Platzierte Düngung: Ist weniger Stickstoff mehr?

Der effiziente Düngereinsatz wird in Zukunft an Bedeutung zunehmen. Dabei bieten sich technische Lösungen an, wie beispielsweise die platzierte Düngung. Einige Gemüsegärtner machen bereits gute Erfahrungen damit. 

Die Düngeverordnung in Deutschland plant in sogenannten roten Gebieten mit hoher Stickstoffbelastung eine pauschale Verringerung der Stickstoffzufuhr auf Gemüsekulturen von zwanzig Prozent. Ähnliche Pläne bestehen auf politischer Ebene auch in der  Schweiz. Was passiert also mit einem Blumenkohl, wenn er zwanzig Prozent weniger Stickstoff erhält, als unter normalen Umständen empfohlen? Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz testete dieses Szenario in verschiedenen Versuchen aus. Die Resultate waren ernüchternd: Durch die Stickstoffreduktion wurden die Blätter nicht ausreichend ernährt und fehlten so zur Bedeckung, was zur Gelbfärbung der Köpfe führte. «Unter diesen Umständen wird es schwierig, marktfähigen Blumenkohl zu produzieren», sagt Versuchsleiter Lothar Rebholz. Doch die deutschen Gemüsegärtner müssten eine Lösung finden: «Am Schluss ist es auch davon abhängig, ob die Abnehmer mitmachen». Lösungen sieht er vor allem in der vermehrten, gesplitteten Blattdüngung aber allenfalls auch in der präzisen Düngerplatzierung möglichst nah bei der Pflanze. Allerdings habe man im Vergleich zum Ackerbau im Gemüsebau hier noch eher wenig Erfahrung. Doch er weiss: «Zurzeit sind viele Gemüsegärtner in Deutschland am Pröbeln mit der platzierten Düngung». 

Cultan-Düngung im Gemüsebau

Lohnunternehmer Guido Steger. 

Landwirt und Lohnunternehmer Guido Steger aus Bellikon AG arbeitet seit 2006 mit dem Cultan-Verfahren (Aus dem englischen «Controlled Uptake Long Term Ammonium Nutritions», übersetzt «kontrollierte Langzeit-Ammonium-Ernährung»). Es handelt sich dabei um eine spezielle Art der Unterfussdüngung. Dabei wird flüssiges Ammonium-Sulfat in etwa 10 cm Entfernung von der Pflanze konzentriert als Depot in einer Tiefe von 5 bis 7 cm in den Boden eingespritzt. Steger setzt die Düngungsmethode vor allem in Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln ein, aber auch in Gras, Getreide und Raps. Grundsätzlich ist die Methode aber in praktisch allen landwirtschaftlichen Kulturen einsetzbar. Als Lohnunternehmer zählen deshalb auch Gemüsegärtner zu Stegers Kunden. Allerdings hielten sich diese gegenüber Kollegen in Sachen platzierte Düngung eher bedeckt. Weshalb? «Vermutlich, weil sie gut damit fahren, vor allem was die Qualität des Produktes anbetrifft», sagt er. Diesen Wettbewerbsvorteil wolle man wohl nicht so schnell preisgeben. 

Sternrad-Injektionsgerät für Cultan-Düngung.

Vorteile der platzierten Düngung

So viel vorweg: Steger ist in Sachen Cultan ein Überzeugungstäter. Eines seiner wichtigsten Argumente: «Im Vergleich zu breitgestreutem Dünger braucht es bis zu zwanzig Prozent weniger Stickstoff». Und: es gibt weniger Unkraut, weniger Erosion, weniger Nitratauswaschung, gesündere Pflanzen, mehr Humus. Wie ist das alles zu erklären? In wenigen Worten kaum. Steger macht trotzdem ein paar Erklärungsversuche. Der Stickstoff ist an der Wurzel der Pflanze, wo diese sie braucht und nicht an der Oberfläche, wo nur das Unkraut davon profitiert. Dank der punktuellen Injektion werden länger wirkende Depots mit Ammonium gebildet. «Von dort holt sich die Pflanze nur, was sie braucht», erklärt Steger. Er beobachtet zudem, dass die Pflanzen mit weniger Wasser auskommen. Und es komme zu keinem Luxuskonsum von Nitrat, was zu gesünderen Pflanzen führe. Ein weiteres Argument: Der Boden samt Mikroorganismen bleibe rund um das Depot mit den konzentrierten Nährstoffen weitgehend unangetastet, was letztlich gut für die Bodenstruktur sei. Nicht zuletzt werde wegen der sauren Wirkung des Ammonsulfats in den Mineralien gebundener Phosphor freigesetzt. Deshalb könne oft auf eine zusätzliche Phosphor-Düngung verzichtet werden. Viele weitere Faktoren entscheiden darüber, ob Cultan zum Erfolg führt. Das Wetter spielt ebenso eine Rolle wie die Bodenbeschaffenheit oder die Vorkultur. Für Steger ist klar: «Man muss sich an die Technik herantasten».  Die Technologie kann an Kulturen angepasst werden, beispielsweise in dem man anstatt flüssigen Dünger Körner direkt in den Boden einbringt. Jeder muss die richtige Lösung für seinen Betrieb selbst finden, Beratung gibt es nur wenig. 

Düngebalken mit Düngeschiebern zur Platzierung flüssiger Düngemittel nach dem Cultan-Verfahren.

Gemüsegärtner sind zurückhaltend

Trotz aller möglichen genannten Vorteile sind bisher nur wenig Gemüsegärtner bereit, sich auf das Thema Cultan einzulassen. Vielleicht haben sie auch Versuchsresultate von Agroscope aus dem Jahr 2013 im Kopf, in denen das Cultan-Verfahren mit herkömmlichen Düngungssystemen verglichen wurde. Dort wurden bei Cultan in den Ernteprodukten bei Weizen und Mais weder einen höheren Ertrag noch eine bessere Stickstoffausnutzung erzielt. Zudem konnten die Wissenschaftler keinen Depoteffekt nachweisen. Ein anderer Grund für das mangelnde Interesse könnte in den vermuteten höheren Kosten liegen, denn auch Steger verwendet ein spezielles Sternradinjektionsgerät, als einziger in der Schweiz übrigens in einer Breite von 9 Metern. Doch er winkt ab. Es brauche keine teuren Geräte: «Jeder Gemüsegärtner mit ein bisschen handwerklichem Geschick kann ein Injektions-Gerät relativ einfach an einem bestehenden Gerät anbauen». 

Deutliche Stickstoffreduktion in der Praxis

Der flüssige Dünger wurde über einen nachträglich angebrachten Injektionsschar auf der Setzmaschine direkt im Boden verteilt.
Diesen Tank verwendete Markus Fuchs  bis vor einem Jahr für Ammonium-Sulfat.

Gemüsegärtner Markus Fuchs aus Gempenach baute seine Setzmaschine um und montierte darauf einen kleinen Tank für den Flüssigdünger. Er arbeitete in den letzten beiden Jahren in seinen Freilandkulturen nach dem Cultan-Verfahren. Die Injektion mit dem Ammoniumsulfat erfolgte gleichzeitig mit dem Setzen neben dem Setzling. Er machte andere Erfahrungen wie die Forscher von Agroscope. Er konnte beachtliche Mengen an Stickstoff einsparen. Er reduzierte die sonst von den Beratern empfohlenen 280 Einheiten Stickstoff auf hundert. Mit dem für ihn verblüffenden Resultat, dass der Blumenkohl gleich gut gelang wie zuvor. Gleiches beobachtete er im Salat. Er ist zudem überzeugt: «Mit der platzierten Düngung wird weniger Nitrat ausgewaschen.» Trotzdem findet er, dass das Verfahren insbesondere auf grossen Parzellen nicht allzu praktisch ist, da dauernd jemand den «Saft» nachfüllen müsse. Ein Lohnunternehmen helfe bei mittelgrossen Betrieben auch nicht unbedingt weiter, weil dieser bei der im Gemüsebau üblichen gestaffelten Pflanzung viel zu oft auf den Betrieb kommen müsse. Um genug flexibel zu bleiben, müsse ein Gemüsegärtner deshalb fast ein eigenes Gerät haben. Für ihn ist das Thema allerdings vorläufig sowieso erledigt, weil er seinen Betrieb dieses Jahr auf Bio umstellte. 

Platzierte Düngung in Salat.

Allerdings würde sich die Injektionstechnik auch in Bio anbieten:  Gärgülle oder normale Gülle kann direkt in den Boden eingespritzt werden. Wenn es nach Steger geht, müssten eigentlich sogar das flüssige Ammonium-Sulfat auf der Biobetriebsmittel-Liste stehen. Schliesslich bezieht er einen grossen Teil von einer Schweizer Kläranlage, die es aus organischem Klärschlamm herstellt. Geschlossener kann ein Kreislauf ja eigentlich gar nicht sein.

  www.cultan.de

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