«Jemand musste Ruhe hereinbringen!»

Marco Bassi ist seit Anfang Jahr neuer Direktor bei der Tessiner Produzentenorganisation FOFT. Er will das Unternehmen nach turbulenten Zeiten wieder in ruhigere Gefilde führen. Und er denkt bereits an seine Nachfolge.

Der in der Tessiner Gemüsebranche tief verwurzelte Marco Bassi hat Anfang Jahr die Führung der FOFT in Cadenazzo übernommen

Herr Bassi, von aussen betrachtet überraschte Ihre Wahl zum neuen Geschäftsführer von FOFT (Federazione Orto-Frutticola Ticinese). Weshalb stellten Sie sich für diesen Job zur Verfügung?

Marco Bassi: Der bisherige Stelleninhaber Paolo Bassetti wurde Ende Mai pensioniert. Die Suche nach einer geeigneten Person war äusserst schwierig, es gingen kaum brauchbare Bewerbungen ein. Trotzdem wurde im letzten Herbst ein Nachfolger bestimmt, dieser warf aber bereits in der Probezeit wieder das Handtuch. Dies geschah alles in einer für FOFT sehr schwierigen Zeit. Um wieder auf Kurs zu kommen, mussten wir im letzten Jahr Personal reduzieren und ein Sparprogramm einführen, wovon alle betroffen waren. Es herrschte entsprechend viel Unsicherheit bei den FOFT-Mitarbeitern in Cadenazzo und bei den Genossenschaftern. Das Ganze gipfelte im Austritt des langjährigen Genossenschaftsmitglieds Agrotomato SA aus der FOFT. Es brauchte in dieser Situation einen Geschäftsführer, der die Führung übernahm und Ruhe hereinbringen konnte. 

Da brachten Sie sich ins Spiel. Sie gelten als wichtige Nummer im Tessiner Gemüseanbau und sind selbst Genossenschafter bei der FOFT. Gab es hier keinen Interessenkonflikt?

Fakt ist, dass ich meinen Betrieb schon vor drei Jahren meinem Sohn übergeben habe. Es ist unbestritten, dass eine gewisse Nähe besteht, schliesslich wohne ich immer noch auf dem Betrieb. Ich legte die Karten deshalb offen auf den Tisch. Und schliesslich war ich bereits acht Jahre Präsident der FOFT, wo eine ähnliche Situation bestand. Der Vorstand diskutierte das Ganze tatsächlich sehr intensiv. Für mich war klar, dass ich den Job nur antreten würde, wenn ich von diesem einstimmig gewählt würde. Das war dann auch der Fall. Letztlich ging es darum, zu verhindern, dass Personal verloren geht oder weitere Produzenten die FOFT verlassen würden.

Wie schwer hat Sie den Austritt von Agrotomato SA getroffen?

Er hat uns alle überrascht. Der Urgrossvater der beiden heutigen Agrotomato-Besitzer Davide und Mattia Cattori gründete einst die FOFT. Ihr Grossvater Carlo war sogar während vielen Jahren Präsident. Offenbar waren sie aber unzufrieden mit der Situation bei FOFT und den möglichen Folgen, die daraus für ihren Betrieb entstanden. Sie haben sich für den Alleingang entschieden, das ist ihr Entscheid. Ich selbst bin überzeugt, dass die Tessiner Gemüseproduktion nur geeint eine Zukunft hat. Auch deshalb habe ich den Job als FOFT-Geschäftsführer angenommen. 

Aus der Praxis für die Praxis: Marco Bassi kann es nicht lassen, zwischendurch selbst Hand anzulegen.

Welche Ziele verfolgen Sie mit der FOFT?

Zuerst möchte ich klarstellen, dass ich mich nicht als Übergangslösung betrachte, wie das vielleicht von aussen den Anschein machen könnte. Zuerst geht es darum, regelmässig schwarze Zahlen zu schreiben, was uns dank den eingeleiteten Massnahmen schon im letzten Jahr gelang. Zusätzlich wollen wir die FOFT wieder besser am Markt positionieren und konkurrenzfähig bleiben. Langfristig möchte ich dann einen Nachfolger aufbauen, der mich in ein paar Jahren ablösen und die FOFT in eine gute Zukunft führen kann.

Was sind die grössten Herausforderungen der Tessiner Gemüsebranche?

Da wären beispielsweise die hohen Transportkosten also Folge unserer geographischen Lage ennet des Gotthards. Hat es wie nach Auffahrt 17 Kilometer Stau, müssen unsere Lastwagen über den San Bernardino fahren, was zwei Stunden länger dauert als üblich. Die Abnehmer bestellen aber um 11.00 Uhr, die Ware muss um 15.00 Uhr in Zürich abgeliefert werden. Hier müssen wir uns gut organisieren, damit die Camions rechtzeitig ihr Ziel in der Deutschschweiz erreichen. Schliesslich geht 70 Prozent des FOFT-Gemüses dorthin. Ein anderes Problem: Im Vergleich zur Deutschschweiz können sich unsere Betriebe weniger gut entwickeln, weil das kultivierbare Land viel knapper ist. Hier kann man nicht einfach zum nächsten Bauern gehen, um eine Hektare Herbstzucchetti zu pflanzen. Ansonsten kämpfen wir wie alle Gemüsegärtner in der Schweiz mit den tiefen Abnahmepreisen. 

Früher wartete die ganze Schweiz auf die ersten Tomaten aus dem Tessin. Inwiefern spielt das warme Frühlingsklima in der Vermarktung noch eine Rolle?

Beim Gewächshausgemüse keine mehr. Beim Freilandgemüse gibt es noch Vorteile. Gerade jetzt (Anfang Juni) sind wir mit Zucchetti schon voll auf dem Markt, währenddem es im Norden erst langsam anläuft. Solche Phasen von einer Woche oder zehn Tagen müssen wir künftig noch konsequenter ausnutzen. Wir müssen deshalb immer schauen, dass wir möglichst früh am Markt sind. Sobald wir in Konkurrenz mit der Deutschschweiz stehen, wird es wegen den höheren Transportkosten schwierig. 

In Cadenazzo betreibt die FOFT einen eigenen Hofladen sowie einen Lieferservice.

Inwiefern ist die Tessiner Gemüseproduktion vom Migros-Entscheid betroffen, in fünf Jahren nur noch Gewächshausgemüse aus fossilfreier Beheizung anzunehmen?

Die meisten modernen Gewächshäuser im Tessin nutzen die Abwärme der Kehrichtverbrennungsanlage. Auf dem Betrieb meines Sohnes haben wir ein Projekt mit einem Blockheizkraftwerk, das mit gebrauchtem Speiseöl betrieben wird. Einige Produzenten schauen nach Lösungen mit Holzschnitzelheizungen. Problematisch wird es bei den Folientunnels. Allerdings rentiert die Produktion von Salaten in den Herbst- und Wintermonaten im beheizten Tunnel schon länger nicht mehr und wird sowieso nicht mehr gemacht. Die Anforderungen von Migros erfüllen wir deshalb wohl bereits zu einem grossen Teil.

Wie schwierig ist die Rekrutierung von Erntearbeitern im Tessin?

Schwierig ist wie gesagt die Rekrutierung von gut ausgebildeten Fachkräften. Für einfachere Arbeiten leiden wir kaum an Personalmangel, wie dies in anderen Ländern der Fall ist. Wir profitieren dabei von der Nähe zu Italien, von wo auch viele unserer Arbeiter bei der FOFT kommen. In Italien verdient ein Arbeiter durchschnittlich 1500 Euro – wenn er überhaupt einen Job hat. Deshalb ist für ihn auch der landwirtschaftliche Mindestlohn von knapp 3300 Franken in der Schweiz interessant. 

Er kauft dann aber günstiger in Italien ein?

Der Einkaufstourismus trifft den Kanton Tessin schweizweit am meisten, das ist bekannt. Schliesslich haben wir nur Grenzen um uns herum. Machen kann man da wenig, kommt dazu, dass auch für immer mehr Tessiner der Geldbeutel wichtiger ist als die regionale Produktion von Gemüse. 

Sie diskutieren gegenwärtig bei FOFT über neue Zukunftsvisionen. Ein aktuelles Projekt ist www.portoacasa.ch. Wie entwickelt sich die Online-Plattform für Gemüse?

Wir betreiben sie seit vier Jahren. Sie rentiert noch nicht, die Programmierung und die Software sind sehr aufwändig und teuer. Wir betrachten es aber als Zukunftsprojekt, weil wir daran glauben, dass der Onlinehandel auch in unserem Bereich wichtiger wird. Wir wollen – wenn es soweit ist –, optimal positioniert sein. 

Marco Bassi (54) ist seit Anfang Jahr Geschäftsführer der FOFT (Genossenschaft der Tessiner Gemüse- und Früchteproduzenten). Zuvor baute er in dreissig Jahren den grössten Gemüsebaubetrieb im Tessin auf, ist Präsident einer Biorecycling-Firma, im Verwaltungsrat der Biogas Ticino AG  sowie Besitzer eines Hotels in S.Antonino. Die Genossenschaft (FOFT) wurde 1937 von 400 Gemüseproduzenten gegründet. Heute sind es noch 34 Genossenschafter. Rund 75 Prozent der Tessiner Gemüseproduktion sind in der FOFT vertreten.  
www.tior.ch

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