Biostimulanzien: Welches Mittelchen darf es denn sein?

Produkte mit Pflanzen- und Bodenaktivatoren boomen.

Der Markt für Pflanzenaktivatoren oder Biostimulanzien wächst. Was die Produkte auf dem Feld bringen, ist unklar. Signifikant sind die Effekte zwar kaum. Experten sehen in ihnen höchstens eine Ergänzung zu üblichen Pflanzenschutzmassnahmen.

Wenn man die Pflanze schon nicht mehr vor dem Bösen schützen kann, dann soll sie wenigstens genug stark sein, um sich selbst besser gegen Schädlinge, Krankheiten oder Unkrautkonkurrenz wehren zu können. Im Zuge von Zulassungsrückzügen von Wirkstoffen oder Diskussionen um Nährstoffüberschüsse ist der Markt für sogenannte Biostimulanzien in den letzten Jahren weltweit stark am Wachsen. Die Produkte bestehen beispielsweise aus Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze oder aus Pflanzen- und Algenextrakten. Die Gruppe der Pflanzenstärkungsmittel ist aber sehr heterogen zusammengesetzt und kaum jemand hat den Überblick. Zwar benötigen sie auch in der Schweiz eine Zulassung gemäss Dünger-Verordnung und müssen im Produkteregister Chemikalien (RPC) eingetragen werden. Doch geprüft wird vor allem, ob das Produkt verbotene Substanzen enthält, aber nicht wie es wirkt. Das muss die Anwenderin oder der Anwender schon selbst herausfinden. 

Keine Wundermittel

Viele Gemüsegärtnerinnen und -gärtner sammelten in den letzten Jahren Erfahrungen mit Pflanzenstärkungsmitteln. Das Problem: deren Erfolge sind von vielen Faktoren abhängig und viel weniger gut voraussagbar wie beispielsweise bei herkömmlichen Pflanzenschutzmitteln. Die Wirkung von Pflanzenaktivatoren variiere stark je nach Zustand der Pflanze, Witterung, Stress oder der Verfügbarkeit von Nährstoffen, sagte Lucius Tamm vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) am Liebegger Tag der Spezialkulturen im März. In Studien können selten signifikante Wirkungen festgestellt werden. Trotzdem machen Gemüsegärtner auf ihren Parzellen immer wieder gute Erfahrungen mit Pflanzenstärkungsmitteln. Neben vielen zweifelhaften Produkten gebe es durchaus seriöse Produkte auf dem Markt, sagte Tamm. Allerdings ist er wenig euphorisch: Den Effekt auf Ertrag und Pflanzenschutzerfolg schätzt er auf maximal zwischen 10 und 20 Prozent. Es seien keine Wundermittel, sondern eine Ergänzung zu Pflanzenschutzmassnahmen, sagte er. 

Keine Wartefristen 

Auch Franco Schröttenthaler von der Green Pflanzenhandel GmbH verspricht seiner Kundschaft nicht das Blaue vom Himmel. Trotzdem ist er überzeugt, dass seine Produkte der Marke Multikraft den Gemüsegärtnern helfen würden. Es sei letztlich eine Frage von Kosten und Nutzen. Im Biobereich lohne es sich, wenn man mit den alternativen Mitteln ein paar der teuren Pflanzenschutzspritzungen einsparen könne. Im konventionellen Bereich liesse sich das Risiko von Rückständen reduzieren, weil Wartefristen wegfallen. Seine Produkte bestehen zum einen aus effektiven Mikroorganismen, welche die Entwicklung der Wurzeln und somit der Pflanzen verbessert. Zum anderen kommen Extrakte unter anderem aus Knoblauch, Schachtelhalm oder Brennesseln zum Einsatz. Grundsätzlich steht die Förderung der Pflanzengesundheit und des -wachstums im Zentrum. Doch Schröttenthaler relativiert: «Es ist klar, dass das bei einer Pflanze in einem schlechten Zustand nicht funktioniert». 

Entscheidet am Schluss der Boden?

Biogemüsegärtner Stephan Müller aus Steinmaur verwendet Multikraft-Produkte bei sich im Freiland und in den Gewächshäusern. Im ersten Jahr hätte er beispielsweise in Kohl gute Resultate erzielt. Allerdings sei dies dann ein Jahr später schon weniger der Fall gewesen. Eine signifikante Wirkung gebe es wahrscheinlich also nicht, sagt er. Er vermutet, dass äussere Umstände wie die Witterung oder die Qualität des Bodens eine wichtigere Rolle spielen. Denn in fruchtbaren Böden mit einer hohen mikrobiologischen Vielfalt ist die Stressresistenz von Pflanzen tendenziell grösser. Mikroorganismen spielen dabei eine wichtige Rolle. Diese spezifisch und gezielt für den Pflanzenschutz einzusetzen, bezeichnen Forscher wie Lucius Tamm aber als äusserst anspruchsvoll. 

Düngerrecht wird angepasst
Auf europäischer Ebene sind Pflanzen-Biostimulanzien ab 2022 in einer eigenen Kategorie in der EU-Düngerprodukteverordnung geregelt. Künftig müssen Biostimulanzien im Rahmen einer Konformitätsbewertung anspruchsvolle Qualitätskriterien erfüllen. Zudem arbeitet die Industrie daran, einheitliche EU-Normen zu schaffen, etwa zu Produktaussagen oder Wirksamkeits- und Qualitätskriterien. Damit erhofft man sich mehr Transparenz bei den Produkten. Die Schweiz wird rechtlich nachziehen und die Düngeverordnung entsprechend anpassen, sagt das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) auf Anfrage. 

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