Die Tomate sucht ihre Identität

Der globale Wettbewerb hat die Tomate zum gesichtslosen Massenprodukt gemacht. Mit ruinösen Folgen für viele Produzenten. Etwas abseits der grossen «Tomatenströme» steigt das Interesse an alten Sorten.

Industrielle Tomatenproduktion in WestlandEine ganze Region mit Glas bedeckt. 5000 Hektaren Gewächshäuser mit Gemüse und Blumen stehen in Westland an der holländischen Nordseeküste. Das Glashaus ist fixer Bestandteil des Ortsbildes und fast schon ein Kulturgut. Das Leben spielt sich in und zwischen den Gewächshäusern ab. Durch die angelaufenen Gläser schimmern an vielen Orten Tomatenpflanzen durch. Sie sind typisch in dieser Region. Aber was heisst schon typisch? Ursprünglich kommt die Tomate aus warmen Gebieten in Südamerika. Trotz klimatischen Nachteilen haben es die Holländer aber in den letzten Jahrzehnten geschafft, zur bedeutenden Tomatennation aufzusteigen. Möglich machten dies die Gewächshäuser. Immer grösser, immer moderner, immer ausgeklügelter wurden sie. Die Nachteile zu den für den Anbau von Tomaten besser geeigneten Ländern in Südeuropa machten die Holländer jeweils mit Technologie wett. Doch nun scheint diesbezüglich die Grenze des Möglichen erreicht zu sein. Denn in diesem Jahr sind die Preise auf dem Weltmarkt tief wie noch nie. Es gibt zu viele Tomaten auf dem Markt.
Obwohl starke Preisschwankungen auf den internationalen Märkten an und für sich nicht ungewöhnlich sind: An solche schlechte Zeiten erinnert sich niemand in Westland. «Die Situation ist für viele Produzenten dramatisch», sagt Hans van der Lem, stellvertretender Managing Director bei der ortsansässigen aber global tätigen Grosshandelsfirma van Rijn. Wenn die Preise für Tomaten noch ein paar Wochen so tief bleiben würden, müssten die ersten Produzenten aufgeben, ist er überzeugt. Die Tomaten-Produzenten erhielten für ein Kilogramm Tomaten zwischenzeitlich weniger als umgerechnet 45 Rappen. Zu wenig um die Kosten zu decken. «Bei diesen Preisen fahre ich mit jedem verkauften Kilo einen Verlust ein», sagt der Produzent Fred Schäpe mit nachdenklichem Blick. In seinem 4,4 Hektaren grossen Gewächshaus erntet er pro Pflanze durchschnittlich 60 Kilogramm Tomaten. Das ist viel. Und trotzdem hat er Mühe, über die Runden zu kommen.

Tomaten wieder Identität geben

Der globale Wettbewerb hat aus der Tomate ein anonymes Massenprodukt gemacht. Die Tomaten-Züchter haben in den letzten Jahren vor allem auf Ertrag, Transportfähigkeit und Haltbarkeit gesetzt. Eigenschaften, die im Geschäft mit grossen Mengen gefragt sind. Auf der Strecke geblieben sind dabei aber innere Werte wie der Geschmack. Einst aus Südamerika eingeführt, wo die Tomate in tausenden von Variationen vorkam, ist sie zur runden Einheitstomate verkommen, die nur noch mit einer gehörigen Prise Salz oder Aromat schmeckt. „Viele Konsumenten kennen aber gar nichts mehr anderes“, sagt der holländische Marketing-Profi Bas Bakker. Er verhalf vor ein paar Jahren dem uniformen holländischen Käse mit neuen Vermarktungsideen zu mehr Identität. Das will er nun für die Handelsfirma Van Rijn bei Tomaten und anderem Gemüse wiederholen. „Es ist eigentlich bei Gemüse ganz ähnlich wie beim Käse“, sagt Bakker. Es gehe darum, aus dem Massenprodukt wieder spezielle Produkte mit Mehrwerten zu schaffen. Die Krise regt offenbar zum Umdenken an.

Trend zu alten Sorten

Ein Trend zu mehr Aroma und Abwechslung zeichnet sich auch in der Schweiz ab. In den Regalen von Coop und Migros liegen neben den gewohnten Standardtomaten vermehrt Tomaten in ungewohnten Formen und Farben auf. Alte TomatensortenDass sie teilweise als «Aroma»-Tomaten beworben werden, wirft kein gutes Licht auf die sonst üblichen Tomaten. In Hobbygärtnerkreisen ist es seit längerem wieder schick, «Berner Rosen», «Baselbieter Röteli» oder «die Gelbe von Thun» anzupflanzen. Frisch gepflückt von der Staude kommen die geschmacklichen Vorteile besonders zur Geltung. Die Einheitstomate vom Supermarkt hat hier klar das Nachsehen. Doch wegen der eingeschränkten Haltbarkeit sind solche Sorten ungeeignet für den Handel und Verkauf im grossen Stil. Ein Thema sind sie aber trotzdem.

Tomatenhappenig in Frauenfeld

Das zeigt auch das Künstlerprojekt «tomARTen» vom Ostschweizer Max Bottini, das dieser in diesem Jahr zusammen mit dem Thurgauer Naturmuseum lancierte. Er liess über 500 verschiedene Tomatensorten in ausgewählten Gärtnereien zu Setzlingen heranwachsen und gab diese zum Auswachsen an interessierte Profi- und Hobbygärtner ab. Das Interesse war riesig: «Wir wurden richtiggehend überrannt», sagt der Künstler. Bereit im März – zwei Monate früher als geplant – waren alle «Adoptivplätze» vergeben. Zum grossen Tomatenhappening kommt es am 16. August, wenn die «Adoptiveltern» ihre Tomatensorten auf der Marktpromenade in Frauenfeld vorstellen und zur Degustation freigeben. Eine von ihnen ist Monika Fessler-Alig aus dem luzernischen Hämikon. Sie pflanzt in ihrem 68 Meter langen Gewächshaus 80 verschiedene Sorten an, insgesamt 1800 Pflanzen. Pro Staude erntet sie maximal 30 Kilogramm Tomaten. Sie tragen Namen wie «Yellow Amish», «Feuerwerk», «Ochsenherz» oder «Mariannas Peace». Letztere gilt unter den Tomaten-Gourmets als besondere Delikatesse. «Viele bezeichnen sie als die beste Tomate überhaupt», sagt Monika Fessler-Alig. Ihr persönlicher Favorit ist weiss, klein wie eine Johannisbeere und heisst «Bianca». «Der Aufwand für die Aufzucht, Pflege, Ernte und Vermarktung der Tomaten ist ziemlich gross», sagt Monika Fessler-Alig. Ihr Mann ist Nebenerwerbsbauer mit einem 8,5 Hektaren Betrieb und arbeitet zu 100 Prozent als Treuhänder. In seiner Freizeit hilft er im Tomatenhaus oberhalb des Baldeggersees mit. Die Tomaten verkauft Monika Fessler-Alig als «farbige Hämiker Tomaten» ab Hof, an Marktfahrer in Luzern und Zürich sowie an Restaurants in der Region. Das Interesse an den kuriosen Tomaten ist laut Aussagen der Produzentin gross: «Die Verkäufe laufen ausgezeichnet!»

Der Traum von der Supertomate

Monika Fessler-Alig ist eine typische Nischenproduzentin. Von ihren erzielten Tomaten-Preisen können die grossen Schweizer Tomaten-Produzenten nur träumen. Ihr Umfeld ist – ähnlich wie bei den holländischen Kollegen – bestimmt von grossen Erträgen, knappen Margen und sinkenden Produzentenpreisen. Für Experimente bleibt hier wenig Platz. Zumal der Handel bestimmt, was in die Läden kommt. Jede Schweizerin und jeder Schweizer isst im Durchschnitt über 8 Kilogramm Tomaten pro Jahr. Nur die wenigsten von ihnen würden über 10 Franken pro Kilogramm Tomaten bezahlen, wie das bei speziellen Sorten der Fall ist. Auch deshalb werden diese wohl künftig weiterhin vor allem in Liebhaberkreisen angepflanzt werden und nur eine Nebenrolle spielen, allerdings eine wichtige. Denn für die Bewahrung der Sortenvielfalt bilden diese Tomaten ein wichtiges Reservoir. Und von diesem Genpool könnten auch moderne Sorten profitieren. Die Branche träumt schliesslich schon lange von der «Supertomate», die gut schmeckt, gute Erträge gibt, lange haltbar und erst noch wenig anfällig auf Pflanzenkrankheiten ist.

www.tomarten.ch

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