Biorebbau-Pionier im Modus Entschleunigung

Im nächsten Jahr übernimmt Andri Strasser das Bioweingut Stammerberg von seinen Eltern Maria und Fredi. Nach aufopfernden Jahren im Dienst des Schweizer Biolandbaus freuen sich diese nun auf weniger hektische Zeiten.

Andri Strasser wird den Betrieb von seinen Eltern übernehmen.

Zum Abschied gibt Fredi Strasser dem Reporter noch eine Flasche Léon Millot mit auf den Heimweg. «Geniessen Sie ihn, es ist eine der letzten Flaschen aus eigener Kelterung», sagt er. Im nächsten Jahr übernimmt sein Sohn Andri das idyllisch gelegene Bioweingut auf dem Stammerberg. Der 38-Jährige ausgebildete Winzer verzichtet künftig aber auf den eigenen Weinkeller und die Vermarktung von eigenen Flaschen. Er konzentriert sich zusammen mit dem langjährigen Mitarbeiter und weiteren temporären Hilfskräften ganz auf den Rebbau. Die Trauben liefert er deshalb bereits ab diesem Herbst an die Biowinzer Karin und Roland Lenz nach Iselisberg TG. Dort sind sie in guten Händen. Das mehrfach ausgezeichnete Bioweingut setzt wie die Strassers seit Jahren auf pilzwiderstandsfähige Rebsorten, auch bekannt als PIWI.

Pionier des Schweizer Biolandbaus

Vater Fredi wird künftig auf dem Betrieb in Oberstammheim noch zeitweise mithelfen, vornehmlich bei der Bodenpflege, die ihn zeitlebens faszinierte. Mutter Maria Coray zog sich bereits weitgehend aus dem Arbeitsalltag zurück, erzwungen durch eine vor drei Jahren erlittene schwere Erkrankung. Nach der langsamen Genesung entschied sie sich, gar nicht mehr in den Weinkeller zurückzukehren und in Pension zu gehen. Zuvor war sie massgebend für die Kelterung und Pflege der Weine zuständig. Der Schicksalsschlag beschleunigte schliesslich nicht nur die Übergabepläne an die nächste Generation. Fredi Strasser liess sich bei Agroscope frühpensionieren und beendet in diesem Sommer auch die Jobs als Biolandwirtschaftslehrer am Strickhof sowie und bei der biodynamischen Ausbildung in Rheinau. Nach Jahrzehnten mit langen Arbeitstagen, aufreibenden Projekten und dem parallel dazu aufgebauten Bioweinbaubetrieb stehen die Zeichen bei ihm nun auf Entschleunigung. Und das ist durchaus bemerkenswert für einen, der ein intensives Leben führte und die Entwicklung des Schweizer Biolandbaus in den letzten Jahrzehnten prägte, wie nur wenige. Die Etablierung der PIWI-Rebsorten in der Schweiz machte er sich dabei zur Lebensaufgabe.

Nach Feierabend in die Reben

Aufgewachsen auf einem vielseitigen Bauernhof in Nussbaumen TG erkannte Fredi Strasser bald, dass es eine Alternative zu den im Rebberg damals versprühten Giften geben muss. Schon während des Studiums an der ETH organisierte er mit Gleichgesinnten auf eigene Faust Veranstaltungen über den Biologischen Landbau. Innerlich sei er immer ein Entwicklungshelfer gewesen, sagt Fredi heute. «Sobald es dann läuft, bin ich an etwas Neuem.» Doch die Spuren bleiben: Er war 1984 der erste offizielle Bioberater im Kanton Zürich, schrieb das erste Lehrmittel zum Thema Biolandbau, organisierte hunderte von Biokursen, führte erste Bio-Kontrollen durch und organisierte mit Forschenden viele Bioversuche.

1989 konnte er von seinem Vater drei erste Hektaren Rebland in Nussbaumen TG übernehmen, wo er sofort PIWI-Sorten pflanzte. Laufend kamen Flächen dazu, was schliesslich im Kauf des Weingutes Stammerberg vor etwas mehr als zehn Jahren gipfelte. «Die Familie hatte damit endlich ein festes Zuhause gefunden», sagt Fredi Strasser. Zuvor war er mit der Umstellung des Gutsbetriebs Rheinau auf biologisch-dynamischen Landbau beschäftigt. Es war eine aufopfernde Zeit, vor allem für seine Frau Maria Coray, die sich nicht nur um die vier Kindern kümmern musste, sondern auch um den Rebbau-Betrieb. Dort war ihr Mann oft erst am Abend anzutreffen.

Die Reben sind in ein Hagelschutznetz eingehüllt.

Biodiversität im Rebberg

Das Gras mit blühenden Stauden steht hoch zwischen den ungewohnt weitauseinander stehenden Rebenreihen, Hecken, Holzhaufen und Wildrosen sowie grosse Steine, wo die Mörtelbiene nisten kann, sind Teil des Systems. Die dicht eingenetzten Reben sind alle mit Bewässerungsschläuchen ausgestattet. Naturnah, aber trotzdem modern und zeitgemäss. Andri Strasser wird diesen Weg weitergehen, arbeitet aber an der Vereinfachung der Arbeitsabläufe. Bald wird er die auch bei den Piwi-Sorten manchmal notwendigen Bio-Spritzungen mit der Drohne ausführen. «Damit spare ich Zeit und schone den Boden.» Doch es wird nicht nur futuristischer zu und hergehen. Eher noch ausbauen möchte er nämlich die Biodiversitätsmassnahmen und beispielsweise mehr Nistgelegenheiten für Vögel schaffen. 

Biodiversität ist in den Reben bei den Strassers zentral.

Mehr mit der Kutsche unterwegs

Mit 63 Jahren schaut Fredi Strasser zufrieden auf sein Leben zurück, in dem sich der Biolandbau in der Schweiz von anfänglich ein paar hundert wilden Biobauernhöfen zu heute mehr als 7000 lizenzierten Biobetrieben entwickelt habe, mit einer professionell aufgestellten Organisation wie Bio Suisse im Hintergrund. Allerdings vermisse er in der Geschäftsstelle manchmal den innovativen Geist aus alten Tagen. Doch er winkt sogleich ab: «Eigentlich will ich mich nicht mehr an solchen Diskussionen beteiligen.» Trotzdem denkt er gerne an die Zeiten zurück, als er und eine Handvoll Verwegene Organisationen wie die Biogemüsegenossenschaft Terraviva oder die Biomilchvereinigung gründeten. Er habe aber seine Schuldigkeit im Biolandbau getan: «Ich habe etwa 3000 Menschen fundiert im Biolandbau ausgebildet.» Zudem habe er zum Abschluss ein Buch über seinen Bioweinbau geschrieben. Obwohl er seinem Sohn weiterhin zur Hand gehen wird, will er sich nun künftig vor allem seinen Pferden und gemeinsamen Kutschen-Ausfahrten mit seiner Maria Coray widmen.

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