Viren und Bakterien im Zaum halten

Die Globalisierung gepaart mit dem Klimawandel bringt bisher bei uns unbekannte Krankheitserreger und Schädlinge in die Obstanlagen. Markus Bünter von Agroscope erklärt im Interview, wie der Eintritt dieser Fremdlinge möglichst im Keim erstickt werden sollen. 

Seit letztem Jahr gelten Feuerbrand oder auch das Sharka-Virus rechtlich nur noch als geregelte Nicht-Quarantäneorganismen (GNQO) mit eingeschränkter Melde- und Bekämpfungspflicht. Hat man hier kapituliert?

Markus Bünter*: Das kann man so sehen. Beide bringen wir tatsächlich nicht mehr weg aus der Schweiz. Man kann aber hier mit präventiven Massnahmen erreichen, dass eine wirtschaftliche Produktion trotz vorhandenen Schadorganismen möglich ist. Solche nicht mehr wegzubringenden ehemaligen Quarantäneorganismen werden deshalb zu GNQO umklassiert. Die GNQO sind nur noch in den Jungpflanzenbetrieben für die Abgabe im Profibereich geregelt.

Sie legen den Schwerpunkt somit auf die Bekämpfung von prioritären Quarantäneorganismen?

Tatsächlich will man die Ressourcen nicht mehr in den mehr oder weniger etablieren Schadorganismen einsetzen, sondern in solchen, die noch nicht bei uns angekommen sind. Die Schweiz bildet mit der EU einen gemeinsamen phytosanitären Raum, in dem vergleichbare amtliche Kontrollen durchgeführt werden. Dabei finden Betriebskontrollen statt und man sucht präventiv in überwachten Gebieten, um Befallsherde möglichst früh nach der Einschleppung zu finden. So hat man die grössere Chance einen Schadorganismen wieder zu tilgen.

Beim als prioritären Quarantäneorganismus gelisteten, gefürchteten Feuerbakterium (Xylella fastidiosa) ist das bereits einmal gelungen. Wie lief das ab?

2015 landeten befalle Kaffeebäume in zwei Schweizer Gewächshäusern. Diese wurden sofort unter Quarantäne gestellt und nach positivem Laborresultat zusammen mit benachbarten Wirtspflanzen vernichtet. Es folgten zwei weitere Jahre mit einer Überwachung des Bestandes wie auch von Zikaden, welche das Bakterium übertragen könnten.

Eigentlich fand man hier sehr schnell den «Patienten Null». Wie war das möglich?

Die Pflanzen-Ladungen wurden in Holland abgefertigt und kontrolliert. Bis der Labornachweis dort erbracht worden war, waren die Pflanzen schon unterwegs in die Zielländer, ein paar wenige als Zierpflanzen auch in die Schweiz. Als der Befall bestätigt war, wurden anhand der Lieferscheine und des Pflanzenpasses auch wir als nationaler Pflanzenschutzdienst informiert. Wir machten die Pflanzen ausfindig und konnten das Bakterium ebenfalls nachweisen. In solchen Fällen ist der seit diesem Jahr bei allen gehandelten Pflanzen und Pflanzenerzeugnissen obligatorische Pflanzenpass natürlich Gold wert. Er ermöglicht die schnelle Rück- aber eben auch Vorwärtsverfolgbarkeit.

Der Pflanzenpass gilt im professionellen Bereich. Auf dem Flughafen Zürich wurden selbst im letzten Jahr mit kaum Flugverkehr über 2500 Reisende aufgegriffen mit rund zehn Tonnen unerlaubtem Pflanzenmaterial. Wie gross ist das Risiko, dass Krankheiten so eingeschleppt werden?

Es ist ziemlich gross. Bereits seit einiger Zeit sind früher noch frei einführbare Kleinmengen nicht mehr erlaubt. Frische pflanzliche Ware, Gemüse, Früchte oder Samen dürfen von Privaten von ausserhalb der EU nur noch mit einem Pflanzengesundheitszeugnis eingeführt werden, zudem besteht eine Deklarationspflicht beim Zoll. Zusätzlich wurden die Kontrollen an den internationalen Flughäfen verschärft und die Reisenden mehr informiert.

Im letzten Sommer wurde im Südtessin erstmals ein Befallsherd des gefrässigen Japankäfers nachgewiesen, nachdem er zuvor nur vereinzelt nachgewiesen worden war. Welche Massnahmen wurden ergriffen?

Das primäre Ziel im Tessin ist es nun, die weitere Ausbreitung möglichst lange zu verhindern. Zu diesem Zweck wurde eine Befallszone ausgeschieden, aus der es verboten ist, Pflanzmaterial wie beispielsweise Rollrasen oder Topfpflanzen zu verschieben. Der Kantonale Pflanzenschutzdienst musste die betroffenen Betriebe zuerst ausfindig machen, damit sie über die Auflagen informiert werden konnten. Dazu gehören auch Baufirmen, die Humus herumführen. Letztlich ist es aber leider wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Käfer den Weg in den Norden findet. Doch jedes Jahr ohne Befall ist ein gewonnenes Jahr.

Der Pflanzenpass stellt nur ein gesetzliches Minimum dar. Was bringt dem Obstproduzenten eine zusätzliche Zertifizierungsetikette für Pflanzmaterial?

Mit dieser amtlichen Zertifizierung sinkt das Risiko eines Befalls von GNQO beträchtlich. Das Konzept stammt aus den 50iger-Jahren, wo es vor allem um die Bekämpfung von Viren in Obstgehölzen ging. Denn praktisch alle Hochstämmer, die man damals für die Veredelung von kleineren Bäumen verwendete, enthielten Viren. Mit Sparmassnahmen des Bundes wurde das System so umgebaut, dass nur noch der Nuklearstock bei Agroscope besteht. Die Zwischenvermehrungsstufen liegen nun woanders, beispielsweise bei den Baumschulen. Und wenn die Obstproduzenten keine Zertifizierung nachfragen, dann macht sie der Baumschulist auch nicht.

Weshalb setzen nicht mehr Obstproduzenten auf die Zertifizierungsetikette?

Das ist wohl eine Generationenfrage. Unsere Väter und Grossväter kannten die Virosen noch. Die jungen Obstproduzenten wissen aber nicht mehr, wie sich eine solche Krankheit auswirkt und welche fatalen Folgen sie haben kann. Sie wiegen sich mit dem Pflanzenpass in einer falschen Sicherheit. Denn dieser berücksichtigt hauptsächlich die Quarantäneorganismen. Beim Pflanzenpass sind keine periodische Labortests vorgeschrieben wie bei der Zertifzierung. Deshalb ist das Befallsrisiko bei den GNQO bei nichtzertifiziertem Material höher.

Das hört sich nach Zeitbombe an.

Tatsächlich sind wir auf dem Weg zurück in die Zeit von vor 60 Jahren. Es wäre eminent wichtig, dass beispielsweise Reiser von Hochstammbäumen einer Wärmebehandlung zur Virusfreimachung unterzogen werden, bevor sie zur Veredlung weiterverwendet werden. Diese führen wir im Rahmen des Zertifizierungsvorgangs bei Agroscope durch, zurzeit übrigens gerade bei vier alten Obstsorten für die künftige Cider-Produktion. Diese werden dann drei Jahre lang mit Zeigerpflanzen auf alle möglichen Viren getestet.

Ist Steinobst anfälliger auf Krankheiten?

Beim Kernobst ist das Problem etwas weniger gross, weil sie sich in erster Linie über verseuchtes Pflanzenmaterial verbreiten. Das grösste Risiko ist hier der Baumschulist, wenn er mit Viren verseuchte Ware weitervermehrt. Beim Steinobst übernehmen die Verbreitung aber auch Nematoden, Pollen oder Blattläuse. Hat es hier kranke Bäume in der Anlage, verbreiten sich die Virus-Krankheiten deshalb sehr schnell weiter. Dies alles zeigt: Gesundes Ausgangsmaterial ist das A und O. 

* Markus Bünter ist der Leiter Forschungsgruppe Agroscope Pflanzenschutzdienst (APSD)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.