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Über die Playstation zur realen Landwirtschaft

In der Schweiz gibt es mittlerweile vermutlich bereits mehr virtuelle als reale Bauern. Für die vielen jugendlichen Gamer bildet der Landwirtschafts-Simulator eine Brücke zur realen Bauernwelt.

Der 13-jährige Linus ist ein begeisterter virtueller Bauer.

Bäuerliche Organisationen unternehmen in der Schweiz so einiges, um die Jugend für die Welt der Landwirtschaft zu begeistern. Obwohl so ein Besuch mit der Schulklasse auf dem Bauernhof immer noch viele Kinder zu begeistern mag, weiss niemand wirklich, wie viel davon am Ende des Tages tatsächlich hängenbleibt. Den Einstieg in die Welt der Landwirtschaft finden heute viele Jugendliche über die Spielkonsole. Aber nicht nur Kinder sondern auch viele Erwachsene sitzen heute stundenlang vor dem Bildschirm und ernten den Weizen mit grossen Mähdreschern virtuell. Der 13-jährige Linus beispielsweise ist über einen Freund zum Landwirtschafts-Simulator gekommen, den die Fans nur LS nennen. «Es ist schon cool, mit einem grossen Mähdrescher unterwegs zu sein», findet der Teenager. Über seinen Playstation-Controller kann er die Perspektive so anpassen, dass er selbst direkt im Führerstand sitzt. Den geernteten Weizen lagert er ein oder verkauft ihn, je nachdem, wie gut der Preis ist. Denn im Spiel geht es darum, den Bauernhof mit dem verdientem Geld laufend weiterzuentwickeln. Seit Linus mit virtuellen Traktoren unterwegs ist, interessiert er sich aber auch mehr für die reale Landwirtschaft. Er erkennt heute auch draussen ein Zuckerrübenfeld und kann ein Pflug von einem Grubber unterscheiden. Und er weiss, dass Kühe auf der Weide Wasser brauchen und sie sonst verdursten.

In der virtuellen LS-Landwirtschaft ist das Bauern allerdings deutlich einfacher als in Wirklichkeit und es braucht vor allem weniger Geduld: Wenn das Zuckerrohr in der südamerikanischen Landschaft zu langsam wächst, dann kann man an der Uhr drehen, damit es schneller geht. Und auch schwere Kollisionen zwischen den Traktoren bleiben ohne Folgen. «Das Ganze soll ja immer noch ein Spiel bleiben», sagt Martin Rabl von GIANTS Software, die den Farmsimulator programmiert. Im Grundspiel gehen die Kulturen auch nicht kaputt, wenn ein Traktor mit breiten Reifen über sie fährt. Hardcore-LS-Gamer wünschten sich zuweilen mehr Realität. Für diese stünden spezielle Extrem-Realismus-Features als Mod zur Verfügung, in denen beispielsweise Pflanzen wirklich zerstört werden, wenn man über sie fahre, sagt der Marketing- und PR-Manager der Schweizer Softwarefirma.

Exote inmitten von Ballerspielen

An der Agritechnica wurde erstmals die Farming Simulator Championship ausgetragen.

An der internationalen Landwirtschaftsmesse Agritechnica in Hannover wurde im November erstmals die Farming Simulator Championship ausgetragen. Strohballen mussten auf dem Feld gepresst und dann möglichst schnell zwanzig Stück davon auf einem Anhänger gestapelt werden. Auffallend viele Väter mit ihren Kindern stellten sich vor Publikum der Aufgabe auf der grossen Leinwand. Viele scheiterten aber kläglich und schaffen es nicht unter dem maximalen Zeitlimit von zehn Minuten.  Waren die Anforderungen zu hoch? «Eigentlich sollte das zu schaffen sein», findet Martin Rabl. Das Stapeln von Strohballen hätten die Spieler zu Hause auf dem Bildschirm ja trainieren können. Er weiss: «Einige haben sich ein entsprechendes Feld sogar selbst zusammengebaut.» Besonders gewiefte Spieler können nämlich mit dem mit dem Game mitgelieferten GIANTS -Editor zusätzlich eigene Landschaften, Geräte oder Gebäude bauen und anderen im Spiel zur Verfügung stellen. Das Game ist bewusst offen für solche Erweiterungen. Sie sind ein Grund dafür, dass die globale LS-Gemeinschaft mittlerweile sehr gross ist. Wie gross, weiss die Firma allerdings nicht genau, weil sich die Nutzer bei ihr nicht registrieren müssen. «Wir wissen nur, dass wir bis jetzt über 8 Millionen Games verkauft haben», sagt Rabl. Der innerhalb der Game-Szene thematisch eher exotische LS behauptet sich auf dem Markt seit Jahren erfolgreich inmitten der sonst eher üblichen Fantasy- und Ballerspiele.

Einmal einen John Deere fahren

Horsch präsentiert eine eigene Mod.

Rabl vermutet, dass rund ein Drittel der LS-Gemeinschaft einen direkten Bezug zur Landwirtschaft hat. Reale Landwirte finden im Spiel eine willkommene Möglichkeit, auf Maschinen zu fahren, die sie sich sonst nie leisten könnten. Abgesehen davon, dass die Monster-Traktoren vermutlich zu schwer für ihre Böden wären. Die Landmaschinenindustrie hat den LS längstens für sich entdeckt. Von Fendt, John Deere über Case sind sie alle mit ihren Maschinen im Spiel vertreten. Die CAD-Daten stellen sie den GIANTS-Programmierern zur Verfügung, damit diese sie möglich echt in die LS-Welt einfügen. Manche Firmen investieren sogar direkt in die Entwicklung von sogenannten Mods, wie die Erweiterungen in der Gamerszene genannt werden. Die Deutsche Landmaschinenfirma Horsch beispielsweise präsentierte an der Agritechnica eine eigene LS-Mod, die ihren realen firmeneigenen 3000 Hektaren Betrieb AgroVation in Tschechien abbildet. Ein Novum, denn bisher wurden im LS nur Fantasie-Landschaften entwickelt. Horsch betrachte den «Mod» als Brücke zwischen Anwendungen in der virtuellen und der realen Welt, schreibt das Unternehmen. In einer ersten Phase wolle man die Mitarbeiter auf dem eigenen Betrieb schulen und damit Fahrwege verbessern und die Logistik zwischen den Feldern und den Betriebsstellen optimieren. Die gratis zur Verfügung gestellte Software wurde seither mehr als 100’000 Mal heruntergeladen.

Der SBV macht sich Gedanken

Die LS-Hauptabsatzmärkte sind Deutschland und die USA. Und auch in der Schweiz gibt es möglicherweise bereits mehr virtuelle als reale Landwirte. Die Faszination für die Landwirtschaft erreicht so ganz neue Dimensionen. Der Schweizer Bauernverband (SBV) steht allerdings abseits. Weshalb? «Wir wollten bisher nicht in bereits bestehende und gut funktionierende Angebote wie den LS eingreifen», sagt Sandra Helfenstein vom SBV.  Die Game-Szene und Entwicklung von Spielen zähle zudem nicht zu den Kernkompetenzen des Verbandes, findet sie. Doch auch für sie ist klar: «Der LS ist ein fantastisches Mittel, um Kinder für die Landwirtschaft zu sensibilisieren, die wir bisher nicht erreicht haben.» Der SBV werde sich zweifellos in Zukunft mehr Gedanken machen, wie und ob er in diesem Bereich aktiver werden soll.


Das Spielprinzip

Der Spieler startet im Landwirtschafts-Simulator mit wenigen Traktoren und Geräten auf «seinem» virtuellen Bauernhof in einer Grundlandschaft. Er bearbeitet und bepflanzt die Felder und hält Tiere. Den Erlös aus Ernten und Tierprodukten investiert er laufend in neue Geräte um den Betrieb weiterzuentwickeln. Es bestehen verschiedene Schwierigkeitsgrade zudem ist es möglich, einen Betrieb gemeinsam mit einem anderen Spieler (online) zu bewirtschaften. Neben der Grundausstattung der Software, kann man mit Erweiterungen (Mods) neue Elemente – beispielsweise zusätzliche Geräte – einbringen. Das Spiel läuft auf allen gängigen Plattformen wie beispielsweise PlayStation, Xbox, Windows sowie auf Android und iOS für Mobiltelefone. 

www.giants-software.com


Konkurrenz für den LS

Die Software für den LS wird von der Firma GIANTS in Zürich entwickelt, am zweiten Standort in Erlangen (D) befindet sich heute das Marketing und eine Abteilung, welche die Feinarbeiten der Programmierungen übernimmt. Gegründet wurde das Unternehmen vom heutigen CEO Christian Amman und dem Lead Programmer Stefan Geiger, später kam Mitinhaber und Creative Director Thomas Frey dazu. Die erste Version des LS erschien im Jahr 2008. Entstanden ist er per Zufall, weil ein Freund von Stefan Geiger unzufrieden war, mit den damals auf dem Markt verfügbaren Landwirtschaftgames und ihn um Unterstützung für die Programmierung einer besseren Version bat. Diese war offenbar besser als alle anderen. Allerdings erscheint im März mit Pure Farming 18 aus dem Hause Techland nun offenbar doch ernsthaftere Konkurrenz für den bisherigen Platzhirsch. www.farming-simulator.com / www.purefarminggame.com

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