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Frischelogistik im Tessin: Gotthard als Kostenfaktor

Vom Eisenbahnwagen zum E-Lastwagen: Der Transport von Tessiner Gemüse in die Nordschweiz hat sich gewandelt. Trotz Gotthardstau müssen Tomaten, Zucchetti und Auberginen frisch und pünktlich am Ziel ankommen. Das braucht eine spezielle Planung.

75 Prozent des Tessiner Gemüses müssen durch den Gotthardtunnel transportiert werden. (Tior SA)

Das fachgerechte Stapeln der Tomatenkisten im Eisenbahnwagen in Cadenazzo gehörte in geübte Hände. Sonst bestand die Gefahr, dass die wertvolle Fracht beim Öffnen der Türen in Zürich den Leuten vor die Füsse fiel. Zumal das Gemüse auf der Fahrt im ungekühlten Wagen vielleicht schon etwas gelitten hatte. Der Transport per Eisenbahn war vor der Eröffnung des Gotthardstrassentunnels im Jahr 1980 der übliche Weg, um Tessiner Tomaten, Zucchetti oder Auberginen in die Nordschweiz zu «exportieren». Um überhaupt einen Wagen füllen zu können, mussten die Tessiner Gemüsegärtnerinnen und -gärtner eng zusammenarbeiten. Auch deshalb gründeten sie vor bald 90 Jahren die Federazione Orto-Frutticola Ticinese (FOFT), um ihr Gemüse zu bündeln. Aus der Produzentenorganisation ging schliesslich zusätzlich die Handelsfirma TIOR SA hervor. Diese vermarktet heute rund 80 Prozent des Tessiner Gemüses, primär von den 30 FOFT-Mitgliedern sowie von weiteren Partnern. Über 75 Prozent der Tessiner Produktion gehen durch den Gotthard. Und dieser fordert die Frischelogistik heute wie früher permanent heraus.

Stau am Gotthard einberechnen

Die Eröffnung des Strassentunnels läutete im Tessin eine neue Ära in der Frischelogistik ein. Gekühlte Lastwagen transportierten fortan das Tessiner Gemüse in die Nordschweiz. Früher unterhielt TIOR SA in der Vertriebszentrale in Cadenazzo ihre eigene Lastwagenflotte. Das Problem: Diese fuhren oft leer zurück durch den Gotthard. Nach der Einführung der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) im Jahr 2001 war das finanziell nicht mehr tragbar. Seither übernimmt eine externe Logistikfirma die Transporte. Das habe viele Vorteile, findet TIOR-Geschäftsführer Marco Bassi. Diese sei effizient unterwegs und zudem immer auf dem neuesten technologischen Stand. «Gemüse kann heute beispielsweise im Lastwagen mit unterschiedlichen Temperaturen gekühlt werden.» Seit diesem Sommer steht ein emissionsarmer E‑Lastwagen im Einsatz. Doch auch dieser steht zuweilen im Gotthardstau fest. Um die vorgeschriebene Anlieferzeit von 16.00 Uhr in einem Verteilzentrum im Aargau einzuhalten, muss der Lastwagen spätestens um 11.30 Uhr die Rampe in Cadenazzo verlassen. Eingerechnet ist bereits eine mögliche Wartezeit von zwei Stunden vor dem Gotthard. Ohne Stau sei der Chauffeur zwar zu früh vor Ort und koste Geld, erklärt Marco Bassi. «Doch eine Firma wie TIOR kann das Risiko nicht eingehen, das Gemüse beim Abnehmer zu spät anzuliefern.» 

Seit diesem Frühjahr hat die TIOR SA ihren Logistikprozess für die Lieferungen an die Migros im Tessin angepasst. Die Ware wird nicht mehr direkt an Migros Ticino in Sant’Antonino geliefert, sondern neu über die Migros-Betriebszentrale in Dierikon transportiert. Dort wird sie kommissioniert, bevor sie erneut ins Tessin gebracht wird. Das neue System bringt für die TIOR SA einige Veränderungen bei der Organisation der Transporte und der Nutzung der Flächen in Cadenazzo mit sich. «Aufgrund der zusätzlichen Fahrten sind unsere Verladekapazitäten vor Ort knapper geworden», erklärt Marco Bassi. Um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, sind deshalb verschiedene Anpassungen an der Infrastruktur vorgesehen.

Künstliche Intelligenz als Chance sehen

Marco Bassi schaut positiv in die Zukunft. Dabei sieht er in der Künstlichen Intelligenz (KI) eine Chance, die Abläufe zu optimieren. «Wir müssen von den neuen Möglichkeiten profitieren.» Es gehe aber nicht darum, sich ihr vollständig zu unterstellen. Für ihn ist klar: In der komplexen Gemüsebranche mit vielen nicht beeinflussbaren Faktoren werde es den Menschen noch lange brauchen.

Veröffentlicht in Blog

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