«Gemüse retten» finden nicht alle cool

Foodwaste verhindern tönt gut. Immer mehr Gemüsegärtner nutzen dies für ihre Zwecke und organisieren Anlässe, an denen sie ihre überschüssige Ware günstig verkaufen. Das kommt in der Branche nicht überall gut an. 

Walter Maurer verkaufte Kartoffeln und Karotten für 1.50 Franken pro Kilo. 

Dicht gedrängt stehen Auto an Auto auf der Quartierstrasse zum Hof von Walter Maurer in Kölliken AG. Trotz regnerischem Wetter folgen an diesem Tag im Oktober Hunderte dem Aufruf in der regionalen Zeitung, ausgerüstet mit Kisten, grossen Säcken oder Migros-Einkaufswagen. Die Schlagzeile: «Wegen Corona bleibt der Biobauer auf seinen Kartoffeln und Rüebli sitzen.» Der Beitrag wird auf Facebook über 600 Mal geteilt. Solche «Gemüserettungs-Aktionen» verbreiten sich seit ein paar Jahren vor allem über die sozialen Medien. In den Kommentaren schieben die Corona-Skeptiker die vermeintliche Misere wenig überraschend den Angstmachern der Politik in die Schuhe. Zusätzliche Unterstützung erhalten sie von der Journalistin, die im Artikel schreibt, dass es wegen Corona weniger Pommes-Frites brauche und den Eindruck erzeugt, dass Maurer auch deshalb die Kartoffeln nicht abbringt. Doch das spielt in diesem Fall keine Rolle, da Maurer nicht für diesen Markt produziert. Die Autorin habe hier wohl etwas falsch verstanden, sagt Maurer. Eigentlich geht es vor allem um Kartoffeln, die von den Grossverteilern wegen Drahtwurmschäden abgelehnt wurden.

Der tiefe Preis zieht

Eine Dame greift gerade nach den «schöneren» Karotten. Der Preis ist attraktiv: Alles kostet an diesem Tag 1.50 Franken pro Kilo – ungewaschen. Sie unterstütze so den Bauern in seiner schwierigen Situation, sagt sie. Überhaupt sei es doch ein Unding, wenn diese Ware fortgeworfen werde. Sonst kaufe sie Gemüse auf dem Wochenmarkt in Aarau ein. Und was ist mit dem Direktvermarkter, der dort nun leer ausgeht? So sei halt der Markt, antwortet ihr Mann geradeaus. Auch im TV-Beitrag des Regionalsenders sagt eine Einkäuferin spontan, dass sie hier sei, weil die Ware erstens günstiger sei, zweitens länger haltbar und drittens die regionale Produktion unterstützt werden müsse. Es bleibt offen, wer an diesem Tag in der Mehrzahl ist: Die Schnäppchenjäger oder die Gemüse-Retter.

Grossverteiler sind Schuld

Maurer ist sich bewusst, dass solche Verkaufsaktionen bei vielen seiner Berufskollegen nicht gut ankommen. Letztlich seien aber die mächtigen Abnehmer mit ihren strengen Qualitätskriterien das Problem. «Wir Biobauern sind zu fest von ihnen abhängig». Wäre er noch einmal jung, würde er einen anderen Weg suchen. Konsequent ist er nicht, denn seine vier Hektaren Karotten setzt er weiterhin über den Grosshandel ab. Die drei am Event verkauften Tonnen – darunter auch Futterrüebli – tischte er nur zur Angebotserweiterung auf. «Immerhin erhalte ich für sie nun doppelt so viel wie vom Abnehmer», sagt er. Aber es sei schon so, jeder sei sich halt selbst am nächsten. Er selbst verkaufte an diesem Tag neben den Karotten rund 15 Tonnen Kartoffeln und erzielte einen Umsatz von rund 20000 Franken.

Hansueli Müller, Präsident von Biogemüse Schweiz, beurteilt solche Events kritisch. Diese drei Tonnen Karotten seien zwar nicht relevant für den Markt. «Mittlerweile organisieren aber immer mehr Gemüsegärtner solche Aktionen, was dann in der Summe doch eine bedeutende Menge ergibt.» Leiden würden dann die Gemüsegärtner, die qualitativ einwandfreie Ware produziert hätten. «Für sie geht der Markt kaputt». Es könne nicht sein, dass sie für Fehler in der Produktion oder Fruchtfolge von anderen bezahlen müssten. Ein guter Gemüsegärtner müsse auch einmal eine schlechte Ernte verdauen können. Im langfristigen Interesse der ganzen Branche ratet Müller deshalb von solchen «Gemüserettungs»-Anlässen ab!

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