Online-Handel: Wird E-Gemüse nun salonfähig?

Während dem Corona-Lockdown im Frühling nahm der Online-Handel von Gemüse sprunghaft zu. Einige Gemüsegärtner nutzten die Gelegenheiten für einen eigenen Webshop. Doch es gibt auch andere Online-Absatzkanäle. 

Karotten online einkaufen? Bis Anfang Jahr kam in der Schweiz noch kaum jemand auf diese Idee. Doch während dem Corona-Lockdown igelten sich die Leute erstmals in ihren Wohnungen ein, mieden Menschenansammlungen in Supermärkten und waren überhaupt sehr verunsichert. Irgendwie logisch, dass man seine Haushaltartikel und vor allem die Lebensmittel in dieser ungewohnten Situation «ohne Risiko» in Online-Shops bestellte und sich nach Hause liefern liess. Die grossen Anbieter wie leShop oder coop. ch stiessen schnell an ihre Grenzen. Bei den tagelangen Lieferfristen sprangen dann einige Gemüsegärtner in die Bresche, manche stampften Online-Shops aus dem Boden andere bauten bestehende Angebote aus. Obwohl sich die Lage im Sommer wieder normalisiert hat, wurde klar: Die Corona-Pandemie hat den Online-Lebensmittelhandel aus dem Dornröschenschlaf geholt. Es gibt verschiedene Wege, wie Gemüsegärtner vom Online-Handel profitieren können: Direkt an einen Online-Händler liefern, eine bestehende Shop-Software übernehmen oder selbst einen Online-Shop programmieren beispielsweise. 

Direkt an den Online-Händler liefern

Gemüse auf farmy.ch

Mit Farmy.ch ist seit 2014 ein Online-Shop am Start, der sich die Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben hat und über 8000 «faire» Produkte von meistens regionalen Lieferanten anbietet. Darunter ist auch Gemüse. Einer der grössten Lieferanten ist Bioland Agrarprodukte der Familie Müller in Steinmaur. «Mittlerweile erzielen wir einen anständigen Umsatz auf Farmy.ch», sagt Betriebsleiter Stephan Müller. In diesem Jahr hätten sich die Mengen verdoppelt. Am Anfang brauchte es allerdings etwas Geduld, weil der Aufwand für die Bereitstellung der Produkte sehr zeitintensiv war. Doch mit der Zunahme des Absatzes habe sich das geändert. Jeweils um Mitternacht schickt Farmy.ch die am Tag eingegangenen Bestellungen an Müller. Um sechs Uhr morgens wird die Ware gerüstet, um 7.30 Uhr abgeholt und nach Zürich geliefert. Für ihn hat sich die Geduld also ausbezahlt. Andere Gemüsegärtner wie beispielsweise Thomas Käser aus Birmenstorf AG sind mittlerweile aber als direkte Lieferanten bei Farmy.ch ausgestiegen. Der Aufwand für das Rüsten und Ausliefern sei in keinem günstigen Verhältnis gestanden, sagt er. Trotzdem landet sein Gemüse immer noch auf der Plattform, nun allerdings via einen Händler. Die Mengen seien aber überschaubar. Stephan Müller ist aber überzeugt, dass der Online-Handel auch für die Gemüsebranche an Bedeutung gewinnen wird. Farmy bestätigt, dass die Umsätze bei Gemüse während der Corona-Zeit stark angestiegen sind. Anfragen potentieller Produzenten nehme das Einkaufsteam gerne via E-Mail-Adresse produzent@farmy.ch entgegen, schreibt das Unternehmen auf Anfrage.

Shop-Software aus der Branche

Beim Konzept von Saisonbox wird vor allem mit Apps über das
Mobiltelefon gearbeitet.

Gemüsegärtner Markus Bernhardsgrütter aus Gossau SG ist ein Pionier in Sachen Online-Shop. Zusammen mit Matthias Ruoss gründete er vor fünf Jahren die Firma «Saisonbox gmbh» und entwickelte die eigene Shop-Software, ganz nach den Bedürfnissen von bäuerlichen Direktvermarktern. Die Idee: auch andere Anbieter sollen von der Software profitieren können. Aus der Branche für die Branche ist das Motto. Die Zielgruppe sind Direktvermarkter, die nicht viel Zeit und Lust haben, sich mit dem Aufbau und Betreuung einer Shop-Software herumzuschlagen aber trotzdem ihre Salate und Sellerie auch online anbieten wollen. Mit dem Konzept der Saisonbox steht quasi ein Rundum-Sorglos-Paket zur Verfügung. Eigentlich muss der Produzent nur noch seine zu verkaufenden Produkte via die Produzenten-App auf seinem Handy eingeben. Das können Gemüseabos oder auch einzelne Artikel sein. Einen Tag vor seinem gewählten Auslieferungstag erhält er von Saisobox eine Liste mit den Bestellungen und Lieferscheinen. Ausliefern kann er die Ware entweder selbst mit Hilfe der speziellen Driver-App, die ihm die effizienteste Route zusammenstellt oder er wählt die Option Ausliefern mit der Post. Zur App gehört auch ein Gebindemanager. Das Inkasso übernimmt die Saisonbox GmbH, für die Umtriebe zieht sie vom erzielten Umsatz eine Marge im tiefen zweistelligen bis einstelligem Prozentbereich ab. «Dazu unterstützen wir unsere Kunden mit diversen Marketinginstrumenten», erklärt Markus Bernhardsgrütter. Das Konzept sieht die Bildung von Saisonbox-Regionen vor, um den lokalen Aspekt zu bewahren und den Transportaufwand im Rahmen zu halten. Mittlerweile stehen neun Standorte in der ganzen Deutschschweiz zur Verfügung. Einer befindet sich bei Bernhardsgrütter selbst. «Unsere tägliche Erfahrung auf dem eigenen Betrieb fliesst laufend in die Optimierung der Software ein.» Einen zusätzlichen Schub erhofft er sich von der seit Kurzem bestehenden Partnerschaft mit der nationalen Plattform «vomhof.ch» vom Schweizer Bauernverband. 

Eigenen Shop betreiben

Jörg Friedli und Doris Hug-Friedli bieten Gemüse im eigenen Webshop an und liefern die bestellte Ware täglich aus.

Gemüsegärtner Jörg Friedli aus Wohlenschwil AG nutzte den Lockdown, um die bereits seit längerem bestehende Idee von mehr Direktvermarktung über das Internet zu verwirklichen. Ein verwandter Webdesigner stampfte für ihn in zwei Wochen einen Webshop aus dem Boden. Sein Vorteil war, dass zum Familienbetrieb auch ein Handelsbetrieb zählt. Synergien können optimal genutzt werden. Eigene Chauffeure beliefern schon seit Jahren täglich Gastrobetriebe mit dem selbst produzierten Gemüse, erweitert mit auf dem Engrosmarkt in Zürich zugekauften Produkten. Friedli hält wenig von fix zusammengestellten Gemüsekisten:  «Die Wahrscheinlichkeit ist zu gross, dass etwas dabei ist, das dem Kunden nicht passt». In seinem Online-Farmers-Markt bietet er deshalb 250 frei wählbare Artikel an. Wer bewusst Produkte vom Betrieb in Wohlenschwil möchte, wählt die Kategorie «Friedli Eigenanbau». Friedlis Schwester Doris Hug-Friedli führt die eingegangenen Bestellungen auf einer Liste zusammen. Bestellungen im Shop sind bis um 20.00 Uhr möglich, ausgeliefert wird am nächsten Tag von Montag bis Samstag.

Aufwand nicht unterschätzen

Anspruchsvoller wird es für Gemüsegärtner, die nicht auf eigene Handels- und Logistikstrukturen zurückgreifen können. Direktvermarkter Philipp Riem aus Kirchdorf BE beispielsweise vertreibt seine Bioprodukte und mittlerweile bis zu 500 weitere Biolebensmittel von einem Händler seit sechs Jahren online. Gestartet sei er einst mit einer Excel-Liste, die er per Mail verschickt habe. Seit 2019 mietet er eine Shop-Software in Deutschland. Für monatlich 450 Franken Gebühren erhält er eine Komplettlösung, inklusive System für Lieferscheine, Rechnungen, Inkasso sowie einem Touren-Planer. Die Software nehme ihm viel Arbeit ab und garantiere eine gewisse Sicherheit, sagt Riem. Aber natürlich sei das schon viel Geld. Das lohne sich erst ab einem gewissen Kundenstamm. Diesen aufzubauen sei sicher eine Geduldsarbeit.Die meisten seiner Online-Kunden würden ein «Bioriem-Chischtli» bestellen und dieses mit weiteren Produkten ergänzen. Rund 200 Lieferungen führt er wöchentlich in der Region durch. Erst seit diesem Jahr verlangt er pro Lieferung fünf Franken. Die Margen seien sonst einfach zu tief gewesen, sagt er.  «In den ersten Jahren verdient man kaum etwas mit einem Webshop.» Der Aufwand für dessen Betreuung mit allem Drum und Dran sei fast ein Fulltime-Job, sagt er. Doch der Online-Teil gehöre auf dem Familienbetrieb zum Mix aus Wochenmarkt und Hofladen, erklärt er. Man müsse dies als Einheit betrachten. Neueinsteiger warnt er davor, den Aufwand zu unterschätzen.

Online-Shop von Riem Gemüse

Der Online-Handel erhielt während dem Lockdown kurzfristig einen mächtigen Schub. Viele Neueinsteiger wurden quasi über Nacht gezwungen, erstmals Lebensmittel über das Handy oder den Bildschirm zu bestellen. Einige von ihnen dürften damit längerfristig auf den Geschmack gekommen sein. Obwohl sich der Boom wieder abflachte, dürfte dieser Absatzkanal in einer zunehmend digitalisierten und dezentralisierten Welt für die Gemüseproduktion wichtiger werden. Erst einmal wohl vor allem als Ergänzung zu den bestehenden Vermarktungsstrukturen. Das macht auch Sinn, weil Gemüse ja letztlich immer noch ein physisches Produkt ist und nicht wie Software heruntergeladen werden kann.  

  www.saisonbox.ch/neuer-Standort/

  www.farmy.ch

  www.farmersmarkt.ch

  www.bioriem.ch

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