Modern, aber zu wenig Milch – Über die Probleme einer kleinen Käserei in Bulgarien (Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt, 6. April 2002)

Modern, aber zu wenig Milch – Über die Probleme einer kleinen Käserei in Bulgarien. Der Durchschnitts-Monatslohn beträgt 135 Euro, und die Landwirtschaft in Bulgarien ist kleinstrukturiert. Da ist man froh über Unterstützung aus dem Westen.

Beim Gang durch die Milchprodukteabteilung eines Supermarktes in Sofia findet man zwischen typisch bulgarischen Produkten wie Feta und Joghurt seit ein paar Jahren auch Tilsiter und Gruyère. Beim in kyrillischer Schrift angeschriebenen Käse handelt es sich aber nicht um Importware aus der reichen Schweiz, sondern um einheimische Produkte aus der Käserei «Rhodop Milk» in Smilian, in den gebirgigen Rhodopen im Süden Bulgariens gelegen. Seit dem Jahre 1994 werden dort in der von drei Familien betriebenen Käserei-Genossenschaft zwar in erster Linie einheimische Sorten hergestellt, zudem aber auch Tilsiter, Gruyère, Gouda und Parmesan. Produziert wird nämlich nur für den bulgarischen Markt. Emmentaler gehört übrigens nicht zum Sortiment, weil der Bulgare nicht auf «süssen» Käse stehe, erklärt die Geschäftsführerin Milkana Jordanova.

Die Käserei «Rhodop Milk» wurde mit einem Schweizer Aufbaukredit in der Höhe von rund 450 000 Franken unterstützt. Mit der Käserei sollte die Abnahme der Milch der lokalen Bauern gesichert werden, die nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems vom Staat keine Unterstützung mehr erhielten. Die für die Produktion verantwortliche Veneta Boneva wurde in einem Schweizer Betrieb in Dozwil ausgebildet und leitet heute ein Team von 15 Angestellten, die zwischen umgerechnet 80 und 320 Euro pro Monat verdienen. Der Durchschnittslohn in Bulgarien liegt bei monatlich rund 135 Euro. In den Produktionsräumen stehen moderne Maschinen aus der Schweiz. In Sachen technischer Ausrüstung gehört der Betrieb bestimmt zu den besten der Branche im Land. Als problematisch für die Produktion erweist sich das begrenzte Milchangebot. Die Produktionsanlagen sind nur zu 60 Prozent ausgelastet. Dieser Wert liegt zwar noch deutlich über den landesweiten Werten der Konkurrenzbetriebe, «trotzdem wollen wir in den nächsten Jahren die Produktionsmenge weiter erhöhen», zeigt sich Milkana Jordanova zuversichtlich. Dies ist zweifellos ein ehrgeiziges Ziel in Anbetracht der Tatsache, dass ein Bauer in Bulgarien zurzeit in der Regel nicht mehr als drei Kühe besitzt. Die abgelieferte Milch bewegt sich entsprechend in sehr kleinen Mengen von durchschnittlich 10 bis 12 Kilogramm Milch pro Produzent und Tag. Täglich werden zwischen 3 und 3,5 Tonnen Milch verarbeitet. Heute schreibt «Rhodop Milk» nach eigenen Angaben trotzdem knapp schwarze Zahlen, was im derzeit schwierigen wirtschaftlichen Umfeld in Bulgarien bemerkenswert ist.

Gleich neben der Produktionsanlage in Smilian wurde im vergangenen Jahr im Sinne eines Nebenerwerbs ein Hotel mit integriertem Ausbildungszentrum gebaut. Dort wird den rund 350 Produzenten in Kursen vermittelt, wie qualitativ hoch stehende Milch produziert wird. Die Bauern erhalten für ihre Milch je nach Qualität maximal 0,5 Leva (rund 0,25 Euro) pro Kilogramm Milch. Der Lohn kann in Form von Geld oder Kraftfutter bezogen werden. Zwischendurch kommt es sogar vor, dass die Produzenten im Tausch gegen Kartoffeln Kraftfutter beziehen. «Rhodop Milk» zeigt sich diesbezüglich flexibel, schliesslich dient es dem langfristigen Ziel, die Milchmenge zu erhöhen. Zudem übernimmt der Betrieb 50 Prozent der anfallenden Tierarztkosten. Die Milchqualität wird mit Hilfe von regelmässigen Kontrollen gesichert. Abgeholt wird die Milch bei den Produzenten, welche die Milch in gekühlten 50-Liter-Tanks sammeln. Der am weitesten entfernte Sammelplatz liegt 25 km vom Smilian entfernt.

Der Tilsiter und der Gruyère aus der Käserei «Rhodop Milk» kosten im Geschäft in Sofia rund 14 Leva pro Kilogramm, das entspricht rund 11 Franken. Die wirtschaftliche Situation im ehemaligen Ostblockstaat ist prekär. Bei einer Arbeitslosenrate von offiziell 18 Prozent und dem oben genannten Durchschnittseinkommen können sich nur wenige Menschen teure Lebensmittel leisten. Es ist deshalb nicht weiter erstaunlich, dass die Käse aus Smilian in erster Linie in den grossen Städten Sofia und Plovdiv verkauft werden, wo die Kaufkraft höher ist als in den ländlichen Gebieten. Dort sind viele Menschen froh, wenn täglich etwas Brot und ein Glas Milch auf den Tisch kommen.
Die Armut treibt viele Menschen in die Landwirtschaft, wo sie auf kleinsten Flächen oft mit blossen Händen etwas Kartoffeln, Mais oder Tabak anbauen, um das Einkommen aufzubessern. Viele Flächen liegen wegen nicht geklärten Eigentumsverhältnissen brach. Erst allmählich werden wieder Genossenschaften gebildet, welche die vormals aus kollektivem in privaten Besitz übergegangenen Anbauflächen wieder effizienter nutzen. Die Geschäftsführung von «Rhodop Milk» schaut zuversichtlich in die Zukunft. In den nächsten Jahren soll in den Anbau von Futtermitteln investiert werden, um so langfristig die Milchmenge zu erhöhen. Der Betrieb will sich mit Produkten hoher Qualität auf dem bulgarischen Markt behaupten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.