Rumänien: 4,5 Millionen Bauern für die EU (BauernZeitung, September 2006)

Rumänien wird voraussichtlich im nächsten Jahr Mitglied der EU. Die kleinstrukturierte Landwirtschaft wird mit viel Geld für den EU-Markt fit gemacht. Bis Ende Jahr müssen 2000 zusätzliche Beamte für den Agrarsektor eingestellt werden.

Ruhig steht der Hirte auf dem Feld – eine HandvollAlte Bauten in Rumänien Kühe um sich geschart – und schaut aufmerksam dem Wagen aus der Hauptstadt Bukarest nach. Es ist in Rumänien die Zeit der Saat. Viele Bauern fahren mit ihren Pferdefuhrwerken hinaus auf die Äcker, wo sie mit einfachsten Mitteln die kleinen Felder bearbeiten. Viele Rumänen pflanzen auf den paar Quadratmetern, die ihnen gehören, Nahrung für den Eigenbedarf an. Offiziell halten sich im Karpatenstaat 38 Prozent der Bevölkerung mit Arbeiten in der Landwirtschaft über Wasser, das sind 4,5 Millionen Haushalte. Wirkliche Arbeitsplätze auf dem Land sind rar.

Gentech-Eldorado Rumänien

(ep) – Rumänien ist das einzige Land in Europa, das bisher grossflächig gentechnisch veränderte Pflanzen anbaute. Im letzten Jahr wuchs auf einer Fläche von über 80’000 Hektaren herbizid-resistente Gentech-Soja. Doch niemand weiss genau, wo in den letzten Jahren die bei vielen Bauern beliebte Gentech-Soja wirklich wuchs. Denn ein Kontrollsystem fehlte bis jetzt. Der Anbau verbreitete sich in den letzten Jahren unkontrolliert. Das Saatgut wurde nach Aussagen von Gabriel Paun von Greenpeace Romania sogar oft illegal vermehrt und weiterverkauft. “Ich kenne einen Betrieb im Donau-Delta, der im letzten Jahr ohne Registrierung 500 Hektaren Gentech-Soja anbaute”, bestätigt er auf Anfrage. Die rumänische Regierung hat den Anbau der Gentech-Soja auf Druck der EU ab nächstem Jahr verboten. In der EU ist der Anbau nicht zugelassen. Das Verbot hat in Rumänien zu kontroversen Diskussionen geführt. Die Bauern gingen gegen das Verbot sogar auf die Strasse. Die gentechnisch veränderte Soja hat sich auf den besonders stark von Unkraut belasteten rumänischen Äckern bewährt. Auch Mike Hall, Sprecher des Biotechnologiekonzerns Pioneer, bedauert den Entscheid der Regierung: “Tausende von Bauern werden daran gehindert, von der Anwendung der bewährten Technologie zu profitieren.” Einige werden das vermutlich auch weiterhin tun, – sei es nur zur Produktion von Viehfutter für den Eigenbedarf – obwohl es dafür hohe Bussen geben soll. Denn die Unterstützungsbeiträge von umgerechnet 220 Franken für konventionelle Soja reichen nach Angaben der Bauern bei Weitem nicht aus, um die Ertragseinbussen aufzufangen. Gabriel Paun zweifelt daran, dass die Regierung das Verbot wirklich durchsetzen kann, da ihr die Möglichkeiten und Mittel dazu fehlten. Dass der Weg zur Gentech-Freiheit noch weit ist, beweisen zehn Proben, die Greenpeace Romania in ganz Rumänien auf den Feldern entnahm. Sie waren ohne Ausnahme alle positiv.

Alle paar Kilometer erscheinen am Horizont Anreihungen von Gebäuden, die auf landwirtschaftliche Betriebe schliessen lassen. Bei näherer Betrachtung fällt dann der vernachlässigte Zustand der Ställe und der Lagerhallen auf. Menschen sieht man auf den ehemaligen Staatsbetrieben praktisch keine. Auf den etwas grösseren Parzellen ziehen Traktoren der Marke “Tractorul” ihre Pflüge durch den nassen Boden. Ein Grossteil der Fläche fällt aber nur durch den hohen Unkrautbefall auf. Eine Folge der ungeklärten Besitzverhältnisse, die in Rumänien für viele brachliegenden Agrarflächen sorgte. 16 Jahren nach der Revolution sollten die Eigentumsverhältnisse nun bis spätestens Ende Jahr endlich geklärt sein, sagt Adrian Tibu vom Agrarministerium in Bukarest. Rechtzeitig zum geplanten Beitritt in die EU also. Die Vorbereitungen auf den Eintritt in den EU-Agrarmarkt und die Anpassungen der Gesetze laufen auf Hochtouren. Die Herausforderungen sind gross, denn aus den durchschnittlich 2,5 Hektaren grossen Betrieben sollen so schnell wie möglich grössere, wettbewerbsfähigere entstehen.

Erstmals Subventionen

Rumäniens Landwirtschaft leidet an der Überalterung der Bauern. Viele Junge verlassen das Land mangels Alternativen. Die Regierung schafft Anreize für junge professionelle Bauern. 200 Millionen Euro aus dem rumänischen Haushaltsbudget stehen in diesem Jahr für ein Kreditprogramm zur Verfügung, das jungen Farmern unter die Arme greift, die sich mehr Kühe oder mehr Land kaufen wollen. Landwirte, die über 62-jährig sind und sich bereit erklärten, ihr Land an jüngere abzugeben, werden im Rahmen eines “Frühpensionierungs-Programms” bis an ihr Lebensende mit einem Beitrag von 100 Euro pro Jahr und Hektare vom Staat entschädigt. “Damit sollen die Leute angespornt werden, Platz für die jüngere Generation zu machen”, erklärt Adrian Tibu. In diesem Jahr kommen rumänische Bauern erstmals in den Genuss von Direktzahlungen für Anbauflächen allerdings nur für spezielle Kulturen, vor allem solche, die Rumänien importieren muss. Für Zuckerrüben gibt es beispielsweise umgerechnet 670 Franken pro Hektare, 450 Franken für Gemüsekulturen oder 225 Franken für Soja. Das Programm dient sozusagen als “Trainingslager” für die Zeit der EU-Mitgliedschaft, die im kommenden Jahr beginnt. Dann werden die Gelder üppiger fliessen. Umgerechnet über 6 Milliarden Franken an Agrarhilfegeldern überweist die EU in den ersten drei Jahren nach Rumänien. Adrian Tibu geht im nächsten Jahr von einem Flächenbeitrag von 50 Euro pro Hektare aus, die aus EU-Geldern finanziert werden. Direktzahlungen aus dem rumänischen Agrarbudget kommen noch dazu. Als Mindestlimite für den Bezug von Subventionen gilt nach Aussage von Adrian Tibu im ersten EU-Mitgliedschaftsjahr eine Fläche von 0,3 Hektaren. Die Anzahl von bezugsberechtigten Bauern wird gigantisch sein. Das Agrarministerium rechnet mit über zwei Millionen Anträgen. Um diese verarbeiten zu können, muss die Administration auf 5000 Leute aufgestockt werden. “Bis Ende Jahr müssen wir noch 2000 Leute einstellen”, erklärt Adrian Tibu.

Biolandbau als Zukunftsvision

Rumänien verfügt über ideale topografischen Voraussetzungen: Hochwertige Weideflächen im Norden des Landes einerseits und grosse ebene Flächen im Westen des Landes sowie im Donaudelta andererseits. Adrian Tibu ist überzeugt, dass Rumänien mit Milchprodukten und Wein bald eine wichtige Rolle auf dem EU-Markt spielen wird. Der Luzerner Vermögensverwalter Theo Häni hat mit seiner ASI Natur Holding AG schon vor einigen Jahren in verschiedenen Regionen Land gekauft und produziert auf über 7200 Hektaren biologische Produkte vornehmlich für den Export nach Deutschland. “Nach Rumänien sind wir in erster Linie gekommen, weil wir dort grosse Flächen in guter Qualität kaufen konnten und das Land noch unverbraucht ist, auch was Subventionen anbelangt”, sagt Theo Häni. Er beobachtete in den letzten Monaten deutliche Preissteigerungen beim Land. Kostete die Hektare vor ein paar Jahren noch umgerechnet um die 450 Franken, bezahlen Investoren heute bis zu 1800 Franken. Immer öfter kommen die Interessenten aus der EU, im Speziellen aus Italien. Dabei kämpft das Land gegen den Ruf, ein “Eldorado für die Machenschaften der globalen Biotechnologiekonzerne” zu sein. In keinem anderen Land Europas wuchs im letzten Jahr mehr gentechnisch veränderte Soja als in Rumänien. Doch der Anbau dieser Soja ist in der EU nicht erlaubt. Die Regierung hat den Anbau deshalb vorsorglich für nächstes Jahr verboten (siehe Kasten). Sie geht sogar einen Schritt weiter und hat sich die Förderung des biologischen Landbaus zum Ziel gesetzt. Bereits in diesem Jahr erhalten Biobauern Extraprämien. Das soll auch im nächsten Jahr so bleiben. Nach Angaben von Teodora Aldescu, im rumänischen Agrarministerium zuständig für den biologischen Landbau, werden in Rumänien bereits in diesem Jahr 120’000 Hektaren nach den Regeln des biologischen Landbaus bewirtschaftet. Das sind mehr als in der Schweiz. Die Vorschriften entsprechen weitgehend denen, die für den biologischen Landbau in der Schweiz gelten. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) in Frick hat in den letzten Jahren das Biozertifizierungs- und Kontrollsystem für Rumänien aufgebaut.

Interview mit Martin Schmid, Bauer in Rumänien:

EU-Beitritt: Unter dem Strich kaum mehr Profit

Was ändert sich für Sie als Bauer im nächsten Jahr mit der EU-Mitgliedschaft Rumäniens?

Martin Schmid*: Mein Betrieb wird erstmals “richtige” Subventionen erhalten. Allerdings erwarten wir auch deutliche Kostensteigerungen unter anderem wegen strengeren Umweltvorschriften oder als Folge steigender Löhne. Unter dem Strich wird sich beim Profit wohl nicht viel ändern.

Was bringt Ihnen der freie Zugang zur EU?

Bisher waren wir trotz geografischer Nähe zu Ungarn vom EU-Markt abgeschottet. Wir hoffen, dass wir künftig im Westen mehr Soja, Sonnenblumenkernen aber auch Körnermais verkaufen können.

Für welche rumänischen Agrarprodukte sehen Sie die grössten Chancen?

Die Soja hat gute Chancen, weil diese in Europa nur auf kleinen Flächen angebaut wird. Sonnenblumenkerne sind gefragt, wegen des Biodiesels. Körnermais hat im Vergleich zu Nordeuropa Vorteile, wegen der hohen Trocknungskosten.

Ist der Anbau von gentechnisch veränderter Soja in Rumänien ein Problem?

Für mich nicht, doch für Westeuropa scheint er eines zu sein. Für 2007 ist der Anbau von genmodifizierter Soja in Rumänien deshalb nicht mehr zugelassen. In den letzten Jahren waren in Rumänien 95 Prozent der angebauten Soja gentechnisch verändert. Der Staat unterstützt nun nur noch konventionelle Soja-Sorten. Trotzdem wird es wohl Bauern geben, die Subventionen beziehen und trotzdem Gentech-Soja anbauen. Es wird interessant sein, zu sehen, wie der Staat das überprüft.

Können Sie das Verbot nachvollziehen?

Es ist eigentlich ein Witz, denn in den anderen EU-Ländern wird tonnenweise Gentech-Soja eingeführt und verarbeitet. Ich hatte bisher auf meinem Betrieb auch gentechnisch veränderte Soja angebaut. Für ein Land wie Rumänien, mit einem extrem hohen Unkrautbefall, ist diese Soja ideal.

Was können Schweizer Bauern von Ihren Kollegen in Rumänien lernen?

Rumänische Landwirte sind extrem bescheiden.

*Der Schweizer Martin Schmid bewirtschaftet seit vier Jahren einen 1500 Hektaren grossen Ackerbaubetrieb in Johanisfeld im Westen von Rumänien.

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