Turbulenzen auf dem Karottenmarkt wahrscheinlich

Eine Annahme der Trinkwasserinitiative würde den Anbau von Karotten deutlich verteuern. Optionen für Gemüsebaubetriebe wären der Verzicht auf Direktzahlungen und «weiter wie bisher». Oder der Umstieg auf Bio.

Gemüsegärtner Reto Huber aus Sünikon produziert auf rund 30 Hektaren Karotten.

Auf Bio umstellen? «Falls nötig: ja», sagt der Gemüsegärtner Reto Huber aus Sünikon ZH. Er spricht vom Fall, dass das Stimmvolk die Trinkwasserinitiative voraussichtlich im nächsten Jahr annimmt und das Parlament den Initiativtext so auslegt, dass im Biolandbau zugelassene Pflanzenschutzmittel erlaubt bleiben. Doch daran zweifelt Huber: «Wenn die Initiative wortgetreu umgesetzt wird, dann werden sämtliche Pflanzenschutzmittel verboten.» Und für diesen Fall sehe er definitiv schwarz für den einheimischen Gemüseanbau – egal ob biologisch oder herkömmlich. Doch daran mag er trotz allem nicht so recht glauben. Er hofft, dass die Bevölkerung die Problematik eines totalen Verbotes erkennt, wenn sie ehrlich informiert wird.

Pflanzenschutz bereits angepasst

Reto Huber produziert jährlich auf rund hundert Hektaren konventionell mehr als zwanzig verschiedene Gemüse, davon sind rund ein Drittel Karotten. Wie würde sich eine Annahme der Initiative bei ihm auf den Karottenanbau auswirken? Ein Teilverbot von Pflanzenschutzmittel erfolgte ja bereits mit dem Rückzug diverser Wirkstoffe in den letzten Jahren. Schon das machte technische Anpassungen im Anbau nötig. Ein Wendepunkt bildete insbesondere das Verbot des Herbizides Linuron, welches in früheren Jahren das Unkraut auf und zwischen den Karottendämmen zuverlässig abräumte. Bereits als sich der Zulassungsstopp abzeichnete, schaffte sich der Gemüsegärtner ein Rollhackgerät an. Mit ihm bekämpft er das Unkraut nun vermehrt mechanisch, was durchaus auch Vorteile habe, weil so mehr Luft in den Boden komme. Auf den frisch geformten Karottendämmen lässt er zuerst während ein paar Tagen ein sogenanntes falsches Saatbeet zu, bis das Unkraut auskeimt. Dieses behandelt er gleich nach der Aussaat mit einem Vorauflaufherbizid. Dieses habe aber im Gegensatz zu Linuron nur eine Teilwirkung, sagt er. Wenn die Karotten 8 bis 10 cm hoch sind, erfolgt ein erster Hackdurchgang mit der Rollhacke auf den Dammseiten, die dann wiederum mit dem Dammformer nachgehäufelt werden müssen. Dieser Arbeitsgang war im Linuron-Zeitalter noch nicht nötig. Bis das Karottenkraut das Unkraut genug abdeckt, ist mindestens ein zusätzlicher Feldgang mit der Hacke nötig, bei dem manuell gejätet wird. Gegen den in Karotten oft auftretenden Alternaria-Pilz braucht es ausserdem zwei bis drei Fungizidbehandlungen. «Hier mit Schadschwellen zu arbeiten ist schwierig», erklärt Huber. Wenn der Pilz sichtbar werde, sei es in der Regel schon zu spät.

Reto Huber will auf jeden Fall weiterhin Karotten anbauen.

Ohne Pflanzenschutzmittel steigt der Preis

Als Vorkultur bevorzugt Huber Getreide und nicht Kulturen, die viel organische Masse und damit potentielle Keime auf dem Feld übriglassen, wie beispielsweise Kohlkulturen. Huber sät zudem nur alle vier Jahre Karotten auf dem gleichen Feld aus, obwohl eine engere Fruchtfolge erlaubt wäre. Vielleicht auch deshalb hat er kaum Probleme mit der Möhrenfliege, welche bei anderen Gemüseproduzenten regelmässig grosse Schäden verursacht. Eine Studie von Agroscope zeigte, dass bereits ab einem Möhrenfliegen-Befall von 15 Prozent massive Ertragsausfälle entstehen, bis zum Totalverlust. Wenn überhaupt, kann in diesem Fall nur eine Insektizidbehandlung mit Pyrethroiden die Ernte retten. Was unter Trinkwasserinitiativen-Bedingungen aber nicht mehr möglich wäre.

Bei einer Annahme der Initiative rechnet Reto Huber mit mehr Arbeitsaufwand für das Jäten und höheren Ernteausfällen, weil Alternaria nicht mehr effektiv bekämpft werden könnte. Die Kosten für die Karottenproduktion wären bei ihm also deutlich höher, die Abnahmepreise müssten deutlich steigen. Mit skeptischem Blick fragt Huber: «Ist der Konsument wirklich dazu bereit?»

Ausstieg aus Direktzahlungen ist eine Option

Eigentlich müssten erst recht die Biogemüsegärtner gegen die Initiative sein, findet Reto Huber. «Sie verlieren auf jeden Fall». Denn: Folge ein Totalverbot für Pflanzenschutzmittel, sei auch der Bio-Gemüseanbau mehr oder weniger am Ende. Blieben die Biomittel erlaubt, würde der Biomarkt wegen den zusätzlichen Mengen von den Umsteigern wohl kollabieren, glaubt er. Der Bioanteil in der Schweiz beim Frischgemüse betrug im letzten Jahr flächenmässig gerade einmal 17 Prozent. In wüchsigen Jahren besteht bereits heute ein Überangebot, weil der Markt zu klein ist.

Vor allem grosse Gemüsebaubetriebe lassen aber durchblicken, dass für sie vor allem ein Ausstieg aus dem Direktzahlungssystem im Fall einer Annahme der Initiative eine realistische Option sei, weil dann Pflanzenschutzmassnahmen im bisherigen Rahmen für sie erlaubt blieben. Das gilt auch für Reto Huber: «Letztlich bestimmen aber die Konsumenten, welche Produkte sie wollen.» Gemüsegärtner sind bekannt dafür, dass sie sich immer nach dem Markt richten. Sollte dieser tatsächlich mehr deutlich teurere Bioprodukte verlangen – was er nicht so richtig glauben kann –, würde er sich sogar danach richten, sagt er. Huber stellt aber klar: «Ich bin überzeugt, dass nur eine Landwirtschaft mit einem optimierten, modernen Pflanzenschutz unter Einsatz von neuen Technologien unsere Bevölkerung langfristig ernähren kann.»

Biobauer Bernhard Elmiger, Ermensee.

Biomarkt kommt in Bedrängnis
Bernhard Elmiger aus Ermensee baut Biokarotten an. Wie Reto Huber lässt er auf seinen Dämmen zuerst ein falsches Saatbeet wachsen, die Keimlinge flammt er dann mit dem Gasbrenner ab. Danach kommt mehrmals das Hackgerät zum Einsatz so lange die Pflanzen noch nicht allzu gross sind. Danach wird zwischen den Karotten von Hand gejätet, je nach Jahr und Unkrautbefall sind das bis zu 300 Arbeitsstunden pro Hektare. «Hier besteht ein grosser Kostenfaktor im Vergleich zum konventionellen Anbau», erklärt Elmiger. Gegen Alternaria setzt er je nach Situation nur wenn nötig ein kupferhaltiges Pflanzenschutzmittel ein. Die Möhrenfliege hat er soweit im Griff, er benutzt wie Huber kein Insektizid. Inwiefern wäre also Elmiger von einer Annahme der Initiative betroffen? «Ich gehe davon aus, dass beispielsweise Kupfer verboten würde», sagt er. Bei den Karotten sei das zwar mit Schwierigkeiten verbunden aber irgendwie wohl verkraftbar. «Bei Kulturen wie Kartoffeln würde es aber sehr anspruchsvoll.» Doch vor allem befürchtet er, dass viele konventionelle Gemüseproduzenten bei einer Annahme der Initiative in die Bioproduktion umsteigen würden. «Und das wäre fatal für den Markt und die Preise», sagt er.

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