Rumänien: Last Exit für Schweizer Bauern

Zwei junge Schweizer Bauern suchten neue landwirtschaftliche Perspektiven. Fündig wurden sie in Rumänien. Dort sind sie jetzt Grossbauern.

Duftende Lindenblüten. „Hup-up-up:“ Ein Wiedehopf präsentiert seinen prächtigen Kopfschmuck. Die Pferdekutsche fährt vorbei. Einfache Häuser, hinter den Mauern kleine Höfe mit paradiesischen Gärten. Der Standort: Firiteaz, ein typisches Dorf in Westrumänien. 300 Häuser, kein fliessendes Wasser. Mittendrin die Familie Häni aus Büron LU. Vor drei Jahren ist sie ausgewandert um in Rumänien Biobauern zu werden. Ein Lebenstraum. „Viel Zeit zum Träumen habe ich nicht“, sagt der 28-jährige Christian Häni. Seine Aufgabe ist gewaltig. 600 Hektaren Ackerland – heruntergewirtschaftet in den Zeiten des Sozialismus-,  macht er fit für den Anbau mit biologischem Getreide wie Weizen, Roggen oder Dinkel. Landwirtschaft ohne Spritzmittel und Kunstdünger? Dass so etwas funktioniert, glauben die Dorfbewohner nicht. Sie sind mit der Dünger-Spritze aufgewachsen.

Die Leute im Dorf haben ganz andere Sorgen. Rumänien ist im Umbruch. Die Zentren boomen. Die jungen Leute des Dorfes arbeiten in den Fabriken, die wie Pilze aus dem Boden wachsen. Viele jobben im Ausland. Geblieben sind die Eltern. Mit grossen Gemüse- und Obstgärten. Eine oder zwei Kühe, ein paar Hühner und Schweine. Lebensversicherung zu Zeiten Ceasescus und heute wieder. Das von Brüssel auferlegte EU-Korsett trifft die Kleinbauern ganz direkt. „Von einem Tag auf den anderen durften wir die Milch von unseren Kühen nicht mehr abliefern,“ sagt die 50-jährige Bäuerin Anna Cispai. Hygienevorschriften nach westlichem Muster. Ohne Milchgeld können die Kleinbauern den Hirten nicht mehr bezahlen. Er sammelt die Kühe des Dorfes jeweils am morgen zusammen, um sie über die Weiden zu führen. Der Hirte wird bald keine Arbeit mehr haben. Viele im Dorf  haben ihre wenigen Kühe verkauft. Selbst das ist nicht mehr einfach, denn viele kleine Metzgereien mussten schliessen, weil sie die EU-Vorschriften nicht erfüllten. Die Bauern verkaufen ihre spärlichen Äcker, weil sie merken, dass die Hackerei auf den Maisfeldern nichts mehr einbringt. Zu kleine Flächen, schwache Mechanisierung, fehlende Vermarktungsstrukturen. Kein Wunder sehnen sich die Leute nach den alten Zeiten zurück: „ Früher hatten wir wenig, aber alle hatten gleich viel,“ sagt Anna Cispai, die seit 30 Jahren im Dorf wohnt. Bauernopfer der EU. Kein Platz für Kleinbauern.

Chance für grosse Biobetriebe

Wo Verlierer sind, gibt es auch Gewinner. Und zu diesen gehört Christian Häni mit Frau Natascha und Töchterchen Anne. Rumänien ist für sie ein Glücksfall. Denn in der Schweiz wäre es für Christian Häni unmöglich gewesen, Bauer zu werden. Sein Vater Theo Häni ist nicht Bauer sondern Vermögensberater, kein Bauernhof zum übernehmen also. Theo Häni ist kein Fremder in der Biobranche: Mit der Firma ASI Natur Holding AG investiert er seit vielen Jahren in den biologischen Landbau in der ganzen Welt. Er stellte das Kapital für den Betrieb in Firiteaz zur Verfügung. Auch er lebt seit diesem Jahr mit seiner Frau Regula im gleichen Dorf. Im Herbst folgte die Tochter mit ihrem Partner. Perfektes Schweizer Familienglück in Rumänien.

Der erste Bio-Roggen nach der mehrjährigen Umstellungszeit steht stramm im Feld an diesem Tag im Juni. Die Augen von Christan Häni leuchten. Es ist der Lohn für die harte Anfangszeit in der neuen Heimat. Fremde Sprache, osteuropäische  Mentalität, Integration im Dorf. Er hatte zwar an der Fachhochschule in Zollikofen Landwirtschaft studiert. Doch dieser Rucksack war nicht wirklich schwer und taugte wenig für die Praxis. Neuland. Die Böden auf Vordermann bringen, Maschinen reparieren und vor allem – Leute führen. Das Handy läutet fast pausenlos, meistens ist es einer seiner vier Mitarbeiter. Anweisungen in fliessendem Rumänisch. Die mangelnde Selbständigkeit der Rumänen macht ihm zu schaffen. „Die sind manchmal wie kleine Kinder,“ sagt Häni. Vorbei geht es an blühenden Wiesen, Schmetterlinge fliegen herum. Der Betrieb wird von Bio Suisse zertifiziert. Diese verlangt sieben Prozent Ökoausgleichsflächen. Kein Problem bei diesen Dimensionen. In Rumänien sind Biobauern aber noch Exoten.

Die Spritzmaschinen von Doktor Mann

Ausserhalb des Dorfes heulen die Motoren des Tanklastwagens auf. Traktoren mit kleineren Pumpfässern docken an, um neues Gift zu laden. Die Feinverteilung erfolgt direkt auf dem Feld: Zehn Traktoren in Reih und Glied, die das Herbizid über die Soja spritzen. Grüne Wasserpfützen am Feldrand. Industrielle Landwirtschaft nach amerikanischem Muster. Die Leute von Doktor Mann sind heute im Dorf. „Wie Käfer schwärmen sie jeweils aus,“ sagt Anna Cispai. Der reiche rumänische Industrielle Nikolaus Mann – alle nennen ihn Doktor Mann – hat sich in den letzten Jahren im ganzen Land über 35’000 Hektaren Agrarland unter den Nagel gerissen. Noch ist das Ackerland in Rumänien günstig: ab 1500 Euro die Hektare. Doch die Zeit drängt, das Feld wird in den nächsten zwei Jahren abgesteckt. Hohe Preise auf den Rohstoffmärkten und Diskussionen über nachwachsende Rohstoffe erzeugen viel Hektik. Ein italienischer Investor da, ein deutscher dort.

„Diese intensive Bewirtschaftung wird nicht lange funktionieren,“ schaut Christian Häni dem üblen Treiben gelassen entgegen. Er verfolgt ein anderes Ziel: Gesunde und fruchtbare Böden, die im Einklang mit der Natur hochwertige Nahrungsmittel herausbringen. Der eigene Mitarbeiter klaut einen Sack mit Weizensaat. Die Leute von Doktor Mann spritzen aus Versehen einen Streifen des Kleefeldes. Der Schäfer führt wieder einmal seine Schafe über seine Parzelle. Das alles darf ihn nicht aus der Fassung bringen. „Das Hauptziel nicht aus den Augen verlieren, das ist die grosse Herausforderung,“ sagt Christian Häni. Das Prinzip: Stickstoffspeichernde Pflanzen wie Klee als Vorfrucht, die Nährstoffe für die nachfolgenden Kulturen liefern. Der Pflug ist tabu. Im Zentrum steht die schonende Bodenbearbeitung mit dem Deutschen Spezialgerät „Wenz Eco-Dyn System“, das den Boden nur oberflächlich bearbeitet. Die Struktur des Bodens mit allen Mikroorganismen bleibt so erhalten. Durch den zurückhaltenden Einsatz von Maschinen lassen sich Kosten sparen. Effiziente Produktion ist auch im biologischen Landbau nötig. Christian Häni ist überzeugt, dass er seine Bioprodukte langfristig günstiger produzieren wird als seine konventionellen Nachbarn. Weniger Maschinen, keine teuren Kunstdünger oder Pflanzenschutzmittel, und grosse aneinanderliegende Landparzellen. Dazu eigenes Saatgut. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Zudem gibt es seit diesem Jahr EU-Subventionen. 54 Euro Grundbeitrag pro Hektar bewirtschaftete Fläche. Je nach Kultur gibt es mehr. Das Geld hilft, denn der Betrieb ist in der Aufbauphase und hat noch keine Erträge abgeworfen. Doch das wird sich bald ändern. Biorohstoffe sind knapp, die Preise gut.

Schaffhauser Grossbauer

Ortswechsel: Iohanisfeld, 80 km südlich von Firiteaz. Dort bewirtschaftet der 36-jährige Markus Schmid 1500 Hektaren Ackerland. Fast 100 Mal mehr als ein Schweizer Bauernhof. Soja, Weizen und Mais soweit das Auge reicht. Konventionell nicht biologisch. Die Hälfte der Fläche gehört ihm. Gleich nach der landwirtschaftlichen Lehre hatte er den elterlichen Bauernbetrieb in Schaffhausen verlassen. „Mein Grossvater war ein reicher Bauer, mein Vater musste bereits doppelt so viel arbeiten um auf einen Handwerkerlohn zu kommen und ich hätte wohl mit dem gleichen Aufwand nur noch die Hälfte verdient“, sagt Schmid. Deshalb ist er ausgezogen. Zuerst nach Ostdeutschland. Doch das Land wurde dort teurer, sein Betrieb konnte nicht mehr wachsen. Er verkaufte in Deutschland und kaufte vor vier Jahren in Rumänien Land, wo es noch günstig war. Sein ganzes Geld steckt im Betrieb, er steht unter Druck: „Ich musste vom ersten Jahr an Gewinn machen,“ sagt er. Der Mais steht so hoch, wie sonst nirgendwo. Die Soja ebenso. Es hat mehr geregnet als zu dieser Jahreszeit üblich. Sonst ist es eher zu trocken in der Region. Das sieht in diesem Jahr nach einem guten Geschäft aus. Verkauft wird die Ware in Rumänien selbst und in Serbien.

Der Unterschied zum Bauern in der Schweiz? Die Schlagkraft. „Wenn der Tag der Aussaat gekommen ist, dann musst Du das in kurzer Zeit hinkriegen auch bei einer Parzelle von 200 Hektaren.“ Als industrieller Landwirt möchte sich Schmid nicht bezeichnen. Er hat die übersauerten Böden selber gesehen, welche die rumänischen Landwirte nach 30 Jahre einseitigem Düngereinsatz hinterliessen. Die Bodenfruchtbarkeit steht auch für ihn an erster Stelle. Die Fruchtfolge ist selbstverständlich. Der Boden ist schliesslich sein Kapital. Schweizer denken so. Der Rumäne baut so lange an, bis der Boden nichts mehr hergibt und zieht dann weiter. „Das geht nur in einem Land, wo es Flächen im Überschuss gibt,“ sagt Schmid. Ist da noch Platz für junge Schweizer Bauern, denen es wie ihm zu eng wird in der Heimat? „Klar!“ sagt er. Wenn sie denn klarkommen mit den riesigen Flächen und das nötige Kapital für das Land haben. Allerdings sei der Schweizer Bauern traditionell nicht gewohnt mit Personal zu arbeiten. Osteuropäisches Personal mit besonderer Mentalität: „Die sind fähig, dir am Morgen nach einer gemeinsamen Party den Diesel zu klauen.“

Billiglohn-Land ade

Schmid wohnt zurzeit noch mit der Frau und den zwei Töchtern in Temeswar in der Stadt. Bald ist aber das Haus in Iohanisfeld fertig, ausserhalb des Dorfes auf dem Betriebsareal. Das Holzhaus steht auf Stelzen. Vor zwei Jahren versank sein Land im Hochwasser. Der Verlust war immens. Versicherung hatte er keine. In diesem Jahr sieht es besser aus. Dank dem EU-Investitionsprogramm „Sapard“ konnte er eine neue Maschinenhalle erstellen und einen neuen Traktor kaufen. Er ärgert sich über den bürokratischen Aufwand: „Über 2500 Unterschriften musste ich leisten, bis das Geld überwiesen wurde.“ Genommen hat er es aber gerne. Im Moment bezahlt er seinen neun Angestellten je 300 Euro pro Monat. Die rumänische Wirtschaft entwickelt sich im Eiltempo. Schmid rechnet mit einer Verdoppelung der Löhne in den nächsten beiden Jahren. Der Wohlstand steigt, die Kosten auch. Rumänien wird nicht mehr lange ein Billiglohn-Land sein. Beide Schweizer Bauern, Christian Häni und Markus Schmid sind überzeugt, dass ihre  Betriebe im Wettbewerb mit Doktor Mann und Konsorten mithalten können. Verschieden ist einzig der Weg. Biologisch oder konventionell. Der Traum des freien Bauern ist aber für beide wahr geworden, nicht in der Schweiz sondern in Rumänien.

Ein Gedanke zu „Rumänien: Last Exit für Schweizer Bauern“

  1. hallo ihr zwei grossbauer

    ich bin auch in Rumänien . wollte eigentlich auch ein bisschen Landwirtschaft betreiben,
    musste aber bald feststellen, dass dies mit einheimischen unmöglich ist. zum Glück bin ich rentner und muss nicht, trotzdem 120000 fr. in den sand gesetzt

    ich ziehe den hut vor euch. fahre zwei dreimal über timisoara nach genad und bestaune
    die riesen flächen die hier bebaut werden. sensationell, ich beneide euch. ich wünsche
    euch das allerbeste und grossen erfolg mit euren betrieben, ich freue mich für euch.
    gruss thomas

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