Aus für den Erdpresstopf?

Der Bundesrat will den vollständigen Ausstieg aus der Verwendung von Torf. Das Bundesamt für Umwelt strebt deshalb in diesem Jahr eine Absichtserklärung zur Reduktion des Torfeinsatzes mit der Gemüsebranche an. 

Er gehört anbautechnisch auf Profigemüsebaubetrieben seit den 70iger Jahren zur Grundausstattung. Ein grosser Teil des Anbausystems ist nach ihm ausgerichtet. Das liegt an seinen speziellen Substrat-Eigenschaften, welche eine unerreichte Homogenität und Festigkeit erlauben. Die halbautomatischen oder automatischen Pflanzmaschinen sind ganz danach ausgerichtet. Dank seines hohen Torfgehaltes kann er bis zum 21-Fachen des Eigengewichts an Wasser und darin gelösten Nährstoffen speichern und bei Bedarf an die Jungpflanze abgeben. Kurzum: Der Erdpresstopf ist anbautechnisch ein Wunderkind. Doch sein Ruf gerät immer mehr in Verruf. Weshalb? Sein Grundbaustein Torf hat den Ruf eines Klimakillers. Er gilt als fossiler Rohstoff und beim Abbau entweicht entsprechend viel CO2. In der Schweiz darf er seit 1987 nicht mehr ab-gebaut werden, das geschieht nun dafür aber im Ausland: Die Obst- und Gemüsebranche importiert jährlich rund 150 000 m3 Torf, hauptsächlich aus Deutschland und Holland (Stand 2014). 

Gartenbau-Branche hat bereits reduziert

Um internationale Verpflichtungen und ein parlamentarisches Postulat zu erfüllen, verabschiedete der Bundesrat im Jahr 2012 ein Torfausstiegskonzept. Es sieht mittelfristig den vollständigen Torfausstieg vor, der aber zuerst einmal mit freiwilligen Massnahmen erfolgen soll. Den Anfang machten 2017 Vertreter des Detailhandels mit der Unterzeichnung einer ersten Absichtserklärung zur Reduktion des Torfs in den sogenannten Sackerden für den Privatverbrauch auf einen maximalen Anteil von 5 Prozent. Im Sommer 2019 unterzeichneten wichtige Akteure aus der Gartenbaubranche – darunter der Branchenverband Jardin Suisse, Coop, Migros und Ricoter  –, eine zweite Absichtserklärung, die eine Reduktion des in Substraten im produzierenden Gartenbau verwendeten Torfs bis dieses Jahr auf 70 und bis 2030 auf maximal 5 Prozent Anteil zu begrenzen. Beide Vorhaben liegen auf Kurs. 

Die Planttape-Technologie bietet sich beim torfreduzierten Anbau an.

Absichtserklärung mit Gemüsebranche geplant

In diesem Jahr sollen nun auch erste Gespräche über eine Absichtserklärung mit der Gemüsebranche geführt werden, kündigte Laura Tschümperlin vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) anlässlich des Substratforums im letzten Oktober in Wädenswil an. Diese Gespräche werden sicher schwieriger werden, als die mit der Gartenbaubranche. Im Rahmen des Torfausstiegkonzepts wurden Versuche durchgeführt, die zeigten, dass Erdpresstöpfe mit Torf-Gehalten unter 70 Prozent nicht praxistauglich sind. «Je geringer der Torf-anteil, desto brüchiger und heterogener wird der Topf», sagte Heiner Gysi von Max Schwarz AG in Villigen am gleichen Anlass. Seine Firma arbeitete bei den Versuchen aktiv mit. Letztlich bedeute das schlechtere Pflanzleistung und -qualität, wodurch der Ertrag negativ beeinflusst werde, sagte Gysi. «Im Extremfall braucht es pro Kilogramm geerntetem Nüsslisalat dann sogar mehr Torf.» Würden nun in Verhandlungen ähnlich tiefe Torf-Prozentanteile wie im Gartenbau beschlossen, würde das den hiesigen Profigemüsebau mit Sicherheit gehörig durchschütteln. 

Absolute Werte verwenden

Heiner Gysi plädiert dafür, nicht zu fest auf Prozenten herumzuturnen, sondern mehr auf absoluten Werten. «Würden alle konventionellen Betriebe nur schon von 100 auf 70 Prozent Torfanteil reduzieren, wäre das mengenmässig für die Schweiz bereits bedeutend.» Die Verkleinerung der Erdpresstöpfe wäre eine andere Massnahme, die in die gleiche Richtung geht. Sie wird bereits praktiziert. In den Versuchen wurden auch Substrat-Alternativen geprüft. Als Torfersatzprodukt bieten sich beispielsweise Produkte aus Kokosnuss-Schalen an. Allerdings schliessen diese unter ökologischen Gesichtspunkten nicht allzu gut ab. Ein Gemisch aus Land-Erde und Holzfasern schloss am besten ab (siehe auch Grafik auf der nächsten Seite). Wie auch immer: für den Erdpresstopf sieht es nicht gut aus. Selbst die Bioproduzenten dürften in Erklärungsnotstand kommen. Sie arbeiten zwar seit Jahren erfolgreich mit 70-Prozent Torferdpresstöpfen, doch mit einer weiteren Reduktion wird es auch hier schwieriger. 

Gleich lange Spiesse mit dem Ausland

Im vergangenen September verabschiedete das Parlament die neuen Artikel 35  e bis g im Umweltgesetz, welche es dem Bundesrat künftig ermöglichen, das Inverkehrbringen von Rohstoffen zu verbieten, «deren Anbau, Abbau oder die Herstellung die Umwelt erheblich belasten». Auch Torf könnte dereinst darunterfallen, sagte Lara Tschümperlin am Substratforum. 

Gerade bei der gegenwärtigen politischen Grosswetterlage ist eine massive Einschränkung der Torfverwendung auch im Profigemüsebau also ein wahrscheinliches Szenario. Viele Gemüsegärtner schauen sich deshalb bereits nach Alternativen um, sei es bei der Anbautechnik – beispielsweise mit der Planttape-Technologie –, beim Substrat oder grundsätzlich im Anbau, in dem man beispielsweise bei Nüsslisalat wieder vermehrt aussät, anstatt fertige Jungpflanzen setzt. Klar ist, dass alle Anpassungen Mehrkosten zur Folge haben werden. Über Neuinvestitionen, längere Kulturzeiten oder eben tiefere Erträge. Eine zentrale Forderung der Gemüsegärtner sind deshalb gleich lange Spiesse mit dem Ausland. «Wenn das Ausland nicht Gleiches mitmacht, dann wird es schwierig», sagt Heiner Gysi.

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