Woher künftig den Stickstoff nehmen?

Die aktuelle Weltlage dämpft die Hoffnungen auf tiefere Düngerpreise. Alternativen stehen zwar zur Verfügung, sind in der Praxis aber nicht so beliebt oder ebenfalls zu teuer. Auch bei den organischen Bio-Düngern ist das Angebot knapp.

Die Corona-Pandemie sowie der Krieg in der Ukraine bringen die Weltwirtschaft ins Trudeln. Das manifestiert sich auch in der Preisexplosion und Verknappung von Stickstoff-Mineraldünger. Nur weil der Bund die Pflichtlager freigab, konnte die Landwirtschaft in diesem Frühling überhaupt mit ausreichend Stickstoff versorgt werden. Wie sich die Situation weiterentwickeln wird, ist offen. Doch es sieht nicht nach einer schnellen Beruhigung aus. Gemäss Schweizer Bauernverband decken organische Hofdünger 70 Prozent des Stickstoffbedarfs der Schweizer Landwirtschaft ab. Doch Spezialkulturen wie Gemüse sind zu einem guten Teil auf mineralische Stickstoffdünger angewiesen. So auf die Schnelle sind hier kaum Alternativen vorhanden.

Mineralischer Stickstoffdünger könnten vermehrt durch einheimische Hof- oder Recyclingdünger ersetzt werden.

Kompost oder Gärgülle

Der Einsatz von Mist und Kompost ist auch auf vielen konventionellen Gemüsebaubetrieben bei der Grunddüngung schon fast Alltag, nur schon für die Sicherung oder die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit. Während der Kulturzeit setzt man dann aber lieber auf bewährte und «berechenbare» moderne Mineraldünger, wie beispielsweise Entec 26. Als schnell verfügbare organische Stickstoffquelle würde sich hier Presswasser aus Biogasanlagen anbieten, das günstig ist und sogar aus einheimischen Ressourcen stammt. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) zeigte in Studien, dass in längeren Kulturen wie Sellerie gute Erträge erzielt werden können. Aus thermophilen Anlagen mit Vergärtemperaturen von 50 bis 60 Grad sollen demnach gemäss Experten auch keine hygienischen Risiken bestehen. Obwohl in einzelnen Regionen wie dem Rheintal diese Gärgülle schon öfter zur Grunddüngung vor dem Setzen oder Säen eingesetzt wird, bleiben viele Gemüsegärtnerinnen und -gärtner trotzdem eher skeptisch, auch weil sie bei Presswasser grössere Risiken für eine Auswaschung von Nitrat befürchten.

Teure organische Handelsdünger

Biogemüsebetriebe dürfen gemäss Richtlinien keine mineralischen Stickstoffdünger einsetzen. Da viele viehlos arbeiten, setzen sie deshalb auf zugekaufte organische Dünger auf Basis beispielsweise von Federmehl, Tierhäuten oder «vegan» aus Kartoffelfruchtwasser. Für den konventionellen Bereich sind diese aus finanziellen Gründen nach wie vor keine valable Option, weil deren Preise immer noch deutlich höher liegen, ja sogar zugelegt haben. Denn es gibt immer mehr Biobetriebe, welche die Nachfrage ankurbeln. Kommt dazu, dass ein grosser Teil des Federmehls aus Italien stammt, dort aber zurzeit wegen der Vogelgrippe deutlich weniger Ware zur Verfügung steht.

Federmehl als Rohstoff für organische Dünger ist knapp.

Weniger ist mehr?

Die effiziente Verwendung von Dünger wird deshalb bei den aktuellen Versorgungsengpässen noch wichtiger. Eine Möglichkeit bietet die sogenannte Cultan-Düngung, bei der flüssiges Ammonium-Sulfat konzentriert als Depot bei der Pflanze eingespritzt wird. Dadurch sollen Einsparungen von bis zu 20 Prozent respektive zurzeit 250 Franken pro Hektare drinnenliegen. Trotzdem wird das Verfahren auf den Schweizer Gemüseäckern immer noch selten verwendet, möglicherweise weil es für unsere feuchten Böden zu anspruchsvoll ist. Für die bedarfsgerechtere Düngung bietet sich die Nmin-Methode an, welche den im Boden gerade pflanzenverfügbaren Stickstoff bestimmt (Siehe Artikel auf Seite 17). Zudem besteht die Möglichkeit, mit leguminosenreichen Gründüngungen, den Stickstoff natürlich und «gratis» in den Boden zu bringen, respektive dort zu halten.

Erst in ferner Zukunft könnte hingegen die Rückgewinnung von Stickstoff aus menschlichem Urin zu einer Option werden, die gut ins allgemein angestrebte Kreislaufdenken passt. Das bereits offiziell zugelassene Produkt Aurin ist aber aus preislichen Gründen aktuell noch kein Thema für den grossflächigen Gemüseanbau.

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