CO2-Zertifikate für Humus als Zubrot

Im Baselbiet erhalten Bauernbetriebe von der Kantonalbank Geld, wenn sie mit speziellen Massnahmen den Humusgehalt auf ihren Ackerflächen erhöhen. Reich werden sie dabei zwar nicht, dafür wird der Boden fit gemacht für den Klimawandel. 

Zwischenbegrünungen sind eine wichtige Massnahme zur Bildung von Humus im Boden.

Fliegen ist schlecht fürs Klima. Damit man trotzdem mit reinem Gewissen den Ferienflieger besteigen kann, ermöglichen viele Gesellschaften, die entstehenden Emissionen mit Zertifikaten zu kompensieren. Das kostet für einen Flug nach Mallorca so um die 12 Franken pro Person. Wie das funktioniert? Die 0.427 Tonnen CO2, die in diesem Fall beim Verbrennen des Brennstoffs im Flugzeug pro Person entstehen, werden beispielsweise mit der Investition in ein Aufforstungsprojekt in Nicaragua ausgeglichen. Der Mechanismus: Das beim Wachstum der Bäume eingespeicherte CO2 gleicht den Ausstoss des Flugzeugs wieder aus. Obwohl dieses marktwirtschaftliche Instrument zur Vermeidung oder im idealen Fall zur Reduktion von Emissionen umweltökonomisch anerkannt ist, bemängeln Kritiker oft die fehlende Transparenz. Werden in Ruanda mit meinem Geld wirklich Solaröfen gekauft, welche die Abholzung von Regenwald verhindern? Mehr Klarheit versprechen regionale Kompensationsprojekte. Im Baselbiet kauft die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB) den Landwirten Zertifikate ab, wenn diese den Humusgehalt im Boden steigern.

Klimaschutz mit Carbon Farming

Die Böden sind der grösste terrestrische Kohlenstoff-Speicher. Die an der Pariser Klimakonferenz lancierte 4 Promille-Initiative geht davon aus, dass der CO2– Anstieg in der Atmosphäre vollständig gestoppt werden könnte, wenn der Kohlenstoffgehalt in den Böden jährlich um 4 Promille gesteigert werden würde. Das ist zwar etwas theoretisch und optimistisch, aber die Grundaussage stimmt. Klar ist: Die Landwirtschaft spielt dabei eine Hauptrolle. Die organische Substanz im Boden besteht etwa zur Hälfte aus Kohlenstoff. Oder: Je höher der Humusgehalt, desto mehr CO2 bleibt im Boden gespeichert. Hier setzt nun das sogenannte Carbon Farming an, das mit bestimmten Bewirtschaftungsmethoden die Kohlenstoffanreicherung in landwirtschaftlichen Böden gezielt fördert. Wird CO2 damit dauerhaft aus der Atmosphäre entzogen, wird das Klima entlastet. Daraus machte die BLKB ein Geschäftsmodell, wovon Bauernfamilien profitieren. Mit dem regionalen Projekt «Klimaschutz durch Humusaufbau» kompensiert die Bank seit diesem Jahr jährlich 1000 Tonnen CO2, die sie in ihren Gebäuden und im Geschäftsverkehr verursacht. Sie bezahlt Bauern in der Region pro Jahr 100 Franken pro Tonne zusätzlich gespeichertes CO2.  Für die Ausführung des vorerst auf sechs Jahre angelegten Projektes ist das Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung zuständig. Wissenschaftlicher Partner ist das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Der Bauernverband beider Basel und Bio Nordwestschweiz unterstützen das Projekt.

Lukas Kilcher vom Ebenrain betreut das baselbieter Humusprojekt.

Gestützt auf wissenschaftliche Versuche nimmt der Ebenrain an, dass pro ha und Jahr 1 Tonne CO2 gespeichert werden kann. Deshalb wurden 1000 Hektaren Fläche gesucht. 56 Betriebe mit 1136 Hektaren Flächen meldeten sich bis Ende Jahr bei Lukas Kilcher an. «Ich bin erfreut über die starke Beteiligung unserer Landwirte für das Projekt», sagt der Leiter des Ebenrains. Doch die Arbeiten stünden erst am Anfang. Es brauche vor allem Geduld. «Erst in ein paar Jahren werden wir sehen, ob und mit welchen Techniken es am besten gelingt, CO2 dauerhaft in Ackerböden zu speichern». Denn das ist gar nicht so einfach und vor allem aufwändig, wie der Besuch bei einen Carbon-Farmer vor Ort zeigt.

Carbon-Farmer in der Praxis

Bei Landwirt Martin Thürkauf in Oberwil BL ergab die mit Hilfe der Verbrennungsmethode von unabhängiger Stelle analysierte Bodenprobe einen Humusgehalt von rund zwei Prozent. Diese wurde im Rahmen des Baselbieter Humus-Projektes noch im letzten Jahr bei allen beteiligten Betrieben bestimmt, um eine Ausgangsbasis zu haben. Mit regelmässigen Messungen wird nun die Entwicklung im Boden verfolgt. Diese dient letztlich als Grundlage für die Auszahlung der Entschädigungen der BLKB. Zusammen mit einem Bodenspezialisten des Ebenrains bestimmte Thürkauf die Humusaufbau-Strategie für die nächsten Jahre, die sich bei ihm anbietet. Bei ihm sind das unter anderem Untersaaten in Mais und Getreide, Zwischenfrüchte, oberflächliche Bodenbearbeitung und der Verzicht auf den Pflug – wenn immer möglich. Zudem bringt er mit Hofdünger von den eigenen 36 Mastrindern, sowie Gärgülle aus der regionalen Biogasanlage zusätzliches organisches Material in den Boden. Das Projekt sieht ausserdem Massnahmen wie Mischkulturen, Direktsaat, Pflanzenkohle oder Agroforst vor. Thürkauf macht mit seinen 20 Hektaren Ackerbauflächen am Projekt mit. Nur diese – sowie Spezialkulturen wie Wein und Obst – kommen für das Humus-Projekt in Frage, da bei Dauerwiesen kaum Bodenbearbeitung stattfindet. Und diese entscheidet vor allem, ob Kohlenstoff entweicht, im Boden bleibt oder eben neu eingelagert wird.

Fruchtbarere Böden als Ziel
Martin Thürkauf vor einer missratenen Untersaat aus dem letzten Jahr in Mais.

Schon vor dem Baselbieter Humusprojekt beschäftigte sich Martin Thürkauf intensiv mit dem Thema Boden. Der IP-Suisse-Bauer besuchte Kurse zur «regenerativen Landwirtschaft». Obwohl die Inhalte dort im ersten Moment bei ihm schon etwas radikal und verrückt herübergekommen seien, habe es ihm schliesslich schon die Augen geöffnet. «Letztlich hängt ja fast alles vom Boden ab», sagt er. In den letzten Jahrzehnten habe man auch bei ihm mehr aus dem Boden rausgeholt als zurückgegeben. Mit dem Aufbau von neuem Humus will er den Prozess nun umkehren. «Mein langfristiges Ziel sind fünf Prozent Humusgehalt.» Er ist überzeugt, dass sich damit auch die Unkrautproblematik entschärft: «Ackerfuchsschwanz kommt vor allem vor, wenn zu wenig Bodenleben vorhanden ist.» Für ihn und die meisten anderen Projektteilnehmenden ist zudem der Klimawandel und die zunehmende regionale Wasserknappheit ein wichtiger Grund für den Aufbau von mehr Humus. Je höher der Gehalt, desto besser ist die Wasserspeicherfähigkeit.

Er selbst sei aber noch am Lernen, wie der Blick auf eine misslungene Untersaat in Mais aus dem letzten Jahr zeigt. Aus der Mischung ist nur das Gras mehr schlecht als recht aufgelaufen. «Das nächste Mal werde ich etwas tiefer säen, damit alle Arten besser keimen.» Am Humus-Projekt macht er nicht primär wegen der Abgeltung für die Zertifikate mit. Doch natürlich sei jeder Betrag willkommen, nur schon zur Deckung der Mehrkosten beispielsweise für die teuren Zwischenbegrünungen. Eine erste Tranche von 2000 Franken erhielt Thürkauf von der Bank beim Start. Zusätzlich werden innerhalb des Projektes die Kosten für die ersten beiden Bodenproben übernommen. Der Rest der Zahlung erfolgt wirkungsbasiert. Im optimalen Fall sind das für Thürkauf 12000 Franken in sechs Jahren.

Humus im Boden halten
Martin Thürkauf arbeitet die Gründüngung mit einer Schälfräse oberflächlich in den Boden ein.

Carbon Farming liegt im Trend und ist eine weltweite Erscheinung. In der Schweiz handelt auch die deutsche Firma CarboCert mit CO2-Zertifikaten aus dem Humusaufbau. Nach eigenen Angaben sind es dort bereits über 1000 Hektaren Schweizer Ackerflächen. Man sei an weiteren Flächen interessiert, heisst es auf Anfrage. Ob aus solchen Kompensationsprojekten ein grosser Klimaeffekt entsteht, ist in Fachkreisen umstritten. Es ist schwierig, denn dazugewonnenen Humus im Boden zu halten. Das sieht auch Lukas Kilcher so: «Es ist für jeden Betrieb eine Herausforderung und eine Kunst, die richtigen Methoden zu kombinieren, damit die Humusaufbau-Bilanz am Ende wirklich positiv ausfällt.» Das Grundziel sei aber letztlich die Stärkung der Resilienz der landwirtschaftlichen Böden und damit die Sicherung der Erträge im sich wandelnden Klima. Im Engagement der Bank sieht Kilcher vor allem auch eine Wertschätzung für die Bemühungen der Bauernbetriebe in der Region. Er finde es zudem sinnvoller, CO2 in regionalen, anstatt in nicht immer transparenten internationalen Projekten CO2 zu kompensieren. Eine Spezialität des Baselbieter Projekts ist zudem, dass die Auszahlungen wirkungsbasiert erfolgen, also nur, wenn tatsächlich mehr Humus gebildet wird. Das ist ein anderer Ansatz als in Humusprojekten in anderen Kantonen, wo bereits für die Ergreifung von Massnahmen Geld fliesst.  

CO2-Zertifikate: Verpflichtend oder freiwillig

Es gibt zwei Märkte für den Handel von CO2-Zertifikaten. Der verpflichtende Markt bietet Zertifikate an, die Unternehmen von Gesetzes wegen – beispielsweise wegen Verpflichtungen aus dem Kyoto-Klimaabkommen ­– im Rahmen des Europäischen Emissionshandelsystems einkaufen müssen, um ihre Emissionen zu kompensieren. Das Gesetz regelt dabei die Zertifizierungsanforderungen. Im «freiwilligen» Markt decken sich Unternehmen oder Private aus Imagegründen mit Zertifikaten ein, um ihre Emissionen zu kompensieren. Obwohl es auch hier offizielle Zertifizierungen gibt, können die Rahmenbedingungen von den Partnern selbst festgelegt werden, wozu auch die Preisbildung gehört. Die Humusbildungsprojekte sind bis jetzt Teil dieses Marktes.

Link zu Interview mit Markus Steffens (Leiter Gruppe Bodenfruchtbarkeit & Klima am FiBL)

Faktenblatt Humus und Klima Agridea

Klimaschutzprojekt Ebenrain

www.carbocert.de

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