Limmatwasser aus der Pipeline

Das Bewässern aus kleinen Oberflächengewässern wird immer mehr eingeschränkt. Kein Problem ist das bei grossen Fliessgewässern wie der Limmat, woher die Furttaler Landwirte sich künftig ihr Wasser holen. Speziell dabei: Die mehr als 12 Kilometer lange Wasserleitung muss zuerst 150 Höhenmeter überwinden. 

Das Bewässerungsprojekt im Furttal sichert den Landwirten künftig jederzeit den Zugang zu Wasser. 

Die Ankündigung kam überraschend. Vor über zehn Jahren eröffnete das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) des Kantons Zürich den Landwirten und Gemüsegärtnern aus dem Furttal, dass sie ihre Kulturen mittelfristig nicht mehr wie bisher üblich mit Wasser aus dem Bach oder mit Grundwasser bewässern durften. Die Begründung: Die Konzessionen sollten nicht mehr erneuert werden, weil das Grundwasser für die wachsende Bevölkerung gebraucht würde und der Furtbach gerade im Sommer oft zu wenig Wasser führe. «Da habe ich schon leer geschluckt», sagt Ueli Forster zurückblickend. Er ist Geschäftsführer von Forster Gemüse in Dällikon und weiss, was das bedeutet. Im Furttal hat Gemüsebau Tradition und ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Sensible Spezialkulturen wie Gemüse ohne Bewässerung? Heute schon schlicht undenkbar. Mit den zunehmend trockenen Wetterphasen wegen des Klimawandels wird die permanente Wasserverfügbarkeit aber erst recht existenziell.

Gemeinsame Lösungen werden finanziell unterstützt

Den betroffenen Landwirten, Gemüse- und Beerenproduzenten war klar, dass sie gemeinsam eine Lösung für die Zukunft finden mussten und gründeten deshalb die Bewässerungsgenossenschaft Furttal. Diese Trägerschaft tritt seit der Gründung vor sieben Jahren als Konzessionsnehmerin gegenüber dem AWEL auf und ebnete zudem den Weg zu den Subventionstöpfen der öffentlichen Hand, die für gemeinsame Bewässerungsprojekte Geld im Rahmen von Strukturverbesserungsmassnahmen bereithalten. «Ohne diese Gelder ist so ein grosses Projekt gar nicht erst umsetzbar», sagt Ueli Forster, der die Genossenschaft präsidiert. An mehreren Sitzungen mit dem Amt für Landschaft und Natur des Kantons Zürich (ALN) wurden vorerst Ideen entwickelt und in Vorstudien mögliche Lösungen wie Speicherbecken, Limmatwasser oder mit Trinkwasser evaluiert. Die visionärste Lösung mit dem Wasser aus der drei Kilometer Luftlinie entfernten Limmat im Nachbartal stellte sich schliesslich als die beste und günstigste heraus. Speziell hier: Von der Wasserfassung in Oetwil an der Limmat muss das Wasser mit zwei Pumpen mit je einer Leistung von 155 kW zuerst 150 Höhenmeter auf den Hüttikerberg in einen Hochspeicher befördert werden, der als Ausgeichsbecken dient. Von dort geht es mit einem natürlichen Druck von 8 bis 12 bar durch die Leitungen runter zu den aktuell 17 angeschlossenen Betrieben ins Furttal mit rund 250 Hektaren bewässerten Anbauflächen mit Gemüse, Kartoffeln und Beeren. Insgesamt wird das geplante Hauptleitungsnetz vom Pumpwerk bis zum Endverbraucher 12,6 km lang mit rund 40 selbstentleerenden Hydranten. Ab diesen erfolgt dann die individuelle Feinverteilung auf den Feldern, Gewächshäusern oder Beerenplantagen.

Die PE-Rohre haben einen Aussendurchmesser von 355 mm.

Der Weg durch die Instanzen

Im nächsten Jahr soll die Bewässerungsanlage ihren Betrieb aufnehmen. Zurzeit werden die PE-Rohre mit einem Aussendurchmesser von 355 mm in einer Tiefe von rund 140 cm im Boden verlegt. Wegen Corona und dem schlechten Wetter in diesem Frühling verzögerten sich die Arbeiten etwas. Zudem gibt es wegen der allgemeinen Knappheit von Rohstoffen Lieferprobleme mit den Rohren. Doch bis die Rohre überhaupt erst verlegt werden konnten, mussten in den Jahren zuvor viele administrative Hürden bei verschiedenen Behörden genommen werden. «Zum Glück hat uns eine Spezialistin des ALN einen grossen Teil dieser Arbeiten abgenommen», sagt Forster. Das Amt habe sich ganz schön ins Zeug gelegt und zudem die Kosten für die Vorarbeiten übernommen. Sehr zeitaufwändig war das Einholen der Durchleitungsrechte bei den rund 50 betroffenen Landbesitzern. Denn die Rohre verlaufen durch Kulturland und Wald oder queren Strassen, Bäche und eine S-Bahnlinie. «Hier half uns das beauftragte Ingenieurbüro», sagt Forster. «Meistens sind wir mit den üblichen Entschädigungssätzen pro Laufmeter durchgekommen». Zudem habe das Gros der Gemeinden bei ihrem eigenen Land auf die Entschädigung verzichtet.

Von der Limmat wird das Wasser in den Hochspeicher gepumpt, der als Ausgleichsbecken dient.

Kaum Einsprachen

Das ALN prüfte schliesslich das vom Ingenieurbüro aufbereitete Gesuch und übermittelte die Unterlagen den betroffenen Gemeinden zur öffentlichen Bekanntmachung und Auflage. Naturschutzverbände reichten wenig überraschend vorsorglich Einsprache gegen das Projekt ein. Doch deren grundsätzliche Bedenken bezüglich beispielsweise einer Erwärmung des Wassers oder der Änderung der Flussgeschwindigkeit und den möglichen negativen Folgen für Fische und andere Lebewesen konnten schnell ausgeräumt werden und man einigte sich gütlich. «Die entnommene Wassermenge ist im Verhältnis zum riesigen Wasservolumen letztlich schlicht zu gering, als dass hier negative Folgen zu erwarten wären», erklärt Forster.

Überhaupt gingen nur zwei Einsprachen zum Hochspeicher ein, der in einem Bereich eines Trockenstandorts von regionaler Bedeutung liegt. Als «Kompensation» muss nun ein Teil der Decke mit einer Magerwiese begrünt werden. Das AWEL erteilte schliesslich im Frühling 2019 die Konzession zur Wasserentnahme sowie die Bewilligungen für den Bau der Fassung und des Pumpwerks. Kurze Zeit später folgte das Okay des Regierungsrats zum gesamten Bewässerungsprojekt und zum Bau der Leitungen sowie des Hochspeichers. Zudem gab er grünes Licht zu den gesetzlich vorgesehenen Kostengutsprachen für die technischen Vorarbeiten und vor allem für die Gewährung von Subventionen im Umfang von maximal 30 Prozent der geplanten Gesamtkosten von 8 Millionen Franken, in diesem Fall 2.4 Millionen Franken. Der Bund übernimmt im Rahmen der Strukturverbesserungsverordnung weitere 27 Prozent der Kosten. Der Rest wird durch die Genossenschafter mit einem abhängig von der geplanten Bezugsmenge fälligen Grundbeitrag sowie mit Hilfe von weiteren externen Darlehen finanziert.

Eine Spezialmaschine gräbt die rund 140 cm tiefen Gräben.

App verhindert Übernutzung

Die jährlichen Betriebskosten werden auf 300’000 Franken geschätzt, bei einer mittleren Wasserbezugsmenge von 350’000 m3 pro Jahr. Für die Abschätzung dieses Bedarfs mussten die Genossenschafter zuvor ihren mittleren Jahresverbrauch sowie ihre gewünschten Kontingente angeben. Zudem wurde festgelegt, die Bewässerungsstruktur so auszurichten, dass maximal 9 Beregnungsanlagen gleichzeitig vom Netz Wasser beziehen dürfen bei einem maximalen Wasserbedarf von 96 Liter pro Sekunde respektive 8300 m3 pro Tag. «Solche Situationen treten auf, wenn beispielsweise alle gleichzeitig am Setzen sind», erklärt Forster. Mit einer App sollen sich die Betroffenen künftig vorab absprechen. Und wenn das nicht klappt? «Ist der Bezug zu hoch, schliesst nach dem Hochspeicher eine Drosselklappe.»

Deshalb war es wichtig, dass die Genossenschafter bei der Planung realistische Kontingente angaben. «Sonst stimmt es dann mit der Finanzierung nicht mehr und der Preis von knapp unter einem Franken pro Kubikmeter Wasser wird unrealistisch», erklärt Forster.  Eine Korrektur der Menge nach oben sei noch eher möglich, da 30 Prozent Reserven eingeplant seien. Die Konzession erlaubt einen maximalen täglichen Bezug von 9300 m3.

Karte an der Wand im Büro von Ueli Forster mit dem Plan der Wasserleitung.

Flusswasser fast in Trinkwasserqualität

Ein Drittel der angegebenen Jahresmenge müssen die Genossenschafter Anfang Jahr als Sockelbeitrag bezahlen, um die fixen Grundkosten zu decken. Der Rest wird aufgrund der tatsächlich verwendeten Wassermenge abgerechnet. In besonders trockenen Jahren kann das deutlich mehr sein als üblich. Mit dem kalkulierten Preis von etwa einem Franken pro Kubikmeter liege man unter den örtlichen Kosten für das Trinkwasser, sagt Forster. Doch natürlich ist es immer noch teurer, als wenn das Wasser wie bisher aus dem Bach gepumpt wird. Das Wasser aus dem Furtbach sei allerdings aus hygienischer Sicht zunehmend problematisch geworden, auch weil es Wasser aus vielen Kläranlagen enthalte. «Das Limmatwasser hingegen kommt schon fast in Trinkwasserqualität daher», sagt Forster. Als Teil des Bewilligungsverfahrens musste zudem der Nachweis erbracht werden, dass das Wasser sachgemäss und bedarfsgerecht verwendet wird. Der Gemüsegärtner ist aber überzeugt, dass alle Beteiligten bei diesem Kubikmeter-Preis haushälterisch mit dem Wasser umgehen werden.

Gemeinsame Bewässerungsnetze

Rund sechs Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen werden in der Schweiz saisonal bewässert, was rund zehn Prozent des Gesamtwasserbedarfs der Schweiz ausmacht. Bei fast der Hälfte handelt es sich um Wiesland vor allem im Wallis, das mit Bergwasser aus den traditionellen Suonen gewässert wird. Mit den zunehmend trockenen Sommern steigt der Bewässerungsbedarf insbesondere in Spezialkulturen wie Gemüse oder Beeren. Immer häufiger werden zudem auch Kulturen wie Kartoffeln oder Körnermais bewässert. Modellrechnungen gehen davon aus, dass der Bewässerungsbedarf bis Ende Jahrhundert um 40 Prozent ansteigt. Der zusätzliche Hunger nach Wasser führt zunehmend zu Nutzungskonflikten zwischen den verschiedenen Anspruchsgruppen. Der Bund und die Kantone unterstützen deshalb im Rahmen von Strukturverbesserungsmassnahmen gemeinschaftliche Bewässerungsprojekte in der Landwirtschaft, welche zur Entspannung der Situation beitragen. In den letzten Jahren wurden bereits einige Projekte verwirklicht, wie beispielsweise in der Region Ried bei Kerzers, bei dem fix installierte Zubringerleitungen Grundwasser auf 440 ha Ackerflächen bringen. Das Furttaler Bewässerungsnetz zählt zu den grössten und spektakulärsten in der Schweiz bisher mit öffentlichen Geldern mitfinanzierten Bewässerungsprojekten in der Schweiz. Einige Projekte sind in der Evaluierungsphase, dabei handelt es sich oft um Erneuerungen von bestehenden Wasserfassungen oder den Bau von Bewässerungsteichen. Manche scheitern bereits in der Vorstudienphase, wenn sich beispielsweise herausstellt, dass die zu bewässernden Flächen zu weit auseinander liegen. Oder wie in der Ostschweiz, wo ein Projekt mit der Entnahme von Wasser aus dem Bodensee für ein Leitungsnetz unter anderem daran scheiterte, dass der Aufwand für die Wasseraufbereitung wegen der invasiven Quagga-Muschel zu teuer gekommen wäre.

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