90 Jahre Verband Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP): Engagement ist wichtig!

Wie soll sich der Verband entwickeln und wohin könnte die Gemüsebranche
steuern? Der Gemüsebau befragte dazu zwei Gemüsegärtner aus verschiedenen
Generationen.

Walter (Jahrgang 1959) und Pascale­ Leuzinger bewirtschaften den Ankenhof in Oberengstringen ZH in vierter Generation. Der kleine Gemüsebaubetrieb mit zwei Angestellten besteht aus 1 ha Freiland- und 0,5 ha Gewächshausfläche. Das Gemüse wird im Hofladen und auf dem Wochenmarkt in Urdorf verkauft. Walter Leuzinger war 36 Jahre im Vorstand der Gemüseproduzenten-Vereinigung des Kantons Zürich, davon bis Ende April 12 Jahre als Präsident. Während acht Jahren war er Mitglied im Leitenden Ausschuss des VSGP.

Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die Hauptaufgaben des Verbandes Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP)?

Walter Leuzinger: Politik und Ämter greifen mit oft schwer nachvollziehbaren Entscheiden immer mehr in unseren Betriebsalltag ein. Der Verband muss hier weiterhin das nötige Sensorium haben, um möglichst frühzeitig proaktiv einzugreifen. Wenn möglich sogar, wenn etwas erst gerade am Köcheln ist. Ein Gespräch vorab mit den involvierten Personen kann hier bereits viele Missverständnisse ausräumen und künftigen Ärger verhindern. Der VSGP macht dies bisher übrigens sehr gut. Ich habe nicht das Gefühl, dass er in den letzten Jahren etwas verschlafen hat. 

Wo haben Sie in den letzten Jahren konkret vom VSGP profitiert?

Was der Verband während der ersten Phase der Corona-Krise leistete, war schlicht phänomenal. Gerade ich als Direktvermarkter profitierte stark von den Merkblättern und den Newslettern des Verbandes und wusste so dank den aktuellen Check-Listen immer, woran ich war. Der Verband leistete hier viel Arbeit, die eigentlich andere Stellen hätten erbringen müssen. Ansonsten ist das Preisbulletin für mich immer noch eine wertvolle Hilfe und natürlich profitiere ich von den Informationen in der Zeitschrift «Der Gemüsebau». 

Was sind zurzeit die grössten Heraus­forderungen für Ihren Betrieb?

Ich kämpfe mit der Streichung von vielen Pflanzenschutzmitteln. Als Agronom tut es mir weh, zusehen zu müssen, wie ein Resistenzmanagement zunehmend verunmöglicht wird. Die dauernd ändernden Anbau-Vorschriften erschweren mir die Arbeit, da ich einen riesigen Aufwand betreiben muss, um à Jour zu bleiben. Gerade für mich als Kleinbetrieb mit 30 bis 40 verschiedenen Kulturen ist das alles komplizierter als für einen Betrieb, der sich auf drei Hauptkulturen konzentrieren kann. Ich sehe oft keinen Sinn in neuen Vorschriften, was auf die Motivation drückt, trotzdem möchte ich natürlich SwissGarantie- und ÖLN-konform bleiben. 

Wo sehen Sie den Schweizer Gemüsebau in zehn Jahren?

Es scheint hier zwei Schienen zu geben. Zum einen werden die Betriebe immer grösser und nehmen europäische Massstäbe an, für mittelgrosse wird die Existenz dafür immer schwieriger. Zum anderen gibt es erfreulicherweise eine starke Bewegung von innovativen Direktvermarktern, die ihr Gemüse nicht nur auf regionalen Wochenmärkten verkaufen, sondern auch im eigenen Hofladen, mit Abo-Diensten oder in Selbstpflückanlagen.  

Was wollen Sie Ihren Berufskolleginnen und -kollegen noch mit auf den Weg
geben?

Ich finde es extrem wichtig, dass aktiv in Arbeitsgruppen und Kommissionen mitgearbeitet wird. Ich war lange im nationalen Verband und in unserer Sektion tätig und weiss aus dieser Zeit, dass es ohne unsere Stimmen aus der Praxis nicht geht. Wie oft haben wir beispielsweise in unserer Sektion die Ämter auf Betriebe eingeladen, damit diese einmal sehen, was ihre Pläne konkret für uns bedeuten? Es kann nicht sein, dass man hier nur mit Beratern arbeitet. Denn wie hat mein Vater schon immer gesagt? Diese erhalten ihren Lohn Ende Monat in jedem Fall. Ein Engagement bedeutet zwar einen Mehraufwand, doch es hat auch den Vorteil, dass man sich einbringen kann und am Ball bleibt.


Elias Blaser (Jahrgang 1994) leitet den Gemüsebereich auf dem Familienbetrieb «Gebrüder Blaser, Agrokulturen» in Ruswil LU. Die Anbaufläche mi22 verschiedenen Gemüsesorten beträgt 26 Hektaren. Das Gemüse wird hauptsächlich im AdR-Programm der Migros Zentralschweiz vermarktet.

Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die Hauptaufgabe des Verbandes Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP)?

Elias Blaser: Grundsätzlich soll er weiterhin für ein Umfeld sorgen, in dem sich die Gemüsebranche weiterentwickeln kann. Essentiell sind für mich dabei die Aufrechterhaltung des Grenzschutzes und die Verfügbarkeit von ausreichend Pflanzenschutzmitteln. Auf politischer Ebene sollte möglichst mit anderen landwirtschaftlichen Verbänden zusammengearbeitet werden, um gemeinsam genug Einfluss auf die politischen Prozesse ausüben zu können. Und natürlich braucht es weiterhin das Engagement im Bildungsbereich. Ausserdem würde ich es begrüssen, wenn die Saisonalität im Marketing noch etwas mehr in den Fokus rücken könnte. 

Was sind zurzeit die grössten Herausforderungen auf Ihrem Betrieb?

Wir haben Mühe, mittlere Kader zu finden, die auch bereit sind, Verantwortung in einzelnen Bereichen zu übernehmen. Stellt man heute eine Person an, weiss man nicht, ob er in drei Monaten noch hier ist. Schade ist hier, dass zu wenige Gemüsegärtnerinnen und -gärtner EFZ in der Branche bleiben. Von meinem Ausbildungsjahrgang sind heute fast nur noch die Leute dabei, die einen eigenen Betrieb übernehmen konnten. 

Weshalb verlassen die Leute die Gemüsebranche?

Vermutlich passt das Gesamtpaket nicht, die Tätigkeiten und die vielen Arbeitsstunden auf einem Gemüsebaubetrieb sind wohl zu entbehrungsreich. 

Würde hier eine Reduktion der Wochenarbeitsstunden helfen?

Bei uns auf dem Betrieb arbeiten wir im Jahresdurchschnitt 52.5 Wochenarbeitsstunden. Es ist mir klar, dass dies für viele Leute abschreckend wirkt. Vermutlich kommt man hier mittelfristig nicht um eine Reduktion herum, was aber bei uns mit einer Erhöhung der Zahl der Angestellten verbunden wäre. Diese zusätzlichen Kosten müssten ja dann auch irgendwie gedeckt werden, was sicher nicht einfach wäre. Grundsätzlich würde ich es gut finden, wenn man gesamtschweizerisch überall die gleichen Bedingungen hätte, damit alle die gleichlangen Spiesse haben. 

Wo sehen Sie Ihren Betrieb in zehn Jahren?

Das ist natürlich schwierig zu sagen. Vor allem im Moment ist das gesamte Umfeld ja sehr dynamisch. Wir werden aber natürlich weiterhin auf die regionale Produktion setzen in den entsprechenden Labelprogrammen. Eigentlich konnte sich unser Familienbetrieb dank seiner Flexibilität in den letzten Jahrzehnten immer recht schnell auf neue Situationen einstellen. Dazu gehörten immer auch Anpassungen im Sortiment. In den letzten Monaten haben sich zudem bei uns die Gaspreise verdoppelt. Spannend wird also sein, wie sich die Energiesituation künftig entwickelt, was je nachdem natürlich im Gewächshaus auch zu Produktionsanpassungen führen könnte. 

Alles spricht von Digitalisierung: In welchen Bereichen hält diese bei Ihnen Einzug?

Die Steuerungen von unseren Gewächshäusern sind schon seit längerem automatisiert mit entsprechender Software. Dazu nutzen wir auf dem Feld GPS und arbeiten mit einem digitalen Aufzeichnungsprogramm. Aber eigentlich sind wir sonst noch ziemlich «herkömmlich» unterwegs, bedingt auch durch das breite Sortiment, was beispielsweise die Anschaffung von Spezialgeräten erschwert. Handarbeit ist bei uns immer noch Trumpf. 

Was schätzen Sie an der Arbeit der VSGP-Geschäftsstelle?

Ich finde es toll, dass der Verband an vielen Anlässen – selbst in «vermeintlich» unwichtigen Regionen wie der Zentralschweiz – persönlich anwesend ist. Das ist nicht selbstverständlich aber in meinen Augen sehr wichtig!

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