Unsere Väter und Grossväter kannten die Virosen noch. Die jungen Obstproduzenten wissen aber nicht mehr, wie sich eine solche Krankheit auswirkt und welche fatalen Folgen sie haben kann. Sie wiegen sich mit dem Pflanzenpass in einer falschen Sicherheit. Denn dieser berücksichtigt hauptsächlich die Quarantäneorganismen. Beim Pflanzenpass sind keine periodische Labortests vorgeschrieben wie bei der Zertifzierung. Deshalb ist das Befallsrisiko bei den GNQO bei nichtzertifiziertem Material höher.

Das hört sich nach Zeitbombe an.

Tatsächlich sind wir auf dem Weg zurück in die Zeit von vor 60 Jahren. Es wäre eminent wichtig, dass beispielsweise Reiser von Hochstammbäumen einer Wärmebehandlung zur Virusfreimachung unterzogen werden, bevor sie zur Veredlung weiterverwendet werden. Diese führen wir im Rahmen des Zertifizierungsvorgangs bei Agroscope durch, zurzeit übrigens gerade bei vier alten Obstsorten für die künftige Cider-Produktion. Diese werden dann drei Jahre lang mit Zeigerpflanzen auf alle möglichen Viren getestet.

Ist Steinobst anfälliger auf Krankheiten?

Beim Kernobst ist das Problem etwas weniger gross, weil sie sich in erster Linie über verseuchtes Pflanzenmaterial verbreiten. Das grösste Risiko ist hier der Baumschulist, wenn er mit Viren verseuchte Ware weitervermehrt. Beim Steinobst übernehmen die Verbreitung aber auch Nematoden, Pollen oder Blattläuse. Hat es hier kranke Bäume in der Anlage, verbreiten sich die Virus-Krankheiten deshalb sehr schnell weiter. Dies alles zeigt: Gesundes Ausgangsmaterial ist das A und O. 

* Markus Bünter ist der Leiter Forschungsgruppe Agroscope Pflanzenschutzdienst (APSD)

Globuli gegen die Weisse Fliege

Die Heilmethoden der Homöopathie sind vor allem bekannt aus dem Humanbereich. Doch immer mehr Gemüsegärtner experimentieren damit auch bei Pflanzen. Gegen Krankheiten und Schädlinge oder bei Hagel- oder Hitzeschäden.

Von aussen nicht sichtbar: Die Globuli werden im Spritztank aufgelöst.

Die Schlinge zieht sich langsam, aber sicher zu. Den Gemüsegärtnern stehen immer weniger klassische Pflanzenschutzmittel zur Verfügung, weil diese ihre Zulassung verlieren. Seit ein paar Jahren sucht die Branche intensiv nach Alternativen. Mittlerweile wird deshalb sogar die Homöopathie zum Thema. Der online durchgeführten Erfahrungsaustausch Biogemüse des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau (FiBL) widmete sich Anfang Dezember dem Thema. Eine Umfrage zu Beginn des Anlasses zeigte, dass sich doch schon einige Gemüsegärtnerinnen und Gärtner mit dem Thema beschäftigen. Die Deutsche Expertin Cornelia Maute lieferte eine Einführung in die Pflanzenhomöopathie. Vorab machte sie klar, dass das Prinzip nur in gesunden Böden mit einer hohen Pflanzenvielfalt funktioniere. Die Globuli werden in Wasser aufgelöst, gut geschüttelt und über den Spritztank oder über das Bewässerungssystem – nicht bei voller Sonne – meistens über die Wurzel verabreicht, bei Schädlingen auch über das Blattwerk. Cornelia Maute stellte fünf Mittel vor, die sich aufdrängen. Aconitum napellus (Blauer Eisenhut) wirke gut bei Witterungsschäden mit Kälte, sagte Maute. Arnica ist vielen mit der alternativen Heilmethode vertrauten Menschen bekannt als Mittel gegen kleine Alltagsverletzungen bei Menschen. Beim Gemüse wären das Verletzungen an Wurzeln oder Trieben, beispielsweise nach einem Hagelschlag. Belladonna (Tollkirsche) wirke gut nach Frost, langer Blattnässe und Feuchtigkeit. Gute Erfahrungen werden dabei bei Salaten gemacht. So etwas wie ein Allrounder unter den homöopathischen Mitteln sei Silicea (Kieselsäure). «Es fördert das Wachstum gegen oben», erklärte Maute. Deshalb sollte es aber besser nicht bei Knollengemüse eingesetzt werden. Sulphur (Schwefel) wird gegen die Weisse Fliege in Kohl eingesetzt. 

Praxiserfahrungen

Stefan Krähenbühl aus Greng am Murtensee setzt auf seinem Bauernbetrieb seit ein paar Jahren auf Homöopathie. Bei seinen Milchkühen kommt er seither ohne Antibiotika aus. Er fragte sich: Weshalb sollte das also nicht auch bei Pflanzen funktioniere? Bei der Krautfäule in Kartoffeln beispielsweise erzielte er gute Erfolge und kam meistens ohne Kupfergaben aus. Am besten sehe man den Erfolg aber bei der Bohnenlaus. Zwei bis vier Tage nach der Saat fährt er dazu mit aufgelösten Globuli von Silicea und Sulfur im Spritztank durch die Kulturen. Nach wiederum zwei bis vier Tagen werde der Vorgang wiederholt. «In diesem Jahr hatten wir so gute Bohnenbestände und keine Ausfälle», erklärte Krähenbühl den 43 am Webinar Teilnehmenden. 

Auch Stefan Herren von der Rathgeb BioProdukte AG experimentierte bereits mit Homöopathie. «Wir suchten vor allem nach etwas Wirksamen, bei dem keine Wartezeiten eingehalten werden müssen und das keine Nebenwirkungen auf die Umwelt hat», erklärt er seine Beweggründe. Die Wirksamkeit sei sehr unterschiedlich. Interessant sei der tiefe Preis für die Produkte, die Kosten seien schon fast vernachlässigbar. Nicht eingerechnet seien hier allerdings die Arbeitskosten, die dann doch beträchtlich seien. Er selbst sieht zurzeit noch mehr Potenzial bei Mikroorganismen-Präparaten, wünscht sich aber mehr Forschungsarbeiten dazu. Einschränkungen bei der Anwendung gibt es übrigens keine. Gemäss FiBL-Betriebsmittelliste dürfen alle homöopathischen Mittel in Potenzen von D6 oder höher verwendet werden mit Ausnahme von Aristolochia (Pfeifenblumen) und Colchicum (Herbstzeitlose). 

Karottenaufbereitung: Innovation bringt mehr Sortierleistung

Dank einer raffinierten technischen Erweiterung verdoppelt die «Sortop Carrots» ihre bisherige Sortierleistung bei den Karotten. Die zündende Idee dazu entstand in einer Wurstfabrik. Umgesetzt wurde sie während des Corona-Lockdowns.

Dank dieser neuen Konstruktion verdoppelt sich die bisherige Sortiermenge der «Sortop Carrots».

Besser, schneller, günstiger. Diese Maxime dominiert seit Jahren die Gemüsebranche. Auf dem Acker stösst sie längstens an ihre Grenzen. Auf den nachgelagerten Stufen sind aber Effizienzsteigerungen immer noch möglich. Das zeigt die Westschweizer Firma Visar Sorting in Oppens VD. Vor zehn Jahren brachte sie mit der «Sortop Carrots» ein Karotten-Sortiersystem auf den Markt, von dem seither über 170 Stück auf allen Kontinenten verkauft worden sind, mittlerweile auch zur Sortierung von Kartoffeln. Die intelligente Software mit raffinierter Kameratechnik ermöglichte eine zuvor nie gesehene präzise Sortierung in grosser Geschwindigkeit und das mit viel weniger Arbeitskräften. Eine Person für die Überwachung der Maschinen reicht aus. «Dank künstlicher Intelligenz erkennt die Anlage die Qualitätsunterschiede besser und dazu viel schneller als der Mensch», erklärt Firmenmitbegründer Daniel Pitton. Alleine bei Karottenproduzenten in der Schweiz stehen mittlerweile 25 Maschinen im Einsatz. Der ehemalige Bauernhof von Daniel Pitton in der 200-Seelen-Gemeinde Oppens wurde seither zum modernen Produktionsstandort ausgebaut, wo nun 25 Leute arbeiten, darunter hochqualifizierte Ingenieure, CAD-Zeichner, Konstrukteure oder Automatiker. 

360 Grad-Bild einer dreibeinigen Karotte, die aussortiert wird. 

Noch mehr Leistung wird verlangt

Rund zwei Tonnen Karotten pro Stunde schaffte die «Sortop Carotts» bisher. Mit dem Erfolg stiegen aber die Ansprüche und der einzige namhafte Mitbewerber aus Dänemark sorgte zunehmend für Preisdruck. «Lange konnten wir den höheren Preis mit der besseren Qualität beim Sortieren rechtfertigen», erklärt Daniel Pitton. Die Kundschaft hätte aber immer noch mehr Leistung und Qualität gefordert. Das Team in Oppens machte sich deshalb zwar seit längerem Gedanken, wie die Anlage weiter optimiert werden könnte. Schliesslich war es aber ein Kunde in Frankreich, der die zündende Idee lieferte. Er berichtete von einer Wurstverarbeitungsanlage, die mit einem Trommelsystem funktionierte, welche möglicherweise auch für Karotten geeignet wäre. Zu Beginn hätten sie nicht geglaubt, dass so etwas mit Karotten funktionieren könnte, sagt Pitton. Trotzdem überzeugte ihn den Gedanken, dass die Nutzung der Zentrifugalkraft sie weiterbringen könnte. Ein weiterer Zufall brachte ihn schliesslich zu einem holländischen Kollegen, der bereits ein Prototyp mit einem ähnlichen Prinzip entwickelt hatte, das aber in der Praxis nicht funktionierte. Pitton erkannte das Potenzial, kaufte ihm die Konstruktion ab und brachte sie in seine Werkstätten in die Westschweiz zur Weiterentwicklung. 

In wenigen Monaten marktreif

Daniel Pitton ist Mitgründer der Visar Sorting. 

Der Corona-Lockdown im Frühling stellte sich schliesslich für die international ausgerichtete Firma als Glücksfall heraus. Daniel Pitton und seine Kreativabteilung hatten bei geschlossenen Grenzen plötzlich unverhofft Zeit, um die Idee zur Praxisreife zu bringen. In wenigen Monaten entwickelten die Leute von Visar Sorting ein einfaches, aber ausgeklügeltes rotierendes Trommelsystem, welches durch die Ingenieure so weiterentwickelt wurde, dass die Karotten in einer Reihe und nicht mehr zwischendurch doppelt durchs System «schlüpfen» konnten. Die Entwicklung sei ein Quantensprung, sagte Pitton. «In der gleichen Zeit wie vorher kann die Anlage nun viel mehr Karotten in besserer Genauigkeit sortieren». Weil die Anlage dadurch kaum teurer wie bisher wird – der Stückpreis beläuft sich auf rund 213 000 Euro –, halbieren sich die Kosten pro Karotte für die Sortierung. «Anstatt zwei Tonnen pro Stunde schafft die Anlage nun vier Tonnen.» Seit September werden bestehende Anlagen mit dem neuen System aufgerüstet, die Nachrüstung kostet 48 950 Euro. Eine Investition, die sich offenbar für die Kundschaft lohnt: «50 Stück wurden bereits bestellt», sagt Pitton. Neue «Sortop Carrots»-Anlagen werden nun nur noch in der neuen «Revolution»-Version verkauft. Vor Kurzem verliess eine solche Anlage die Werkstätten in Richtung Tasmanien. Daniel Pitton ist überzeugt, dass das System mit der Leistungssteigerung nun auch preislich wieder mehr als konkurrenzfähig und damit gut für die Zukunft gerüstet ist. 

Fertigstellung von drei neuen Erweiterungen in der Werkstatt in Oppens VD. 

Das Interesse an der «Sortop Carrots» sei in den letzten Monaten auch sonst deutlich gestiegen. Pitton führt dies auf die zunehmende Knappheit von günstigen Arbeitskräften zurück. «Gerade während des Lockdowns haben die Firmen konkret zu spüren bekommen, was das bedeuten kann». Als nächster Schritt steht nun die Weiterentwicklung des Systems für die Kartoffelsortierung an. Pitton schaut zuversichtlich in die Zukunft: «Mittelfristig arbeiten wir an der Ausweitung der Anwendung auf andere Produkte beispielsweise für Minigurken, Pastinaken oder Süsskartoffeln.

So funktioniert es

Bei der optischen Sortierung der vollautomatischen «Sortop Carrots Revolution» erkennen hochauflösende Kameras (0.16 mm2) kleinste Flecken und Schäden bei Karotten und bestimmen das Gewicht auf das Gramm genau. Die Maschine kann alle Formen von Karotten mit einem Durchmesser zwischen 10 und 80 mm sowie einer Länge von zwischen 25 und 400 mm sortieren. Pro Sekunde werden Karotten in einer Reihenlänge von 1,95 Metern «verarbeitet». Damit lässt sich das Gewicht pro Stunde (x 3600 Sekunden) berechnen. Je nach Kaliber variiert das bei Snack-Karotten von 1,5 bis 7 Tonnen bei Industriekarotten. Bei «normalen» Karotten für den Frischmarkt kommt die Anlage auf vier Tonnen pro Stunde. Die Karotten werden in vom Kunden vorgegebenen Qualitätskriterien in bis zu sechs Kategorien sortiert. 

 www.visar-sorting.com 

Verpackungen bei Bio-Gemüse: ElastiTag ersetzt Plastik

Biogemüse in Plastikverpackungen steht gerade bei dieser Kundschaft besonder in Kritik. Die Bio-Produzentenorganisation Terraviva ag/sa ist deshalb permanent auf der Suche nach alternativen, plastikfreien Lösungen. 

Ganz ohne geht es nicht: Eine Plastikfolie über dem Ifco schützt die Cicorino mit dem ElastiTag vor dem Austrocknen. 

Unglücklich war Rahel Bonny nicht, als der Abnehmer den Versuch mit dem Verkauf von Bio-Zucchetti im Netz stoppte. «Der Gewichtsverlust des Gemüses in der nahezu ungeschützten Atmosphäre ist doch beträchtlich», sagt die Geschäftsführerin der Produzentenorganisation Terraviva ag/sa in Kerzers. Um das angeschriebene Gewicht beim Endkunden gewährleisten zu können, muss bei dieser Verpackungslösung immer etwas mehr Gemüse eingefüllt werden. Die Mehrkosten trägt letztlich der Abpackbetrieb. Die Bio-Zucchetti wurden diese Saison nun wieder im Flowpack ausgeliefert, weil der Abnehmer entschieden hat, Netze eher bei anderen Produktelinien einzusetzen. Der Unterschied zwischen bio und konventionell liegt nun wieder im Plastik, was bekanntlich bei der ökosensiblen Biokundschaft seit Jahren für Diskussionen sorgt. 

Aus Kostengründen und aus Sicht der Prozesse und Abläufe im Betrieb kann Rahel Bonny eigentlich gut mit Zucchetti im Flowpack leben. Denn auch sie weiss, dass Plastik bei einer ganzheitlichen Betrachtung bei der Nachhaltigkeit nicht unbedingt schlecht abschneidet. Trotzdem wird zusammen mit den Abnehmern auch bei Zucchetti weiter intensiv nach Lösungen gesucht, mit weniger Plastik auszukommen. Vor allem eben, weil gerade ihre Kundschaft das wünscht. 

Papierverpackung bei Kartoffeln

Die Terraviva ag/sa vermarktet das Gemüse von über 80 Schweizer Biogemüse- und Obstproduzenten und ist damit eine der grossen Nummern in der Branche. Auf dem Durchgang durch den Betrieb zeigt sich entsprechend eine vielfältige Landschaft von Verpackungsstrassen und -stationen. Die Kartoffeln beispielsweise werden in Kerzers seit diesem Jahr grösstenteils in Papier anstatt Plastik verpackt. Dazu schaffte sich das Unternehmen zwei neue Maschinen an. Ein Ausschnitt mit Netz ermöglicht der Kundschaft den Blick in die Packung. Die Maschine in Kerzers kann sowohl die Papierrolle mit dem bereits eingeklebten Netz verarbeiten sowie dieses auch nachträglich während des Packungsprozesses selbst fixieren. Letzteres bringt Vorteile: «Die Rollen ohne Netze haben ein geringeres Volumen und benötigen deshalb weniger Lagerfläche und ermöglichen Einsparungen von Lastwagenfahrten», erklärt Betriebsleiter Bernhard Häfliger. Aus Sicht der Nachhaltigkeit ein gutes Argument, das aber der Kundschaft kaum zu vermitteln ist. 

ElastiTags anstatt Plastik 

Viel einfacher geht das mit den ElastiTag, einem elastischen Band mit Etikette, das bei immer mehr Gemüse verwendet wird. Die Plastikeinsparung leuchtet hier jedem ein. «Doch weniger Verpackung heisst nicht unbedingt weniger Aufwand», erklärt Rahel Bonny. Bei den «Gümmelis» beispielsweise ist Handarbeit und viel Fingerfertigkeit gefragt: Blitzschnell wickelt die Terraviva-Mitarbeiterin den ElastiTag um den Chinakohl. Andere Gemüse mit ElastiTag sind Sellerie, Lauch oder Cicorino rosso. Ein Blick auf letztere zeigt aber, dass Kompromisse immer noch nötig sind. So verlangt der Abnehmer, dass das Ifco-Kistchen mit den Cicorino Rosso bei der Auslieferung mit einer Plastikfolie abgedeckt wird, damit das Produkt nicht zu schnell austrocknet. Womit ein Teil der Plastikeinsparung zu Nichte gemacht wird. «Es braucht aber immer noch deutlich weniger Plastik, als wenn jeder Salat einzeln verpackt würde», erklärt Rahel Bonny.

Aus Sicht von Kosten und Materialaufwand sind die direkt auf dem Produkt angebrachten Sticker interessant, beispielsweise bei Kohlrabi. Was auch hier bleibt, ist der Gewichtsverlust wegen dem fehlenden Schutz der Folie. Optimiert wird auch bei den Schalen, wo beispielsweise Karton oder in Premiumprodukten Holz verwendet wird und auf Plastikbeschichtung verzichtet wird. Sie sind mindestens doppelt so teuer wie Plastiklösungen. Das sind Mehrkosten, die kaum auf die Kundschaft abgewälzt werden können. Doch damit müssen Lieferanten wie die Terraviva ag/sa irgendwie leben: Der Kunde ist letztlich immer König!

Abfälle von vornherein verhindern

In der Natur gäbe es genug Rohstoffe, um Verpackungen ohne negative Einflüsse für die Umwelt herzustellen und zu entsorgen. Das Prinzip von Cradle to Cradle verfolgt diesen Ansatz konsequent.

Wie gross ist das Interesse von Lebensmittelproduzenten – wie beispielsweise Gemüsegärtnern – an Cradle to Cradle?

Martin Schlegel*: Cradle to Cradle ist leider generell noch nicht so bekannt. Wir arbeiten seit vier Jahren daran, das zu ändern. In der Textilindustrie ist das Konzept beispielsweise bereits angekommen. Im Bereich der Lebensmittel sind wir noch nicht soweit. Das liegt sicher auch daran, dass unsere Firma vor dem Einstieg in Cradle to Cradle keine Lebensmittelverpackungen herstellte. 

Weshalb gibt es noch keine Cradle to Cradle Verpackungslösung für Frischprodukte?

Bei Lebensmitteln dauert es meistens etwas länger, eine Verpackung zu ändern, da hier die Prozesse oft von den Regulatoren abgenommen werden müssen. Doch können wir grundsätzlich heute schon kreislauffähige Verpackungen anbieten. Jedoch sind die Anforderungen je nach Frischprodukt anders. Oft werden Barrieren für Fett, Dampf oder Wasser benötigt. Damit ein poröses Material wie Karton oder Papier diese Barriereeigenschaften aufweist, muss es behandelt oder beschichtet werden. Die Kreislauffähigkeit ist hier eine Herausforderung. Es gibt aber bereits gute Lösungsansätze.

Gibt es denn kreislauffähiges Beschichtungsmaterial?

Es gibt Forschungen im Bereich der Textilbeschichtungen, wo verschiedene natürliche Wachse für Funktionskleidung eingesetzt werden sollen. Zudem wurde zum Beispiel in letzter Zeit das Bienenwachstuch als Ersatz für Frischhaltefolie wieder modern. Das Potential für eine auf diese Weise beschichtete Verpackung ist durchaus vorhanden, sie müsste aber zuerst entwickelt werden. Jedoch stellt sich dann auch die Frage, wie denn zum Beispiel das Bienenwachs im Kreislauf gehalten werden könnte. Und: Hätten wir überhaupt genügend Bienen, um den Bedarf zu decken?

Grosse Detailhändler verlangt von ihren Lieferanten, dass sie Kartoffeln in Papier-Verpackungen anbieten: Eigentlich würde sich hier Cradle-to-Cradle aufdrängen.

Das sind ja sehr gute Neuigkeiten! Kartoffeln sind aus meiner Sicht sehr gut geeignet, um in Karton verpackt zu werden. Da sehe ich durchaus Potential mit den uns bereits bekannten Materialien eine Lösung zu finden.

Sind Cradle-to-Cradle-Produkte teurer?

Die Frage ist, mit was und wie man vergleicht. Spätestens wenn wir die Kosten einbeziehen, welche Schadstoffe in nicht Cradle to Cradle zertifizierten Produkten verursachen, sollte die saubere Verpackung günstiger sein. Aber auch wenn ein Hersteller weniger chemische Stoffe benötigt und deshalb sein Abwasser oder seine Abluft nicht mehr reinigen muss, bedeutet das sofort immense Einsparungen. 

In welchen Bereichen können sich Gemüsegärtner mit Cradle-to-Cradle-Produkten für mehr Nachhaltigkeit engagieren?

Hauptsächlich, indem sie Cradle to Cradle Produkte verwenden. Aber auch, indem sie beispielsweise Ideen entwickeln und umsetzen, wie sich Kreisläufe schliessen lassen. Beispielsweise mit dem einarbeiten von zu viel gedruckten Prospekten in den Boden. Denn der Zellstoff im Papier hat ja sehr positive Auswirkungen auf die Humusbildung. Humus kann Feuchtigkeit gut speichern und schützt so die Böden vor dem Austrocknen. Wenn der Zellstoff nun frei von bedenklichen Stoffen ist entspricht das dem natürlichen Kreislauf der Natur und es ist nicht mehr schlecht, dass ein paar wenige Prospekte zu viel produziert wurden, sondern es kann sogar positiv genutzt werden. n

* Martin Schlegel arbeitet bei der Druckerei Vögeli AG in Langnau i.E. 

Kreislaufwirtschaft

Cradle to Cradle bedeutet auf Deutsch «von der Wiege in die Wiege». Dabei werden nur Rohstoffe verwendet, die sich vollständig wieder in einen natürlichen Kreislauf einfügen lassen, ohne Rückstände von nicht abbaubaren Giftstoffen. Es entstehen dabei grundsätz-lich keine Abfälle, sondern nur Nährstoffe, es geht also quasi um den perfekten Kreislauf. Die Firma Vögeli AG aus dem Emmental ist die einzige Druckerei in der Schweiz, die Cradle to Cradle zertifiziert ist. 

 www.cradle-to-cradle.ch

Verpackungen: Eierlegende Wollmilchsau gesucht

Plastikverpackungen schützen Frischprodukte wie Gemüse eigentlich idealerweise vor äusseren Einflüssen. Trotzdem muss die Branche nach valablen Alternativen suchen, weil die Kundschaft es so wünscht. Die Suche ist aber nicht so einfach.

Gurken in Plastikfolie verpacken oder offen verkaufen? An dieser Frage scheiden sich die Geister und die Antworten sind bekanntlich voll von Zielkonflikten. Der Händler weiss, dass eine eingepackte Gurke sechs Mal länger hält als eine offen verkaufte. Zudem stellen sich bei letzteren hygienische Fragen – zurzeit ja besonders aktuell. Die Kundschaft hingegen denkt an Schildkröten mit Plastikabfall im Hals und stört sich deshalb am «unnötigen» Plastik. Anbieter werden folglich über Soziale Medien unter Druck gesetzt. Die Gemüseproduzenten wiederum sehen in gekühlten Verkaufsabteilungen eine Lösung, um die Haltbarkeit von Gurken im Offenverkauf zu erhöhen. Was aber mit höheren Energiekosten – vor allem im Sommer – verbunden wäre. Da der Kunde König ist, werden vor allem seine Wünsche erfüllt. Das heisst hier beispielsweise: Mehr Gurken im Offenverkauf. Obwohl dies aus Sicht der Nachhaltigkeit möglicherweise höchstens die zweitbeste Lösung ist. 

Plastik als Übeltäter gesetzt

Mit den zugemüllten Meeren haben Gemüseverpackungen aus der Schweiz nichts zu tun. Trotz ärgerlichem Littering an Strassenrändern hat die Schweiz die Plastikentsorgung nämlich im Griff. «Grundsätzlich weg von Plastik ist uns deshalb zu plakativ», sagte Patrick Geisselhardt vom Branchenverband Swissrecycling am Betriebsleiterseminar des Verbandes Schweizer Gemüseproduzenten im Dezember 2019. Die Alternativen seien nicht immer besser. Ziel müsse es sein, die Umweltbelastung von Plastikverpackungen zu reduzieren. Beispielsweise mit mehr Kreislaufwirtschaft. Plastik soll wiederverwendet werden. Dazu ist aber eine andere Zusammensetzung der Verpackungen nötig, mit einer besseren Trennbarkeit. In der Praxis heisst das beispielsweise weg von beschichteten Kartonschalen, die aus vielen unterschiedlichen Komponenten bestehen. 

Weniger ist mehr

Ein pragmatischer, wirkungsvoller Ansatz ist die Optimierung der Plastikanwendungen beispielsweise mit der Foliendicke. Und Folien aus Polyvinylchlorid (PVC) belasten die Umwelt mehr als solche auf Basis von Polyethylen (PE). Eine optimierte PE-Schrumpffolie spart im Vergleich zu PVC 59 Prozent Material und 69 Prozent CO2 ein. Detailhändler wie Migros und Coop reduzierten durch solche Optimierungen bereits viele Tonnen Plastik. Die Kommunikation dieser Leistung an der Verkaufsfront ist allerdings schwierig. Besser kommen Schalen aus Bestandteilen von Grasfasern beim Publikum an, wie sie Coop in ihrer «Taten-statt-Worte»-Kampagne öffentlichkeitswirksam bewirbt. Sie können über die Kartonsammlung entsorgt werden. Tönt gut, doch letztlich ist unklar wie nachhaltig das Ganze wirklich ist. Beispielsweise wenn die Grasschalen plötzlich in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen. Vor allem aber sind sie drei bis viermal teurer als Plastik, was wiederum ein Problem für die Produktion ist, weil solche Mehraufwände bekanntlich nur schlecht auf das Produkt abgewälzt werden können. Vermutlich waren das zu viele negative Aspekte, zumal noch ein störender Grasgeschmack dazukam. Aus verschiedenen Quellen ist zu vernehmen, dass die Schale aus dem Markt verschwinden wird. Coop will sich dazu nicht konkret äussern. 

Reisstroh als Alternative

Doch die Grundidee bleibt: Die Ostschweizer Firma Permapack hat seit letztem Jahr eine Verpackungsschale auf Basis von Reisstroh im Angebot, die zwar immer noch deutlich teurer als Plastikschalen sind. Sie werden aber mit einem reinen Abfallprodukt aus der Reisproduktion vor Ort in Malaysia hergestellt und hätten sich in der Praxis bereits mit Nüsslisalat, Bärlauch und Lauch bewährt, sagt Sandro Capone, Leiter Verkauf bei Permapack. Der Energieaufwand für die Herstellung sei vergleichbar mit Karton und die Schale könne ohne Rückstände kompostiert oder mit dem Karton entsorgt werden. Ein weiterer positiver Effekt: Der Reisbauer kann ein zusätzliches Einkommen erzielen. «Das Produkt ist fast schon eine eierlegende Wollmilchsau», sagt Capone.

Wetter-Ereignisse besser versichern

Anbaurisiken werden immer schwieriger zu managen. Eine Möglichkeit bieten hier indexbasierte Versicherungen. Versicherungsgeld gibt es dabei sofort nach Eintritt des negativen Wetterereignisses – ohne Schadenaufnahme.

Wetterstation.
Wetterstationen übermitteln Daten automatisch an den Versicherer.

Das Klima ändert sich: Fröste kommen häufiger vor, Niederschläge bleiben aus oder kommen geballt auf einmal. Die Obstproduzenten haben in den letzten Jahren bereits auf die neuen Umstände reagiert. Oft mit technischen Lösungen wie Bewässerungssystemen, Wasserspeichern, Hagelschutznetzen oder Regendächern beispielsweise. Doch die Risiken werden vermehrt auch administrativ optimiert – mit dem Abschluss von Versicherungen. Die Schweizer Hagel bietet seit drei Jahren eine Frostzusatzversicherung an. In diesem Jahr schlossen Schweizer Obstproduzenten dabei über 150 Verträge ab, mit einer Versicherungssumme von 8,5 Millionen Franken. «Die bezahlte Schadensumme der letzten drei Jahre liegt 1,6 Mal höher als die Prämieneinnahmen», sagt Sprecherin Esther Böhler. Das sei ein Hinweis darauf, dass für die langfristige Tragbarkeit mehr Versicherte und möglicherweise eine Überprüfung der Deckung notwendig sei. Allerdings: Die Tragbarkeit der Prämie gibt bei den Versicherten schon jetzt viel zu reden.

Wetter-Indexversicherungen

Abhilfe würde möglicherweise die in der (inzwischen sistierten) AP22+ vorgesehene staatliche Unterstützung von Ernteversicherungen bringen, wie sie in vielen Ländern bereits existiert. ETH-Professor Robert Finger hält allerdings nicht allzu viel von staatlich gestützten Versicherungslösungen, weil sie möglicherweise falsche Anreize setzten oder das Erreichen von agrarpolitischen Zielen wie beispielsweise dem Schutz der Umwelt und der Selbstversorgung nicht direkt unterstützten. Trotzdem bleiben Versicherungen für ihn ein zentraler Bestandteil einer Risikostrategie. Ergänzend sieht der Forscher in Wetter-Indexversicherungen eine interessante Möglichkeit, um Anbaurisiken künftig besser zu managen. Die international tätige Schweizer Firma CelsiusPro bietet solche Derivate an, bei denen keine Schadexperten mehr auf den Platz kommen. Es funktioniert so: Der Obstproduzent sichert sich mit einer Risikoprämie gegen Frost ab. Wird ein festgelegter Temperatur-Wert auf einer Messstation unterschritten, wird der versicherte Betrag sofort ausbezahlt, unabhängig vom entstandenen Schaden. In der unkomplizierten und schnellen Auszahlung sieht Finger einen Vorteil: «Drohende akute Liquiditätsengpässe können so in manchen Fällen verhindert werden.» Eine Schwäche von indexbasierte Versicherungslösungen sei aber das Basisrisiko. Um was geht es? Im optimalen Fall hat der Obstproduzent trotz einem registrierten Frostereignis keine Ertragseinbussen und kassiert aber trotzdem die Entschädigung. Das passiert, wenn beispielsweise die Messstation für den Index etwas weiter weg vom Betrieb steht. Im schlechten Fall entstehen aber am gleichen Ort Frostschäden, obwohl die Temperaturen in der Station keine Minustemperaturen anzeigen. «Dieses Basisrisiko kann jedoch durch technische Anpassungen reduziert werden», sagt Finger. Beispielsweise indem bessere und genauere Informationen zur Verfügung gestellt werden. Eine Möglichkeit wäre die Verwendung von spezifischen Informationen zu auf Kulturpflanze und Region angepasste Wachstumsphasen. «Kennt man die heiklen Zeitfenster – beispielsweise für die Blüte in Obstanlagen –, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Index daneben liegt.»

Nicht nur den Ertragsausfall versichern

Indexversicherungen können zudem entstehende Mehrkosten absichern. Es gehe also nicht nur um Erträge, sondern auch um eine Kompensation von zusätzlich entstehenden Kosten, beispielsweise für Frostkerzen oder bei Dürre für die Bewässerung. «Es besteht somit ein Anreiz, die Produktion trotz Schadenereignis zu sichern, die Versicherungsentschädigungen einzukassieren und damit die Mehrkosten zu begleichen», erklärt Finger. Seien Frostschäden hingegen mit einer Ertragsversicherung abgesichert, gebe es meistens nur Geld, wenn ein Schaden entsteht. «Der Anreiz diesen zu verhindern sinkt.» Esther Böhler weist allerdings darauf hin, dass auch bei der Frostdeckung der Schweizer Hagel Kosten für die Frostbekämpfung entschädigt würden. Die Schweizer Hagel beschäftigt sich zudem bereits intensiv mit reinen Indexversicherungen. Mit der Gras-Klima-Versicherung hat sie bereits eine Indexversicherung im Angebot. Eine Erweiterung der Produktepalette sei geplant, entsprechende Pilotprojekte sollen in den kommen Jahren gestartet werden, sagt Esther Böhler.

Mehr Infos:
https://agrarpolitik-blog.com/2017/05/19/neue-wege-fuer-versicherungen-in-der-landwirtschaft/

Mit dem Mobiltelefon durchs Agrarmuseum

Das Agrarmuseum geht in einer komplett neuen Ausstellungshalle ins digitale Zeitalter und wird Teil der neu konzipierten Lern- und Erlebniswelt Burgrain. Diese soll zum Schweizer Zentrum für die Wissensvermittlung von nachhaltiger Landwirtschaft werden.

Beatrice Limacher vor der Visualisierung des künftigen neuen Agrarmuseums und dem Rohbau in Alberswil LU dahinter.

Das Agrarmuseum Burgrain macht zum letzten Mal Winterpause. Schwierige Monate liegen hinter ihm, erst im Juli öffnete es wegen Corona wieder seine Türen, mit einem stark abgespeckten Programm. «Die Umsatzeinbussen betragen über 50 Prozent», sagt Museumsleiterin Beatrice Limacher. Trotzdem ist sie guter Dinge. Es herrscht sogar regelrecht Aufbruchsstimmung in Alberswil LU. Denn ab dem nächsten Frühling wird das Museum nicht mehr wiederzuerkennen und ganzjährig geöffnet sein. Die Ausstellung wird total neu konzipiert und das Museum bezieht Räumlichkeiten in einem Gebäude, das zurzeit gleich nebenan erstellt wird. Es mietet sich im Obergeschoss auf 1800 Quadratmeter Fläche bei der regionalen Bio-Vermarktungsplattform RegioFair ein, die dort zurzeit ihr neues Logistikzentrum zu Ende baut.

Mehr Bezug zur Aktualität

Das Käsekessi mit dem Holzbalken werden auch Teil der neuen Dauerausstellung sein.

Alles ist bereit für den Umzug. Bei weitem nicht alle Exponate werden es von den alten Gebäuden rüber in die neue Ausstellung schaffen. Farbige Zettel markieren Gegenstände, die den «Cut» in die neue Dauerausstellung geschafft haben. Beispielsweise das Käseräf, mit dem früher der Alpkäse ins Tal getragen wurde oder das Käsekessi. Der Hürlimann-Traktor – schon fast ein Schweizer Kulturgut – sowie ein paar andere schwere Geräte stehen bereits in der noch leeren neuen Halle. Ein Kran hob sie vor der Dachschliessung auf den oberen Stock, wo sie nun unter einer Plastikfolie geschützt auf ihren zukünftigen Bestimmungsort warten. Sie werden dabei harmonisch in eine Museumslandschaft eingebettet, welche die Ansprüche der heutigen Museumspädagogik erfüllt. In den überfüllt wirkenden, alten Räumlichkeiten kamen nämlich höchstens noch die Augen von Landmaschinenbegeisterten oder pensionierten Landwirten zum Leuchten. «Wer keinen Bezug zur Landwirtschaft hat, konnte wenig damit anfangen», sagt Beatrice Limacher. Unbestritten befindet sich hier zwar ein wertvoller Schatz an historischen Objekten aus der Landwirtschaft, der dort übrigens weiterhin für die Öffentlichkeit in den bisherigen Gebäuden als Schaudepot zugänglich sein wird. Was dort aber bisher fehlte, war der aktuelle Bezug zur Landwirtschaft. Die Vergangenheit wird zwar auch künftig thematisiert aber mehr in die Richtung, wie diese den heutigen Alltag beeinflusst. «Das neue Konzept macht das statische Museum zu einer modernen Erlebniswelt rund um landwirtschaftliche Themen», sagt Beatrice Limacher. Die Dauerausstellung stellt sich der überaus anspruchsvollen Grundfrage: «Wer ist Landwirtschaft?» Neu richten sich die Ausstellungsmacher nun also vermehrt an die Konsumentinnen und Konsumenten sowie an Schulklassen.

Museumsleiterin Beatrice Limacher vor markierten Gegenständen in der früheren Ausstellung, die nächstens in die neue Halle gezügelt werden.

Sensibilisieren nicht moralisieren

In der neuen Dauerausstellung werden die Besucherinnen und Besucher durch einen Boden reisen können (hier in einer Projektskizze).

Mit sogenannten Brennpunkten sollen die komplexen Zusammenhänge der Landwirtschaft spielerisch und verständlich dargestellt werden. Für die museale Umsetzung der Themenbereiche wurde die Szenografie-Agentur Hof3 aus Trubschachen engagiert. Ein Projektteam um Max Eichenberger, Präsident der Stiftung Schweizerisches Agrarmuseum Burgrain, lieferte ihr dabei Themen und inhaltliche Vorstellungen. Letztlich gehe es darum, dass sich der Besucher am Schluss fragt, wie er mit seinem eigenen Verhalten die Landwirtschaft beeinflusst. Doch Beatrice Limacher stellt klar: «Wir wollen nicht moralisierend auf die Leute einwirken, sondern diese sensibilisieren.» Schliesslich könne jeder selbst entscheiden, welche Lebensmittel er kaufen wolle. Doch nach dem Besuch der Ausstellung sollte er dann zumindest wissen, was sein Verhalten zum Beispiel für den Boden bedeuten könnte. Einer von neun Brennpunkten widmet sich nämlich genau diesem. Dabei begibt sich der Besucher unter anderem in eine Maulwurfperspektive in eine intakte Bodenstruktur, ehe er seinen Kopf durch ein Loch streckt und auf die Heuwiese darüber blickt. Nebenan schaut er hingegen auf einen verbauten Boden in der Stadt. Digitale Hilfsmittel helfen dabei, die komplexen Zusammenhänge zu verbinden. Dazu wurde eine Museums-App programmiert, welche die Besucher via Mobiltelefon durch die Ausstellung begleitet. Beispielsweise im Brennpunkt, wo es um die Produktion geht. Hier ist unter anderem geplant, dass verschiedene Lebensmittel auf einem Sushi-Band an den Besuchern vorbeirollen und diese mit dem Handy gescannt und Informationen über deren Herkunft und Produktionsweise abrufen können.

Spiel als roter Faden

Der Weg durch die Hauptausstellung startet künftig mit einem Einführungsfilm über die grundsätzliche Bedeutung der Landwirtschaft für die menschliche Kultur. Danach sind Zonen mit den Brennpunkten geplant, die einen roten Faden unter anderem durch Themen wie Qualitätsanforderungen bei Obst, Stoffflüsse, Klima, Biodiversität, Agrargeschichte oder Globalisierung bilden. Das Ganze hat eine spielerische Komponente. An jedem Brennpunkt stellt ein portraitierter Bauer oder eine Bäuerin im Video eine Frage zum jeweiligen Thema. Die Antworten werden anonym ausgewertet und liefern so am Ende der Ausstellung Anhaltspunkte zum eigenen Verhalten. «Es soll aufgezeigt werden, dass es jeder selbst in der Hand hat, über die Zukunft der Landwirtschaft zu entscheiden», erklärt Beatrice Limacher.

Erste schwere Maschinen sind über das noch offene Dach bereits in die neue Ausstellungshalle gezügelt worden.

Lern- und Erlebniswelt Burgrain

Das neue Agrarmuseum im markanten Holzgebäude ist künftig Teil der Lern- und Erlebniswelt Agrovision. Der bereits bestehende Biohof, die Käserei, die Bäckerei, der Biolegehennenstall oder der Lehrbienenstand und vieles mehr waren bisher kaum vernetzt. Sie bilden künftig nun eine einzige Lernlandschaft zur Landwirtschaft mit grossem Bezug zur Praxis und der Möglichkeit der sinnlichen Erfahrung. Dazu gehören auch Hecken mit einheimischen Sträuchern, eine Obstanlage oder das gerade frisch ausgesäte Dinkelfeld. Hier soll künftig die Bedeutung der Fruchtfolge gezeigt werden. Ausserdem steht im neuen Museum eine grossräumige Schulküche zur Verfügung. Das Ganze soll nämlich fixer Bestandteil im Schuljahr werden. «Die Pädagogische Hochschule Luzern hat für Schulklassen bereits vollständige Lerneinheiten nach Lehrplan 21 ausgearbeitet», erklärt Beatrice Limacher.

Bis die Museumsleiterin das Eröffnungsband im neuen Museum durchschneiden kann, bleibt noch einiges zu tun. Für die Finanzierung der neuen Dauerausstellung ist die Stiftung Schweizerisches Agrarmuseum Burgrain verantwortlich. Ein grosser Teil der benötigten rund drei Millionen Franken sind gesammelt, doch ist das Projekt noch nicht ganz ausfinanziert. Deshalb wurde ein Crowdfundig lanciert. Das Eröffnungsfest ist am 5. und 6. Juni 2021 geplant. Beatrice Limacher hofft, dass sich die Corona-Situation bis dann genug entspannt hat. Stoppen kann das Virus das Projekt aber sicher nicht mehr. Es ist langfristig ausgerichtet und soll im Sinne eines Leuchtturmprojekts eine moderne Brücke zwischen Stadt und Land bilden und letztlich eben Antworten auf die ultimative Frage finden: Was, respektive wer ist Landwirtschaft?

Erste schwere Maschinen sind über das noch offene Dach bereits in die neue Ausstellungshalle gezügelt worden.

2018 übernahm die «Stiftung Agrovision Muri» sämtliche Museumsliegenschaften und dazugehörende Aussenflächen der «Stiftung Schweizerisches Agrarmuseum» ab. Das Sammelgut blieb im Eigentum der Museums-Stiftung. Diese behielt zudem ein Nutzungsrecht für Gelände und Gebäude, ist aber alleine für den Betrieb des Museums zuständig. Damit war der Grundstein für die Neuausrichtung gelegt. Zur Stiftung Agrovision Muri gehörten schon vorher der Biohof und die anderen Gebäude, die unter «Agrovision Burgrain» bewirtschaftet werden. Ebenfalls im Besitz dieser Stiftung ist die Bio-Vermarktungsplattform «RegioFair», in deren Gebäude die neue Dauerausstellung des Museums untergebracht ist.

www.museumburgrain.ch / www.burgrain.ch

Wohl oder übel mit dem Biber leben

Biber sorgen seit ein paar Jahren zunehmend für Schäden an Strassen und landwirtschaftlichen Kulturen. Manchmal verstösst er sogar gegen geltendes Recht. Im Aargauer Reusstal haben Bauern und Biber Wege der Koexistenz gefunden.

Biber können grosse Schäden anrichten, wie hier an der Aare in Aarau.

Er ist fleissig, hartnäckig und ausdauernd. «Wenn der Biber ein Mensch wäre, würde ich ihn sofort anstellen», sagt ein Landwirt, der hier nicht mit Namen genannt werden möchte. Vor ein paar Jahren hatte sich bei ihm im kleinen Bach, der mitten durch seine Parzellen führt, erstmals eine Biberfamilie eingerichtet. Es folgte das in diesem Fall oft übliche, unschöne Programm: Der Traktor bricht auf einer Strasse über einem bibergemachten Hohlraum ein, Parzellen vernässen knietief, gefällte Bäume fallen in den Bewässerungsteich und letztlich verköstigt sich der Biber auch an den Kulturen. Der Landwirt macht, was ihm die Experten raten: Er dichtet den Weiher ab, umhüllt Bäume mit Gittern oder legt einen Stromdraht über den Biberdamm. Die Kosten und der Aufwand steigen schier ins Unermessliche, letztlich bringen aber alle Massnahmen nichts. Von den Behörden fühlt sich der Bauer mit seinen Sorgen und Kosten im Stich gelassen, was er über Naturschützer denkt, kann man sich selbst ausmalen. Er verliert schliesslich die Nerven und rodet kurzum die Büsche und Bäume entlang des Baches auf seinen Parzellen, um dem Biber die Futtergrundlage zu nehmen. Schlussendlich ist der Spuk tatsächlich vorerst vorbei. Doch es dauert nicht lange, und der Biber meldet sich zurück. Und das Spiel beginnt von vorne.

Problem-Biber in Kleingewässern

Rund 3500 Biber leben mittlerweile wieder in der Schweiz. Da viele geeignete Reviere an mittelgrossen Bächen, Flüssen und Seen mittlerweile von Biberfamilien besetzt sind, machen sich Jungtiere zunehmend auch in eigentlich unpassende kleinere Gewässer auf, wie im Eingangsbeispiel beschrieben. Was nicht passt, wird dabei passend gemacht: Mit Dämmen staut der Biber die Bächlein so hoch auf, dass er gut darin schwimmen kann und der Eingang des Baus geschützt unter dem Wasser liegt. Erst mit der Ausbreitung der Biberpopulation in solche Gewässer ist zunehmend auch die Landwirtschaft von den Folgen direkt betroffen. Mit Verständnis in der breiten Bevölkerung kann sie nicht rechnen. Eher im Gegenteil, der Biber wird gerne als Rebell gefeiert, der sich gegen alle äusseren Widerstände seine Natur zurückholt. Den betroffenen Landwirten sind rechtlich die Hände gebunden. Eigenmächtiges Handeln bringt wenig, wie der geschilderte Fall zeigt. Zielführender ist es, sich mit der Situation auf einer legalen Basis trotz allem zu arrangieren und mit den Behörden Lösungen zu suchen. Dass eine staatlich legitimierte Koexistenz möglich ist, zeigt ein Beispiel im Aargauer Reusstal, wo sich der Biber mittlerweile fest etabliert hat.

Landwirtschaft in Naturschutzzone

Landwirt Josef Frei lässt regelmässig Biberdämme entfernen.

Tonnenweise Äste, Steine und Schlamm verbaut der Biber in der Alten Jone in wenigen Nächten zu einem stabilen Damm, der das Wasser soweit anstaut, dass das Drainagesystem auf den landwirtschaftlichen Parzellen kollabiert. Bis zu 50 Hektaren standen so vor fünf Jahren unter Wasser mit den logischen negativen Folgen für die Ackerkulturen. Für Josef Frei aus Oberlunkhofen AG und rund ein Dutzend weitere betroffene Landwirte war das ein Schock, und es drohten grosse wirtschaftliche Verluste. Ihre Parzellen befinden sich am Rand der Aargauer Reussebene südlich von Bremgarten, wo diverse Naturschutzzonen eingerichtet sind mit insgesamt rund 300 Hektaren. Die Bauern sind hier also durchaus sensibilisiert für Anliegen des Naturschutzes. Die Auenlandschaft mit seinen Naturschutzgebieten ist die Folge des 1969 vom Aargauer Volk angenommenen Reusstal-Gesetzes, das die Naturschutzzonen fordert. Mit den Jahren hat man sich arrangiert und Wege gefunden, wie Landwirtschaft und Naturschutz nebeneinander gut funktionieren. So wurden unter anderem komplexe Drainagesysteme erstellt, damit Flachmoore erhalten und eine produzierende Landwirtschaft möglich blieben. Das ging viele Jahre gut. Bis der Biber die Alte Jone zu seinem neuen Revier bestimmte und alles durcheinanderbrachte.

Koexistenz finden

Wenn die Gabel des Mistkrans das Material des Biberdamms rauszieht, ergiesst sich eine regelrechte Flutwelle bachabwärts. Rund eine halbe Stunde braucht der Sohn von Josef Frei, um ihn vollständig zu entfernen und das Material aus Ästen, Schlamm am Ufer zu deponieren. Seit einem Jahr haben Josef Frei und zwei andere betroffene Landwirte die offizielle Erlaubnis des Kantons, die Dämme zu entfernen. Im vergangenen Jahr war das neun Mal nötig. Frei schmunzelt: «Der Biber macht uns Arbeit, wir ihm aber auch.» Die vermeintliche Sisyphus-Arbeit erfüllt den Zweck. Mit den konsequenten Dammentfernungen konnten die Überschwemmungen der Felder gestoppt werden. Was der Biber weiter unten mache, sei ihm egal. Das lokale Wasserbauamt führt das ausgehobene Damm-Material ab und entsorgt es. Damit alles seine Ordnung hat, führt er für die zuständige Sektion Jagd und Fischerei des Kantons eine Liste mit allen entfernten Dämmen. Die Kosten für die Arbeit werden entschädigt. «Das ist alles, was wir wollten», sagt Frei. So lange der Biber auf diesem Weg in seinem Tun gemässigt werden könne, habe er kein Problem mit ihm.

Josef Frei beobachtet seinen Sohn, wie er den Biberdamm abräumt.

Der Weg durch die Instanzen ist lang

Die Dammentfernung ist eine von mehreren Massnahmen, die das Biberkonzept des Bundes zur Regulierung des Bibers in gravierenden Fällen vorsieht. Für die Genehmigung muss der Weg durch die offiziellen Instanzen gegangen werden. Er kann lang und teuer werden. Und das schreckt viele ab. Naturschutzverbände sehen sich als Anwalt des Bibers und greifen in solchen Fällen routinemässig zu allen rechtlichen Mitteln, um den Entscheid möglichst lange heraus zu zögern. Hier im Reusstal resultierte am Schluss ein fragwürdiger Kuhhandel: Um die Genehmigung schliesslich zu erhalten, wurden die Landwirte vom Kanton dazu verknurrt, quasi als ökologischen Ausgleich einen Teich auf ihrer Parzelle zu erstellen, was eigentlich nichts direkt mit dem Biber zu tun hat. Die Landwirte machten die Faust im Sack und erstellten den Tümpel, weil sie so ihr Ziel erreichten. Die Kosten für den Teich beliefen sich übrigens auf rund 6000 Franken, die bei den Bauern hängen blieben.

Als Gegenleistung für die Abräumbewilligung mussten die betroffenen Bauern als ökologischer Ausgleich einen Weiher anlegen.

Wenn der Biber selbst gegen das Gesetz verstösst

Bei den Damm-Abräumaktionen oft dabei ist Josef Fischer, Geschäftsführer der Stiftung Reusstal in Rottenschwil. Die Organisation ist hier Landeigentümerin und engagiert sich seit Jahrzehnten für den Naturschutz und den Erhalt der Biodiversität und begleitete in den letzten Jahrzehnten entsprechend eng die Schaffung der Naturschutzzonen im Reusstal. Und das gemeinsam mit den Bauern. Fischer ist so etwas wie die Vertrauensperson für diese, die sonst eher Mühe mit Naturschützern haben. Diese feiern die Rückkehr des Bibers bekanntlich zuweilen euphorisch. Fischer hingegen weiss, dass das hier geschaffene Naturparadies menschengemacht ist und ohne technologische Raffinessen nie möglich wäre. So sorgen in der Reussebene vier grosse und drei kleinere Pumpstationen dafür, dass Drainagewasser und Infiltrationswasser von der gestauten Reuss abgeführt werden. Auch deshalb sei es blauäugig und respektlos, wenn Naturschützer den Bauern in Turnschuhen gegenübertreten, ihnen die Vernichtung der Feuchtgebiete der letzten 100 Jahre vorhalten und zur Haltung von Wasserbüffeln und Nassreisanbau raten. Letztlich gehe es ja hier um Existenzen und auch um Kosten. Als Geschäftsführer der Stiftung ist er zudem beauftragt, die Biodiversität im Allgemeinen auf den Flächen zu erhalten. Dazu gehören insbesondere auch Flachmoore von nationaler Bedeutung. Der Biber flutet dummerweise auch sie. «Die Bundesverordnung für Flachmoore schreibt aber vor, dass diese ungeschmälert erhalten bleiben müssen.» Anliegen des Naturschutzes stehen sich so plötzlich diametral gegenüber. Das zeige, dass es in solchen Fällen keine einfachen Lösungsrezepte gibt, sagt Fischer. Interessen müssten immer gegeneinander abgewogen werden, um eine für alle befriedigende Lösung zu finden. An der Alten Jone ist dies fürs Erste gelungen. In anderen Regionen ist es schwieriger, weil es dort oft an weitsichtigen und kompromissbereiten Naturschützern wie Fischer mangelt.

Der Biber expandiert

Nachdem der Biber in der Schweiz lange Zeit als ausgestorben galt, ist er nach Auswilderungen und Einwanderungen vom nahen Ausland mittlerweile wieder heimisch. Der Bestand wird auf rund 3500 Tiere geschätzt, Tendenz steigend. Der Biber ist durch das eidgenössische Jagdgesetz als einheimische Tierart geschützt und nicht jagdbar. Im kürzlich vom Volk abgelehnten revidierten Jagdgesetz wäre der Schutz noch ausgeprägter gewesen. Zudem waren Entschädigungen für Infrastrukturschäden und Präventionsmassnahmen Bestandteil der Revision, was nun wegfällt und somit weiterhin in den Bereich der Kantone und Gemeinden fällt. Der Biber darf nur mit einer Bewilligung der zuständigen Behörden reguliert werden. Möglichkeiten sind der richterlich verfügte Abschuss – was noch nie vorgekommen ist –, eine Umsiedlung, bauliche Veränderungen oder die Entfernung von Dämmen zum Erhalt der Infrastruktur. Erste Ansprechstelle für betroffene Landwirte sind der regionale Wildhüter oder die Jagdverwaltung. Die häufigsten Biberschäden in der Landwirtschaft sind die Vernässung von Kulturen, Frass in Acker-, Gemüse- und Obstkulturen oder der Einsturz von Flurwegen oder Kulturland über Biberbauten. Entschädigungen vom Bund gibt es nur für Verluste als Folge von Frass-Schäden.

Mehr Informationen: www.biberfachstelle.ch

Massnahmen zur Eindämmung des Bibers

Die dauerhafteste Lösung zur Koexistenz mit dem Biber ist mit einem Kulturlandverlust verbunden: Dem Gewässer wird dabei mehr Raum gewährt mit einem extensiven Uferstreifen und einer vielfältigen Vegetation als Futterquelle. Im optimalen Fall erfolgt ein Abtausch der Parzelle. Ist dies nicht möglich, bieten sich folgende technische Möglichkeiten an, die teilweise – je nach Kanton – auch finanziell unterstützt werden:

  • Einbau eines Abflussrohres in den Damm, damit der Wasserstand auf dem gewünschten Niveau bleibt.
  • Entfernen des Damms, eventuell unterstützen mit einem Elektrozaun. (kann aufwändig sein, wenn der Biber immer wieder zurückkommt.)
  • Bei Frassschäden erstellen eines Elektrozauns (wirkt sofort und ist relativ günstig).
  • Fixzaun zum Schutz von Obstanlagen (teuer)
  • Unterirdische Vergitterung der Böschung, damit der Biber keine Erdbaue mehr graben kann (dauerhaft, aber sehr teuer).
  • Bei extremen Schäden kann der Biber entfernt werden, was vom Bundesamt für Umwelt bewilligt werden muss. (nur kurzfristige Wirkung, weil der freiwerdende Abschnitt schnell wieder neu besetzt wird.)

Quelle: Agridea «Mit dem Biber leben»

Ohne Sorgen bewässern

Die Aufrüstung von Beregnungsmaschinen mit dem «Rain-dancer» bringt klare Verhältnisse beim Wasserverbrauch und sorgt vor allem für mehr Schlaf. 

Raphael Müller vom Huserhof in Wohlen AG brachte der Raindancer eine deutliche Arbeitsentlastung.

Die Hauptverkehrsachse im aargauischen Freiamt führt gleich neben Raphael Müllers Feldern in Wohlen vorbei. Würde hier ein Autofahrer in der Nacht von einem Wasserstrahl überrascht, könnte das für ihn schlimm enden. Auch deshalb ist die Bewässerung auf dem Hu-serhof Chefsache. Für Müller hiess das bis letztes Jahr: unruhiger Schlaf mit mehreren Kontrollgängen und Umstellen der Bewässerung auf den Zwiebel- und Kartoffel-feldern in den Nachtstunden. Seit diesem Jahr piept sein Telefon auf dem Nachttisch, wenn Jugendliche in lauen Sommernächten wieder einmal einen Hydranten abgedreht haben. Zudem reicht ein Blick auf das Handydisplay, um zu sehen, wie weit die Beregnung gerade ist und ob das Wasser am richtigen Ort landet. Möglich macht dies die Nachrüstung seines Bauer Trommelregners mit der Software «Rain-dancer» von der Firma IT-Direkt GmbH aus Berlin. Damit lässt sich die Beregnung von der Ferne steuern und überwachen. Müller atmet tief durch: «Dank ihr muss ich nun nicht mehr mitten in der Nacht aufstehen.» Er habe so Stress abbauen können. Der soziale Aspekt war für ihn der Hauptgrund für die Investition. Doch der «Raindancer» bietet noch deutlich mehr Vorteile.  

Nachträgliche Montage 

Das handliche und stabile GPS-Modul mit einem Rechner sowie integrierter SIM-Karte und dem Solarpanel für die Stromversorgung wird direkt auf dem Regnerwagen montiert. Dazu kommt der Wasserdrucksensor am Rohr vor der Kanone zur Messung der Durchflussmenge. Mit dieser berechnet die Software zusammen mit den eingetragenen Düsenparametern und der Arbeitsbreite automatisch die gewünschte Beregnungsmenge und die Geschwindigkeit. Einmal installiert werden in regelmässigen Abständen die aktuelle Position der Beregnung auf dem Feld sowie Wasserdruck und Beregnungswinkel an die Cloud übertragen, auf die Müller jederzeit über das Handy Zugriff hat. Damit die Einzugsgeschwindigkeit der Beregnungsmaschine dem Regnerwinkel angepasst werden kann, benötigt diese einen fernsteuerbaren Computer, bei den Geräten von  Bauer ist das der Ecostar 6000. Dank den aufgezeichneten Daten weiss Müller, welche Parzellen wie oft bewässert worden sind. Zudem sieht er jederzeit, wie viele Beregnungsgänge bereits erledigt sind und wann der aktuelle Durchgang beendet ist sowie was als nächstes kommt. Ist der Auftrag erledigt, stellt die Pumpe ab. Die Basisversion des «Raindancers» kann praktisch auf jeder Beregnungsanlage nachträglich installiert werden.

Die beregneten Parzellen lassen sich über das Handy kontrollieren.

Teilflächenspezifische Beregnung

Zurück zur Hauptstrasse in Wohlen: Raphael Müller nutzt hier die Zusatzfunktion der automatischen Sektorsteuerung des Raindancers. Der Bewässerungswinkel wird automatisch an die im System eingetragene Form der Parzelle oder sogar an Hindernisse wie beispielsweise einem Strommasten im Feld angepasst. Und das funktioniert eben auch bei Strassen, die am Feldrand vorbeiführen. Die Geschwindigkeit der Regnerwagens wird automatisch angepasst, wenn es beispielsweise eine Verengung gibt. Doppelberegnungen werden vermieden. Gemäss Hersteller werden durch diese Automatisierungen bis zu zehn Prozent weniger Wasser verbraucht. 

Vor allem aber verhindere man Diskussionen über Sicherheit auf nassen Strassen oder in trockenen Phasen über vermeintlich «verschwenderischen» Verbrauch, findet Lukas Keller von Keller Technik AG, die den «Raindancer» seit drei Jahren anbietet. Neben der automatischen Aufzeichnung der Bewässerungsdaten stehe der höhere Komfort und die Zeiteinsparung für den Gemüsegärtner im Vordergrund, sagt er. «Kontrollgänge und oft noch von Hand ausgeführte Dokumentierungen fallen weg». Das Ganze werde genauer, weil der Computer einfach zuverlässiger arbeite. Auf grossen Betrieben lasse sich so auch Personal einsparen. Dank dem genauen Einsatzprotokoll sei der Wasserverbrauch jederzeit ablesbar, was die Zusammenarbeit mit der Gemeinde vereinfache. «Falsche» Rechnungen können einfacher beanstandet werden. Die Kosten für die erweiterte Version des Raindancers mit der automatischen Sektorsteuerung starten bei rund 5000 Franken. Je nach Typ und Alters des Beregners kommen Zusatzkosten für Nachrüstungen dazu. Die Investitionen bringen einigen zusätzlichen Komfort – und ganz sicher mehr Schlaf. 

  www.raindancer.com

  www.keller-technik.ch