Konservierender Gemüseanbau: Bodenbewegungen reduzieren

Reduzierte Bodenbearbeitung ist in der übrigen Landwirtschaft so etwas wie das Gebot der Stunde. Versuche und Erfahrungen von einzelnen zeigen, dass dies auch in langdauernden Gemüsekulturen wie Kohl bereits funktioniert. 

Der Kohl wurde direkt in einen mit Strip-Till angelegten Streifen zwischen dem mit der Messerwalze abgelegten Grünschnittroggen gesetzt. 

Pflug, Grubber, Kreiselegge und zum Abschluss möglicherweise noch eine Bodenfräse sind die Mittel der Wahl bei der üblichen gemüsebaulichen Bodenbearbeitung. Ein möglichst «sauberer» Gemüseacker bietet immer noch die beste Umgebung, für eine optimale Entwicklung der Kulturen, um die verlangten Anforderungen der Abnehmer zu erfüllen. Aus Sicht des Bodens ist jede künstlich herbeigeführte Bewegung allerdings problematisch: Humus wird abgebaut, das Bodengefüge gerät durcheinander, Erosionsschäden können entstehen. Kurz: Die Fruchtbarkeit des Bodens leidet. Die Gemüsegärtnerinnen und -gärtner befinden sich hier in einem klassischen Dilemma. Um dieses zu überwinden, experimentieren viele von ihnen mittlerweile mit bodenschonenden Massnahmen wie beispielsweise der Direktsaat. 

Die Messerwalze legt die Gründüngung ab, die Kultur wird in einen Streifen dazwischen gesetzt.

Kaum konservierender Gemüsebau

Einen konsequenten Ansatz bietet das Konzept der konservierenden Landwirtschaft (CA), mit seinen drei geltenden Grundpfeilern der Bodenruhe, Bodenbedeckung und Pflanzenarten-Vielfalt. Weltweit seien Anbausysteme nach diesem Prinzip bereits weitverbreitet, sagt Reto Minder. Der Präsident von Swiss No-Till ist in der Branche bekannt als Rosenkohlproduzent mit pfluglosem Verfahren. CA wird allerdings international vor allem im Ackerbau angewendet, in Spezialkulturen wie Gemüse noch kaum. Denn CA verlangt langfristiges Denken und Ausdauer. Beim intensiven Anbau von Gemüse regieren aber Kurzfristigkeit und Risiko­minimierung, zudem müssen Zeitfenster eingehalten werden. Trotzdem ist Minder überzeugt, dass sich zumindest einzelne Komponenten von CA auch bei Gemüse anwenden liessen. «Viele säen ja auf ihre Flächen beispielsweise bereits Gründungsmischungen zur Winterbedeckung aus.» 

Der Weltkongress der Konservierenden Landwirtschaft (8WCCA) hätte im Juni eigentlich in der Schweiz stattfinden sollen, wurde aber wegen Corona ins Internet verschoben. Im Rahmen des Kongresses organisierte Swiss No-Till auf dem Gelände des landwirtschaftlichen Betriebes der Justizvollzugsanstalt Witzwil trotzdem zusammen mit Partnern spezielle CA-Feldtage mit Demoparzellen. Auf zwei Flächen wurden Kohl und Batavia-Salate nach CA-Prinzipien angebaut. Dabei zeigte sich: Das Ganze funktioniert in länger stehenden Kulturen wie Kohl ganz gut, bei den Salaten ist man aber noch ein paar Schritte von der Praxistauglichkeit entfernt.

Mittel gegen Wasserknappheit

Für die Gestaltung der Gemüsebau-Demoparzellen in Witzwil war das Inforama Seeland zuständig. Ein Tag nach der Herbizidbehandlung wurde am 20. Mai der Grünschnittroggen mit der Messerwalze abgelegt, danach mit Strip-Till ein Pflanzenstreifen dazwischen angelegt und gewalzt. Aus praktischen Gründen wurden nicht die üblichen Erdpresstöpfe verwendet, sondern für flachwurzelnde Salate eher suboptimale Super Seedlinge. Obwohl sich die Batavia-Salate zwischen der «Roggenstroh-Matratze» trotzdem gar nicht so schlecht entwickelten, ist für Martin Freund vom Inforama klar: «Jeder Gemüsegärtner, der auf diese in 75 cm Abstand gepflanzten Reihen mit den unterschiedlich grossen Salaten schaut, würde mit dem Kopf schütteln». Nur schon arbeitstechnisch sei das unrealistisch, sagte der Standortleiter am Inforama Seeland im Rahmen einer Präsentation der Demofelder in Witzwil. Doch der Blick unter die Strohmatratze zeigte, dass sich dort die Feuchtigkeit trotz den trockenen Bedingungen im Boden halten konnte. Und obwohl man auf eine zusätzliche Herbizidanwendung verzichtet habe, liess sich das Unkraut zwischen den Reihen gut unterdrücken. Letztlich ginge es darum, solche Aspekte im künftigen Anbau miteinzubeziehen, sagt Freund. Jeder kenne schliesslich die aktuellen Diskussionen über Pflanzenschutzmittel und knapper werdende Wasserressourcen, für die Lösungen gefunden werden müssten. 

Martin Freund und Reto Minder finden unter dem Mulch viel Feuchtigkeit. 

Beim Kohl praxistauglich

Was in kurzen Kulturen wie Salaten noch nicht optimal funktioniert, geht bei länger im Feld stehenden Kulturen wie Kohl schon deutlich besser. Das zeigt der Blick auf die Nachbarparzelle auf dem Demofeld in Witzwil, wo dann auch die Pflanzabstände etwas näher bei den üblichen Normen liegen. Zwar hält die Weisse Fliege langsam Einzug, doch beispielsweise bei den Erdflöhen beobachtet Reto Minder, dass diese in den Mulchschichten offenbar genug Nahrung finden, und die Kultur deshalb weniger befallen würden. In Witzwil wurde dem Kohl bei der Pflanzung etwas Dünger gegeben und zuvor ein Vorauflaufmittel nur über den schmalen Pflanzstreifen gespritzt. Auch hier schützt die Mulchschicht aus Grünschnittroggen zwischen den Kulturen zuverlässig vor Verdunstung. 

Technisch funktioniert es bei Salaten, doch an der Praxisreife muss noch gearbeitet werden.

Währenddem für die Direktsaat für Kulturen wie Mais oder Weizen genug Maschinen auf dem Markt verfügbar sind, fehlt es an solchen für gesäte Gemüse und gepflanzte Kulturen. Auf den Demoflächen wurde eine von Reto Minder deshalb für CA leicht angepasste sonst handelsübliche Speedy-Pflanzmaschine verwendet. Sie ist mit einem Wassertank ausgerüstet, welche den Setzling jeweils mit der für das Anfangswachstum nötigen Sprutz Wasser versorgt. «Diese rund 3000 Liter pro Hektare reichen für das Anwachsen vollständig aus», erklärt Minder. 

Auch in gesäten Kulturen

Reto Minder ist in Sachen CA ein Überzeugungstäter. Er baut bei sich in Jeuss FR auf zehn Hektaren Rosenkohl seit Jahren ohne Pflug an und ist überzeugt: «In gepflanzten, längeren Gemüsekulturen ist das System praxistauglich.» Doch der Weg dorthin sei relativ lang. Es brauche mindesten fünf Jahre, bis sich die ersten Resultate im Boden nach einer Umstellung bemerkbar machten. Er stelle aber bei der Bodenbearbeitung bereits ein Umdenken in der Branche fest. Auch weil immer mehr Gemüse in Erosionsgefährdeten Hängen angebaut werde. 

Für Martin Freund gehe es nicht primär darum, ganz auf die Bodenbearbeitung zu verzichten, sondern diese zu optimieren respektive zu reduzieren. Am Inforama läuft bereits seit vier Jahren ein Versuch, in dem reduzierte Bodenbearbeitungsmethoden untersucht werden. Und die daraus ebenfalls in Witzwil vorgestellten Resultate sind durchaus ermutigend, selbst in einer gesäten Kultur wir Karotten. Für diese wurde der Damm direkt aus der Gründüngung geformt – ohne Pflug und Grubber. «Die Erträge im konventionellen und reduzierten Verfahren waren ebenbürtig.» In den Versuchen gehe es grundsätzlich darum, praxistaugliche Methoden zu entwickeln, die auch konkurrenzfähig sind. Zweifellos ein anspruchsvolles Unterfangen, solange sich die Preisspirale bei den Abnehmern weiterhin wie aktuell vor allem nach unten dreht. Denn die in CA angestrebte «Extensivierung» einer Gemüsefruchtfolge kostet letztlich Ertrag und Geld, was irgendwie eingepreist werden müsste.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.