Digitale Tools sollen die Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft messen. Bäuerinnen und Bauern sind mit einer Vielzahl von Anbietern konfrontiert. Viele fragen sich: Lohnt sich der Aufwand wirklich?

Eine Vielzahl von Apps und anderen digitalen Helfern erleichtert das Leben der Bäuerinnen und Bauern bereits heute: für die richtige Dosierung von Dünger, die Früherkennung von Schädlingen oder die Aufzeichnung von Anbauflächen beispielsweise. Doch auch Kontrollinstitutionen, Label-Organisationen, Verbände oder der Staat fordern Daten der Bauernbetriebe zunehmend elektronisch an: Was wurde, wann und wo angebaut? Wie viele Tiere leben auf dem Betrieb? Wie viel Dünger wurde ausgebracht? Oder: Wie sieht der CO₂-Fussabdruck aus? Weit ist es da nicht mehr zum gläsernen Bauernhof. Das missfällt vielen Bäuerinnen und Bauern. Nicht nur wegen des Aufwands, sondern vor allem, weil sie nicht genau wissen, wer am Ende alles Zugriff auf ihre Daten hat. Exemplarisch dafür steht die kritische Haltung gegen die digitale Plattform «Digiflux» des Bundes, welche längst zum Reizwort geworden ist. Gegen die ursprünglich geplante parzellengenaue Aufzeichnungspflicht von Pflanzenschutzanwendungen wehrte sich die Branche erfolgreich. Mittlerweile wurden die Anforderungen deutlich heruntergeschraubt. Mit der harschen Kritik der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) an der Umsetzung des Projekts gerade im Bereich Datenschutz erhielten die Kritiker zusätzlichen Aufwind.

Wer definiert Nachhaltigkeit?
Trotz allem rollt eine neue Welle mit digitalen Tools auf die Landwirtschaft zu. Im Fokus steht die Nachhaltigkeit, welche diese in messbaren Indikatoren abbilden. Bei Abnehmern von Lebensmitteln gilt künftig: Wer liefern will, muss entsprechende Kriterien erfüllen. Doch wer definiert eigentlich, was Nachhaltigkeit ist? Oft wird dafür das Drei-Säulen-Modell verwendet, in dem sich die ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit gegenseitig die Waage halten sollen. Was sich einfach anhört, ist aber im Detail ziemlich komplex. Je nach aufgesetzter Brille werden inhaltliche Schwerpunkte anders gesetzt. Bei Abnehmern steht etwa der CO₂-Fussabdruck im Zentrum, bei Umweltorganisationen eher die Biodiversität. Für die Bauernbetriebe muss es vor allem auch wirtschaftlich aufgehen, weil die Bauernfamilie davon lebt. Zielkonflikte sind hier unvermeidbar. Die Aufzucht von «Bruderhähnen» erfüllt beispielsweise zwar hohe tierethische Anforderungen, weil diese nicht mehr als Küken getötet werden. Doch im Vergleich zu spezialisierten Masthähnchen-Sorten benötigen sie mehr Futter und Zeit, was auf Kosten der Nachhaltigkeit geht. Oder: Werden Pflanzenschutzmittel gegen Schädlinge in Ackerkulturen verboten, mag das für die Umwelt Vorteile haben, dafür sinken aber möglicherweise die Erträge auf den Äckern und damit auch die Einnahmen.
Ein Tool allein reicht nicht
Die Anforderungen an die Nachhaltigkeit in ein Gleichgewicht zu bringen, ist also eine echte Herausforderung. Auch deshalb schiessen entsprechende digitale Tools schon fast wie Pilze aus dem Boden. Die landwirtschaftliche Beratungszentrale Agridea listet auf der Online-Plattform Agripedia zwölf Anbieter von Tools zum Messen von Nachhaltigkeitsleistungen auf. «Ohne Anspruch auf Vollständigkeit», sagte Astrid Gerz von Agridea am Seminar für Betriebsleiter aus der Gemüsebranche im letzten Herbst. Den verdutzten Gemüsegärtnern empfahl sie damals die Kombination von gleich drei Tools verschiedener Anbieter, um möglichst vielen Anforderungen gerecht zu werden. Das stört nicht nur Biogemüsegärtner Christian Gerber, der auch Vorsitzender der Fachgruppe Biogemüse bei Bio Suisse ist. Es sei unerfreulich, dass künftig zum Messen der Nachhaltigkeit gleich mehrere Tools nötig sein sollen, sagte er an der Biogemüsetagung mit dem Fokus «Nachhaltigkeitsbewertungen» im Januar in Frick. «Die Landwirtschaft sollte sich für nur ein System entscheiden, das möglichst viel abdeckt.» Doch die Realität sieht anders aus. Um ihre Verpflichtungen zur Reduktion der Treibhausgase einzuhalten, werden die Abnehmer bald auch ihre Lieferanten in die Pflicht nehmen. Es geht konkret um die globale Science Based Targets Initiative (SBTi), welche Emissionsreduktionsziele von Unternehmen nach wissenschaftlichen Kriterien validiert und überprüft. Und ja – auch dafür braucht es wiederum zusätzliche Software.

Wird der Aufwand eingepreist?
Viele Landwirtinnen und Landwirte fragen sich also, wie viel Zeit sie künftig zusätzlich mit Tablets und Handys auf dem Feld oder im Büro verbringen müssen. Respektive welche Kosten für Expertise und Beratung da noch auf sie zukommen. Bio Suisse wendet seit diesem Jahr den auf wissenschaftlichen Kriterien von Agroscope beruhenden Klimacheck an, den sie zusammen mit IP Suisse weiterentwickelt hat. Er zeige dem Betrieb die Reduktionsleistungen in Tonnen CO₂ auf, die er durch umgesetzte Massnahmen erreiche, erklärt Bio Suisse Sprecher Lukas Inderfurth auf Anfrage. Auf Verbandsebene ermögliche der Klimacheck, mit möglichst wenig administrativem Aufwand die Leistungen des Biolandbaus im Klimaschutz nach aussen zu tragen. Das Ganze soll für die Knospenbetriebe vorerst freiwillig bleiben. Ob sich das in Zukunft ändern werde, hänge unter anderem davon ab, ob die Klimaschutzleistungen vergütet werden, welche die Biolandwirtschaft erbringe. Mit Sicht auf den Preisdruck, den die Abnehmer aktuell ausüben, zweifeln viele daran, dass diese zusätzlichen Aufwände überhaupt einmal eingepreist werden.
Test in der Praxis
Doch wie gross ist der Aufwand konkret für das Ausfüllen des Klimachecks? Auf einem Gemüsebaubetrieb mit Milchviehhaltung machen wir die Probe aufs Exempel. Der Biolandwirt nimmt sich an einem regnerischen Tag im März extra Zeit dafür, möchte aber anonym bleiben. Der Einstieg ist ernüchternd: Zum Ausfüllen des Klimachecks kommt er an diesem Tag gar nicht erst, weil er das richtige Login nicht findet. Unterstützung per Telefon wird ihm noch an diesem Tag versprochen. Doch aus Zeitgründen will er nicht warten. Es gibt ja genügend Alternativen. Spontan weicht er deshalb auf das vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) entwickelte, digitale Tool «MeinHof-Kompass» aus. Ein erster Basis-Check soll hier den aktuellen Stand des Biobetriebs in den Bereichen Ökologie, Soziales und Ökonomie ermitteln. Hier funktioniert es mit dem Login. Bei den zu beantwortenden Fragen geht es um Ökoausgleichsflächen, Energie- und Wasserverbrauch oder um besuchte Weiterbildungsveranstaltungen, Nachfolgeregelung, Arbeitszeiten oder darum, ob der Betrieb alle Rechnungen bezahlen kann. Manche Fragen erscheinen dem Landwirt praxisfremd, etwa die über den jährlichen Wasserverbrauch. «Je nach Wetter im Sommer variiert dieser Wert von Jahr zu Jahr sehr stark», erklärt er. Nach etwa einer Stunde sind alle Fragen beantwortet und das Resultat erscheint als Grafik. Im Vergleich zu anderen Betrieben schneidet er in allen Bereichen besser ab. Beruhigt ihn das nun? Weder noch. Eigentlich sollte er als Betriebsleiter auch ohne solche Tools wissen, wie es um seinen Betrieb steht, findet er.
| Beispiele von Software zur Bewertung von Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft RISE: Von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) entwickelt. Deckt auf Stufe Betrieb die Bereiche Bodenschutz, Biodiversität und Pflanzenschutz ab. SALCA: Von Agroscope entwickelt mit Fokus Lebenszyklusanalyse auf Stufe Produkt. Deckt Bereiche wie Düngung, Dieselverbrauch oder Verpackung auf. SMART: Entwickelt vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Beurteilt auf Stufe Betrieb ökologische, ökonomische und soziale Kriterien. World Climate Farm Tool: Entwickelt von der Easy-Cert Group in Zusammenarbeit mit bio.inspecta AG. Es berechnet die Klimaleistungen eines Betriebs unter Berücksichtigung verschiedener Produktionsfaktoren. |

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