Ethylen als alternativer Keimhemmer bei Zwiebeln

Vorzeitig gekeimte Zwiebeln sind nicht verkaufsfähig. Für die Keimhemmung stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Immer mehr Zwiebelanbauer setzen in ihren Lagerräumen auf das natürliche Pflanzenhormon Ethylen. 

Das Ethylen wird mit diesem Gerät vor Ort aus Ethanol hergestellt.

Wenn das Laub vergilbt und grösstenteils trocken auf dem Boden liegt ist die Zeit für die Zwiebel-Ernte gekommen. Die letzten beiden Wochen entscheiden massgebend über die Lagerfähigkeit von Zwiebeln, die bis tief ins nächste Jahr reichen soll. Petrus spielt dabei eine wichtige Rolle: Ist es während der Ernte zu nass, sind Probleme in der Lagerung vorprogrammiert. Viele Gemüseproduzenten behandeln die Zwiebeln in dieser Phase mit dem Keimhemmungsmittel Fazor. Der Wirkstoff Maleinsäurehydrazid wirkt systemisch und sorgt dafür, dass die Zwiebeln in den kommenden Monaten nicht vorzeitig keimen. Die Behandlung erfolgt spätestens zwei Wochen vor dem Roden bei trockener Witterung. Das Zeitfenster ist also eng und kann im schlimmsten Fall nicht eingehalten werden, was dann im Lagerraum zur vorzeitigen Keimung von Zwiebeln führen kann. 

Ethylen als Alternative

Als Alternative zur chemischen Lösung steht seit ein paar Jahren bei Lagerzwiebeln die Begasung mit Ethylen zur Verfügung. Sie ist auch im Biolandbau zugelassen. Ethylen ist ein natürliches Pflanzenhormon, das als Reifegas beispielsweise von Äpfeln aber auch von Gemüsen wie Gurken, Lauch oder Brokkoli selbst abgegeben wird. Bei Zwiebeln und Kartoffeln verzögert es die Keimung. Der konventionelle Zwiebelproduzent Beat Meyer aus Dottikon AG setzt bei den Lagerzwiebeln seit zwei Jahren nur noch Ethylen ein. Der Aufwand sei etwas grösser als bei der Verwendung von Fazor, weil man im Lager mehr kontrollieren müsse. Ernsthafte Probleme gab es bei ihm bis jetzt keine. Allerdings hatte er seit der Umstellung von Fazor auf Ethylen noch nie Ware bis im Juni gelagert. «Erst dann werden wir sehen, wie gut das System auch bei längeren Lagerdauer funktioniert.» Kritiker fürchten, dass die Ware dann als Foodwaste endet. Gemäss Hersteller soll eine Lagerung ohne Keimung mit Ethylen aber bis im Juli möglich sein. Bei Meyer steht ein Ethylen-Generator der britischen Firma Restrain in den Kühlräumen. Ein Gerät reicht für 5 000 Tonnen Lagerzwiebeln. 

Es braucht nur eine Steckdose

Hans Hagenbuch von der Firma Netagco vertreibt das Restrain-System in der Schweiz. Für ihn der grösste Vorteil: «Es hinterlässt sicher keine chemischen Rückstände im Produkt.» Die Bedienung sei zudem sehr einfach. Eine spezielle Installation im Kühler ist nicht nötig, es braucht nur eine Steckdose, um das Gerät anzuschliessen. Der Mechanismus ist simpel: Mit der erzeugten Hitze wird Ethanol in Ethylen umgewandelt. Weil dieses vor Ort produziert wird, benötigt es auch keine offizielle Zulassung als Pflanzenschutzmittel. Entscheidend ist der Sensor, der die Abgabe des Ethylens in die Lagerumgebung steuert. Mit ihm verdient die Firma aus Grossbritannien ihr Geld. Bisher gibt es nichts Vergleichbares auf dem Markt. Restrain nimmt auch deshalb global quasi eine Monopolstellung bei der Produktion von Ethylen in der Zwiebellagerung ein. Das Unternehmen gibt an, weltweit rund 300 000 Tonnen Zwiebeln mit dem Verfahren zu behandeln. In bestimmten Fällen nutzen Produzenten Ethylen auch als Absicherung. Wenn es beispielsweise bei der Ernte Probleme gibt und Fazor deshalb nicht genug gut funktioniert. Dann wird beides eingesetzt, was zwar teuer ist, dafür kann der Posten «gerettet» werden. 

Umstrittenes Mietsystem

Restrain betreibt ein streng reglementiertes Mietsystem. Dabei ist es unter anderem verboten, das Ethanol woanders zu beziehen als bei Restrain respektive Netagco. Bei Zwiebeln mit dem bei der Lagerung  üblichen regelmässigen Luftaustausch sei der Kauf des «Schnaps» schon ein Kostenfaktor, sagt Zwiebelproduzent Meyer. Die Anwendung des «Druckertinte»-Systems und die Abhängigkeit von nur einem Anbieter passt denn auch nicht allen Gemüseproduzenten in den Kram. Sie sehen darin unter anderem einen Grund für die bisher höheren Kosten im Vergleich zu Fazor. 

Hans Hagenbuch ist allerdings überzeugt, dass sein Produkt in der gesamten Betrachtung günstiger sei. Erst recht jetzt, wo das Abrechnungssystem geändert hat. Neu bezahlt ein Produzent anstatt wie bisher 1500 Euro nur noch einen Euro Mietgebühr pro Gerät. Dazu bezahlt er pro Tonne Zwiebeln 3.25 Euro. Die geschätzten Einlagerungsmengen müssen vorab bei Restrain eingegeben werden. 75 Prozent der Beiträge sind vor Lagerbeginn fällig, die Endabrechnung erfolgt aufgrund der effektiven Tonnagen. Falls man auch in der Folgesaison mit dem Restrain-System arbeitet, müssen Ende Saison neu nur noch die Sensoren zur Revision zurückgeschickt werden. Hagenbuch ist überzeugt: «Mit der Anpassung der Preise wird das System nun auch für kleinere Produzenten interessant.»

Nicht neben Karotten

Doch gerade die im Vergleich zum Ausland eher kleinen Strukturen im Schweizer Gemüseanbau erfordern eine besondere Aufmerksamkeit beim Einsatz von Ethylen. Sind mehrere verschiedene Lagergemüse unter einem Dach untergebracht, wird es heikel. Entweicht Ethylen aus den Zwiebeln beispielsweise in die Kühlzelle von Karotten, dann werden diese bitter. Beat Meyer führte deshalb im ersten Jahr in allen Lagerräumen Messungen durch, um zu überprüfen, ob Ethylen entweicht. Mit einer Ausnahme seien alle Zellen dicht gewesen, sagt er. Trotzdem würde er – um ganz sicher zu gehen – anfällige Lagergemüse nicht im Raum gleich neben den Zwiebeln platzieren. 

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