Rüebli soll Gurke schützen

Lidl Schweiz will die Haltbarkeit von Gemüse künftig mit einer Cellulose-Schutzschicht anstatt mit einer Plastikhülle erhalten. In den nächsten zwei Jahren werden nun Praxis-Tests dazu auf einem Gemüsebaubetrieb durchgeführt.

Unterschied nach sechs Tagen: Die Gurke rechts wurde mit dem Coating überzogen.

Über Sinn oder Unsinn von Verpackungen streitet sich die Gemüsebranche seit Jahren. Klar ist: Die Gesellschaft erwartet eine Reduktion von Verpackungsmaterial an der Verkaufsfront und meint dabei insbesondere Plastik. Deshalb erlebte der Offenverkauf in den letzten Monaten ein Revival, genauso wie Kartonschalen oder Netze aus Cellulose. Bekannt sind die dabei entstehenden Zielkonflikte: Unverpackte Gurken sind viel weniger lange haltbar, als umhüllt mit einer Plastikfolie, wodurch sie eher als Foodwaste enden. Oder alternative Verpackungsmaterialien schneiden in der ökologischen Gesamtbetrachtung gar nicht besser ab. Doch egal: Der Ruf von Plastik ist dahin. Ein Ausweg könnte eine auf pflanzenbasierte dünne Schutzschicht bieten. Forscherinnen und Forscher der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) entwickelten im Auftrag von Lidl Schweiz eine spezielle Cellulose-Schutzschicht, die auf Früchte und Gemüse aufgetragen werden kann. In einem Versuch mit Bananen konnte die Haltbarkeit um über eine Woche verlängert werden.

Aus Pressrückständen und Reststoffen

Als Ausgangsmaterial zur Herstellung der Schutzhülle dienten der Empa in der Vorstudie Karotten. «Die auch als «Coating» bezeichnete Beschichtung soll aus Lebensmittelreststoffen hergestellt und künftig in Lidl-Produkten verwendet werden», sagt Corinna Milz, Head of Corporation Communication and CSR & Sustainability bei Lidl Schweiz. Bisher seien diese Pflanzenrückstände in Biogasanlagen oder direkt auf dem Feld entsorgt worden. Tanja Zimmermann, Mitglied der Direktion der Empa sagt dazu: «Wir verfolgen mit unserer Forschung den Kreislaufgedanken und bringen Abfallmaterialien unter dem Motto «Rüebli schützt Gurke» eine neue Wertschöpfung.» Food Waste würde dadurch verhindert, und der Verbrauch erdölbasierte Verpackungsmaterialien reduziert.

Die Beschichtung kann je nach Produkt aufgesprüht oder in einem Tauchbad aufgetragen werden. Sie sei kaum sichtbar und könne problemlos mitverzehrt werden. Ob die Kundschaft dies auch tun wird, ist noch offen und soll in Test abgeklärt werden. In den USA ist das Coating bei Gemüse aber bereits in der Praxis angekommen. Dort beschichtet das kalifornische Unternehmen Apeel bereits seit ein paar Jahren Früchte und Gemüse für Supermärkte.

Auch Migros prüft Coating-Verfahren

Im Rahmen eines von der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse unterstützten Projektes wird der Einsatz der Cellulose-Schutzschicht in den nächsten beiden Jahren nun in der Praxis bei einem Früchte- und Gemüseproduzenten getestet, voraussichtlich bei Gurken und Karotten. Lidl ist nicht der erste Detailhändler in der Schweiz, der sich mit dem Coating-Verfahren auseinandersetzt. Vor zwei Jahren testete Migros zusammen mit der zuvor erwähnten US-Firma Apeel den Einsatz einer pflanzlichen Schutzschicht bei Avocados. Allerdings wurde die Zusammenarbeit inzwischen beendet, weil die spezifische Anwendung auf Avocados nicht die erhoffte Reduktion beim Food Waste brachte. Zwar habe sich die Haltbarkeit entlang der Lieferkette verlängert, allerdings sei der Beitrag zu gering ausgefallen, um bei der Lagerung zu Hause positive Effekte zu erzielen, schreibt Migros dazu. Das Coating-Verfahren werde aber weiterhin als vielversprechend angesehen, weshalb weitere Projekte in diesem Bereich verfolgt würden. 

www.bit.ly/lidl_coating 

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