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Disruption in der Distribution

An der Fruit Logistica in Berlin trifft sich die Frischelogistik-Branche. (Bild: Fruit Logistica)

Die Logistik muss schneller, flexibler und transparenter werden. Auch verderbliche Ware wird künftig am gleichen Tag bestellt und geliefert. Globale Frischwarentransporte werden massiv zunehmen.

Am Morgen online bestellen und am gleichen Tag geliefert. Schon in wenigen Jahren dürfte dies das Normalste der Welt sein. Egal ob es sich dabei um eine Stichsäge handelt, eine Packung Spaghetti oder einen frischen Salat. Treiber dieser Entwicklung sind Firmen wie beispielsweise Amazon, welche die Logistik offenbar zurzeit gerade neu erfinden. Es gibt deshalb kein Detailhändler, der sich nicht Gedanken über Kooperationen mit Logistikunternehmen oder gar eigene Lieferdienste macht. Dank Digitalisierung gibt es viele neue Lösungsansätze, die vor ein paar Jahren noch kaum denkbar waren. Kundendaten sind dabei die Währung, die zählt. Bevorzugt der Kunde Biofleisch oder hat er gerne Erdbeeren? Lebt er in der Stadt oder auf dem Land? Fährt er gerne nach Griechenland in die Ferien? Isst er lieber auswärts oder zu Hause? Je mehr über den Kunden bekannt ist, desto effizienter kann dieser mit Angeboten versorgt werden. Amazon ist hier deutlich im Vorteil.

Virtueller Handel wird sich durchsetzen

Colin Wells von Panalpina plant einen virtuellen Marktplatz, auf dem sich die ganze Lieferkette trifft. (Bild: David Eppenberger)

Die Skeptiker der Online-Vermarktung von Frischware werden nun eines Besseren belehrt. Der Anfang Februar an der Fruit Logistica in Berlin vorgestellte Trendreport 2018 rechnet alleine bei Obst und Gemüse mit einem Wachstum des Online-Handels um sechs Prozent. Das setzt Produzenten und Händler und die ganze Lieferkette unter Druck. Sie muss schneller, flexibler, präziser und transparenter werden. Strategische Partnerschaften und geringere Standzeiten können dazu beitragen, dass die Ware schnell und frisch zum Konsumenten kommt. Und: das Thema Foodwaste erhält neuen Zündstoff. Bei Interviews mit Produzenten hätten diese teilweise nur 25 Prozent der Ernte als für den Online-Handel geeignet betrachtet, sagte Rainer Münch, Autor des Trendreports in Berlin. Das sieht auch Colin Wells ähnlich, der beim alteingesessenen Schweizer Logistikunternehmen Panalpina für den Bereich verderbliche Ware zuständig ist. «Die Kundschaft will die Ware künftig gar nicht mehr sehen, deshalb sorgen Anbieter wie Amazon dafür, dass nur absolut perfekte Ware ausgeliefert wird», sagte er an seinem Vortrag im Rahmen des Fruit Logistica-Fachforums «Logistic Hub». Auch die global operierende Panalpina müsse sich den neuen Anforderungen stellen, die nur mit konsequenter Anwendung von neuen digitalen Technologien erfüllt werden könnten. Wells wies darauf hin, dass die Digital Natives ungefähr ab 2022 das Geschehen im Handel definitiv bestimmen werden. Und diese Generation Y ist sich gewöhnt, dass sie über das Handy praktisch alles zu jederzeit bestellen kann. Als eine Antwort darauf plant Panalpina einen virtuellen Marktplatz, auf dem sich alle an der Logistik beteiligten Partner vom Bauern bis zum Zusteller finden sollen. «27 Prozent des Welthandels im Business-to-Business-Bereich wird im Jahr 2020 online stattfinden», sagte Colin Wells. Transparenz wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Dank Blockchain-Technologie kann künftig jeder Kunde in wenigen Sekunden herausfinden, welcher peruanische Produzent die Spargel geerntet hat, wie lange sie im Hafen herumstand und bei welchen Temperaturen und Klima sie schlussendlich im Schiff oder im Flugzeug transportiert worden sind.

Viel mehr Flugtransporte

Die Flugtransporte von Frischprodukten nehmen seit Jahren stetig zu. (Bild: Panalpina)

Regionalität und Nachhaltigkeit werden in der Schweiz bei Frischprodukten gerne als Megatrends bezeichnet. Doch im globalen Handel sind das offenbar Randthemen. Immer häufiger landet frisch gefangener Lachs von den Färöer-Inseln 72 Stunden später auf dem Teller eines Restaurants in Shanghai, das Gleiche gilt für den lebenden Lobster aus Kanada oder für frische Himbeeren aus Südafrika. 88,6 Millionen Tonnen verderbliche Ware wurden im Jahr 2016 mit dem Schiff transportiert, 2,5 Millionen Tonnen mit dem Flugzeug. Seit 2010 hat sich alleine die Zahl der Flugtransporte für verderbliche Ware um 26 Prozent erhöht. Und das Wachstum geht in diesem Stil weiter, weil es im arabischen Raum und im Fernen Osten immer mehr Kundschaft gibt, die sich die teure Frischware per Lufttransport leisten kann und will. Das grösste Problem der Flugcargo-Unternehmen seien die fehlenden Kapazitäten, sagte Franco Nanna vom luxemburgischen Logistikunternehmen Cargolux Airlines in seinem Fachreferat, dessen Arbeitgeber unter anderem mit 14 Jumbos unterwegs ist. Die Nachfrage nach den teuren Flugtransporten wächst global doppelt so schnell wie das Angebot. Nanna sieht aber auch Probleme am Boden, wo es offenbar zu wenige LKW-Fahrer gibt, welche die Flugware zuverlässig zum nächsten Glied der Lieferkette transportieren. «In einzelnen Ländern sind die Löhne für Lastwagenfahrer in kurzer Zeit um bis zu 200 Prozent gestiegen», sagte Nanna in Berlin.

Im Fernen Osten geht die Post ab

In China leben 20 Prozent der Weltbevölkerung, die allerdings mit nur 10 Prozent der globalen Landwirtschaftsfläche auskommen muss. «40 Prozent der chinesischen Agrarfläche sind mit Giften kontaminiert und bis zu 80 Prozent des Grundwassers sind verschmutzt», sagte Chinaexperte Oliver Huesmann der spanischen Beratungsfirma Fruitconsulting in Berlin. Nur zehn Prozent der chinesischen Bevölkerung trauten deshalb der eigenen Produktion. Die jedes Jahr um 50 Millionen Leute wachsende Mittelschicht weiche deshalb auf «sichere» Lebensmittel aus westlichen Ländern aus. Seit dem Jahr 2000 haben sich die chinesischen Ausgaben für importierte Lebensmittel auf über 100 Milliarden US-Dollar verzehnfacht. Und dieser Trend wird anhalten. Dabei geht es nicht nur um Spezialitäten wie frische Meeresfrüchte, deren Exporte nach China in den letzten Jahren explosionsartig zugenommen haben. Auch Obst und Gemüse wird immer mehr eingeführt: Bei Früchten und Gemüse aus Spanien beträgt das Wachstum über 20 Prozent und auch Holland rechnet mit einer Zunahme der Exporte nach Fernost in diesem Bereich von über 20 Prozent. Wer weiss, ob sich in Fernost nicht auch die eine oder andere Türe für Schweizer Qualitätslebensmittel öffnet?

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