Das Rindvieh im Laufe der Zeit (Anzeiger Luzern, 2. April 2004)

Viehschau Naturmuseum Luzern

In einer Sonderausstellung wird in Luzern viel Unbekanntes vom bekanntesten Nutztier unserer Breitengrade gezeigt. Die “Viehschau” zeigt die Kuh als Milchproduzentin, Landschaftspflegerin und Liebling der Nation.

In der Schweiz weiden immer weniger Milchkühe. In den letzten Jahren hat sich der Bestand um fast 100’000 Tiere auf zurzeit rund 65’000 Tiere reduziert. Schuld daran sind in erster Linie strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft sowie die BSE-Krise in den 90iger Jahren. Trotz Melkroboter und künstlicher Befruchtung konnte sich die Kuh aber als die Sympathieträgerin der Nation schlechthin behaupten. Immer wieder muss sie in Werbekampagnen ihren Kopf hinhalten. Trotz Omnipräsenz auf Weiden und Plakatwänden besitzt das Nutztier aber viele unbekannte Seiten. Das Klischee vom Stadtkind, das der Überzeugung ist, dass die Milch aus der Milchtüte kommt, unterstreicht diese Tatsache. Höchste Zeit, dachte sich das Natur-Museum Luzern, dem wohl wichtigsten Schweizer Nutztier endlich die Plattform zu geben, die es verdient. In der neuen Eigenproduktino “Viehschau – Das Rind im Museum” präsentiert sich eine Kuhherde in Reih und Glied mit wackelnden Schwänzen. Was fehlt ist der Stallgeruch, denn die Schwänze werden mit Elektromotor betrieben und das Glockengebimmel strömt aus dem Lautsprecher. Die 15 lebensgrossen Kühe mit authentischen Namen wie Alma, Olga oder Blüemli dienen als Träger für wertvolle Hintergrundinformationen. Einige haben eingebaute Vitrinen, andere Monitoren, auf denen Filme gezeigt werden. Doch aufgepasst, nur wer sich mit dem Melkstuhl in die richtige Position versetzt, erhält ein optimales Blickfeld. Inmitten der hölzernen Kuhherde steht die stolze Braunviehkuh Priscilla. Manch einer wird zweimal hinsehen müssen, um sich zu versichern, dass die täuschend echte Kuh nicht gleich davon marschiert. Auf den Star der Ausstellung ist Museumsdirektor Peter Herger besonders stolz: “Die lebensecht präparierte Kuh erhielt im Februar dieses Jahres an der Europäischen Präparatorenwettbewerb in Dortmund drei Preise!” Tierpräparator Wolfang Hauser aus Deutschland präparierte die siebenjährige Braunviehkuh eigens für diese Ausstellung.

Kuh ohne Horn

Die Ausstellung vermittelt nicht nur zoologische und ethologische Hintergründe sondern informiert auch über Milchprodukte und Milchpolitik. Auch heikle Themen wie die Enthornung von Kühen oder der Einzug der Biotechnologie werden aufgegriffen. Ethische Fragen wirft die Tatsache auf, dass heute der grösste Teil der Tiere künstlich mit Hilfe des Tierarztes befruchtet wird. Die betroffene (Ausstellungs-) Kuh erinnert sich in einer Sprechblase wehmütig an die guten alten Zeiten, womit auch dem Humor in einem ernsten Umfeld einen gebührenden Platz eingeräumt werde, wie Peter Herger augenzwinkernd hinzufügt. Spätestens bei der Kuh Flora wird niemand mehr um den Melkstuhl herumkommen. An ihren Siliconzitzen kann das Melken von Hand geübt werden. Dem Natur-Museum ist es einmal mehr gelungen, Wissenswertes auf eine erlebnisreiche Art und Weise zu übermitteln. Die Wanderausstellung wird danach in verschiedenen Museen in ganz Europa zu sehen sein.

www.naturmuseum.ch

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