Die Weide reicht nur für drei Monate

Die Hälfte des Futters für die Biokühe der Lafranchi-Ranch kommt wegen dem trockenen Klima von auswärts. Das Know-how zur Verarbeitung der eigenen Milch zu Käse holten sich die Lafranchi-Brüder in der Heimat ihres Grossvaters im Tessin.

Die Lafranchi-Farm im Nicosia Valley wurde vor 100 Jahren gegründet. Die Hauptweidezeit ist von Februar bis Juni.

Fredolino Lafranchi aus Maggia TI ist 17-jährig als er beschliesst, sein Glück auf dem amerikanischen Kontinent zu suchen. Er findet es in Kalifornien, wo er vor genau hundert Jahren seine erste Milchfarm kauft. Für ihn geht damit ein Traum in Erfüllung. In der hügeligen mit Eichenbäumen durchsetzen Landschaft wächst vor allem Gras, ideal also für die Milchviehhaltung. Das Klima 50 Kilometer nördlich von San Francisco ist mediterran, entsprechend ist es im Sommer trocken und es wächst kaum Futter. Die Milchwirtschaft ist in der Region noch wenig entwickelt, deshalb arbeitet Fred laufend an der Verbesserung der Futtergrundlage. Er baut ein Silo, das er mit Gras füllt und mit Hafer mischt. 1930 melkt er über 100 Guernsey-Rinder. Als einer der ersten im Tal kauft er sich einen Traktor und baut einen für damalige Verhältnisse modernen Stall.

Umstieg auf Biomilchproduktion

Heute leben auf der Lafranchi-Ranch 450 Holsteinkühe.

Milchkühe stehen immer noch auf der Lafranchi-Ranch, anstatt Guernsey sind es heute aber 450 Holsteinkühe. Drei Enkel von Fred führen das Familien-Erbe weiter. Als der Milchpreis in Kalifornien zum stetigen Sinkflug ansetzte, stellte sich für Rick, Randy und Scott Lafranchi vor mehr als zehn Jahren die Existenzfrage. «In unserem schlecht erschlossenen, hügeligen Gebiet waren wir als reine Rohstofflieferanten nicht mehr konkurrenzfähig», sagt Rick. Doch für ihn und seine Brüder war klar: «Wir wollten die Geschichte der Familienfarm unbedingt weiterschreiben.» Den Ausweg fanden sie in der Umstellung auf biologische Milchproduktion. Für Biomilch erhalten sie heute doppelt so viel wie für die konventionelle Milch. Zurzeit sind es rund 66 Rappen pro Kilogramm. Seit 2012 produziert der ganze Betrieb nach den Biorichtlinien des National Organic Program (NOP) des US-Landwirtschaftsministeriums.

50 Prozent Futterzukauf

An diesem Tag im Juli stehen die Kühe am Mittag im auf allen Seiten geöffneten Stall, der sie vor der brütigen Hitze schützt. Nur wenige Tiere nutzen den Auslauf unter freiem Himmel, zu dem sie jederzeit Zugang haben, wie es die US-Bioregeln vorschreiben. Die Liegeplätze mit Gummimatten sind mit Mandelschalen eingestreut. Die Weiden werden die Kühe voraussichtlich in diesem Jahr nur noch aus der Ferne sehen. Das Gras ist in dieser Jahreszeit braun und ausgetrocknet. «In diesem Jahr starteten wir etwas später in die Weidesaison, weil es im Winter viel regnete», erklärt Rick. Normalerweise wird von Februar bis Mitte Juni geweidet. Das ist etwas länger, als die von den US-Bioregelungen vorgeschriebene Mindestweidedauer von drei Monaten pro Jahr. Das Weidemanagement soll künftig noch weiter optimiert werden, um die Weidezeit zu verlängern. Trotzdem erreicht man hier relativ bald das Ende der Fahnenstange. Die 465 Hektaren Grasflächen der Lafranchi-Ranch reichen in diesem Klima bei weitem nicht aus, um die Kühe während des ganzen Jahres mit eigenem Futter zu versorgen.

Ein eiweissreiches biozertifiziertes Ergänzungsfutter wird zugekauft.

Ein Schnitt ist hier maximal möglich, in diesem Jahr reichte es für einen Siloschnitt auf einer Fläche von 40 Hektaren. Die Hälfte des Futters muss der Betrieb auswärts einkaufen. Und das ist teuer: Rund 250 bis 350 Dollar kostet eine Tonne Heu, das teilweise aus dem Nachbarstaat Nevada importiert wird. Dazu kommt eine eiweissreiche biozertifizierte Futtermischung aus Luzerne, Maisschrot, Gerstenflocken, Mandelschalen sowie gemahlenen Sojabohnen.

Von Tessiner Wurzeln profitiert

Die 450 Holsteinkühe verbringen aus klimatischen Gründen die meiste Zeit des Jahres im offenen Laufstall mit Auslauf ins Freie.
Randy Lafranchi ist für die Milchfarm verantwortlich.  .

Neun Arbeiter– mehrheitlich mit mexikanischen Wurzeln – arbeiten auf dem Milchviehbetrieb. Dieser wird von Randy Lafranchi und seinem Sohn geführt. Gemolken wird in einem Zwölfer-Melkstand. Rund 13000 Kilogramm Milch geben die Tiere täglich. Etwa zwei Drittel der Milch liefern die Lafranchis an die kalifornische Biomolkerei Clover Sonoma. Ein Drittel verarbeiten die Brüder in der eigenen Käserei «Nicasio Valley Cheese Company», die nur wenige Fahrminuten von der Farm entfernt an der Hauptstrasse liegt. Den Traum vom eigenen Käse hatte schon ihr Vater Wilfred, der auf Besuchen in der ehemaligen Heimat seines Vaters Fred in den Tessiner Grottos auf den Käsegeschmack kam. Seine Enkel verwirklichten den Traum. Der Plan: Mit selbst hergestelltem Biokäse nach Tessiner Gusto wollten sie mehr Wertschöpfung auf dem Betrieb erzielen. Ein Cousin vermittelte ihnen dafür den Käsermeister Maurizio Lorenzetti aus Maggia, der beim Aufbau der Käserei tatkräftig mithalf. «Lorenzetti war ein absoluter Glücksfall für uns», sagt Rick. Denn letztlich sei man ohne ernsthafte fachliche Kenntnisse ins Käse-Abenteuer gestartet. Auf mehrwöchigen Aufenthalten im Tessin durften Rick und sein Bruder Scott Lorenzetti beim Käsen über die Schultern schauen und legten so die Grundlage für die eigene Käserei. Heute produzieren sie jährlich 57 Tonnen von neun verschiedenen Bio-Käsen, den sie selbst vermarkten. Speziell ist, dass sie nur Milch von der eigenen Farm verarbeiten. «Wir sind die einzige von Milchfarmern in selbst betriebene Käserei in Kalifornien», sagt Rick stolz. Er selbst ist für das Marketing des Käses zuständig, Scott leitet die Käserei.

Rick Lafranchi ist für das Marketing des Käses und der Milch verantwortlich.

Nachhaltigkeit ist Programm

Der Käse findet guten Absatz bei der kaufkräftigen und auf ökologische Themen sensibilisierte Bevölkerung in der Umgebung von San Francisco. Mit dem für die Region hohen Weideanteil erfülle man die verlangten Nachhaltigkeitskriterien optimal, findet Rick. Der Mist der Kühe wird zusammen mit Grünabfällen aus der Region in der eigenen Anlage kompostiert. «Rund 1500 m3 davon sowie die flüssige Gülle bringen wir auf den Weiden aus, der Rest wird verkauft», erklärt Rick. Kürzlich wurde in den drei Ställen eine neue automatische Entmistungsanlage installiert mit einem Schieber, welche den frischen Mist laufend wegschiebt und über ein Rohr mit wenig Wasser in einen Separator pumpt. Dank dem System entstehen weniger Treibhausgase. Der Staat unterstützt solche klimafreundlichen Massnahmen mit einem Beitrag. Sonst erhalten die Lafranchis gemäss eigenen Aussagen keinerlei Subventionen. Sie gehen sowieso ihren eigenen Weg, wollen mittelfristig möglichst die ganze eigene Milch verkäsen und setzen dabei auf die Nachhaltigkeits-Schiene. Ihre Kundschaft erwartet das von ihnen. Das Konzept funktioniert, die Käseverkäufe stiegen im letzten Jahr um 25 Prozent an.

www.nicasiocheese.com

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