Dank Digitalisierung mehr Freiheit

Präzisere Daten von Sensoren helfen den Obstproduzenten bei der Ertragsoptimierung. Einen praktischen Vorteil der Digitalisierung sieht die die Forscherin Manuela Zude-Sasse in der räumlich unabhängigen Verfügbarkeit von Informationen.

Frau Zude-Sasse an einer Obstbautagung in diesem Sommer.

Wetterstationen sammeln Daten, auf die der Obstproduzent über das Mobiltelefon zugreifen kann. Viel mehr Digitalisierung ist in den Anlagen zurzeit noch nicht zu sehen.
Manuela Zude-Sasse: Das Beispiel zeigt doch, dass die Digitalisierung im Obstbau längstens angekommen ist. Die zeitliche und räumliche Entkoppelung von jederzeit verfügbaren Daten ist ein wichtiger Teil davon. Der Obstanbauer muss nicht mehr täglich zu einer bestimmten Zeit zur Station hinlaufen, um die Daten abzulesen, sondern kann diese von zu Hause aus abrufen. Das bringt ihm doch ein bisschen mehr Freiheit.

In den Medien liest man aber eher von «sprechenden» Pflanzen, Drohnen oder Ernterobotern. Ist das mehr als ein medialer Hype?
Weil das Thema zurzeit in aller Munde ist, macht man sich meines Erachtens gar nicht so viele Gedanken darüber, was Digitalisierung eigentlich bedeutet. Für mich beinhaltet sie vor allem zwei Sachen: Neben dem erwähnten räumlich und zeitlich unabhängigen Zugang zu Informationen sind es die Sensoren, die für die Messung verschiedenster Eigenschaften eingesetzt werden können. Man spricht hier ja auch vom Internet der Dinge (IdD), wo verschiedene Geräte mitreinander vernetzt sind.  

An welche Art von Sensoren denken sie neben den üblichen Wettergeräten?
Neben den Geräten der Wetterstation kann man ja auch Tensiometer anschliessen, was zwar nichts Neues ist. Aber: Zusammengeschlossen in einem Netzwerk können diese mit Daten von anderen Sensoren beispielsweise in eine Wasserbilanzierung miteinbezogen werden.

Welche Art von Sensoren oder Technologien braucht es hier zusätzlich?
Ich denke beispielsweise an den Laserscanner. Mit diesem kann man die gesamte Blattfläche von einem Baum bestimmen. Beim Steinobst können wir mit den Wachstumskurven die Fruchtentwicklungsphasen bestimmen. Die Wachstumskurven kann man auch mit kleinen Kameras am Baum oder mit Dendrometern messen. Alle diese kontinuierlichen Messungen werden ins Netzwerk eingebunden, man misst die Fruchtentwicklung. Die Daten werden dann direkt verbunden mit der Bewässerungssteuerung, die der Pflanze dann die optimale Menge verabreicht, abhängig vom Wachstumsstadium. Dieser Ablauf kann vollständig automatisiert werden.

Würde so etwas auch auf Schweizer Obstbetrieben funktionieren, wo teilweise nur schon beim Klima regional sehr unterschiedliche Bedingungen bestehen?
Ja. Die Wasserbilanzierung gibt es ja schon. Eigentlich müssten man dann nur noch Daten zur Fruchtentwicklungsphase erfassen. Je nachdem muss der Pflanzenkoeffizient angepasst werden, um die optimale Wassermenge zu erhalten.

Mit der Einsparung von Wasser alleine können Sie den Schweizer Obstproduzenten aber vermutlich nicht für diese Technologie begeistern.
Wenn er in früheren Jahren zu wenig bewässert hat, dann steigt bei einer optimalen Wasserversorgung der Ertrag. Dann würde er auch ökonomisch profitieren.

Wie erleben Sie die Obstbauern in Ihrem Berufsalltag bezüglich der Einstellung zur Digitalisierung?
Grundsätzlich sind sie offen gegenüber neuen Technologien. Aber natürlich fragen sie immer, was ihnen das Ganze auch wirtschaftlich bringt. Es fehlen hier tatsächlich noch konkrete Bewertungsdaten, die ihnen die Vorteile in Zahlen ausweisen können.

Und was bringt es ihnen dann wirklich?
Nehmen wir die Blütenausdünnung: Wenn man in Bäumen mit vielen Blüten stärker ausdünnt als bei Bäumen mit wenigen Blüten, dann kann man in einer Apfelplantage bis zu fünf Tonnen mehr Ertrag pro Hektare erzielen. Das haben wir ausgerechnet. Digitale Technologie kann helfen, die Bäume so auszudünnen, dass optimale Erträge erzielt werden.

Ist diese Technologie schon praxistauglich?
Die deutsche Firma Fruit-Tec hat ein System entwickelt, bei dem Kameras vorne beim Traktor die Blütendichte erfassen und die Daten zu einer Spindel weitergeben, die hinter dem Traktor angebracht ist. Diese setzt dann je nachdem, wie viele Blüten abgeschlagen werden sollen, die Umdrehungsgeschwindigkeit rauf oder runter. Das Gerät «DarwinSmart» wurde an der letzten Agritechnica mit einem Innovationspreis ausgezeichnet.

Trotzdem: In welcher Phase befinden wir uns bei der Digitalisierung im Obstbereich?
Ich vermute, dass wir uns noch ziemlich am Anfang befinden. Ich glaube auch nicht, dass die Digitalisierung ein Allheilmittel für alle Probleme ist. Den Frost kann sie nicht aufhalten. Die Digitalisierung kann aber dabei helfen, dass man nützliche, präzisere Informationen zum richtigen Zeitpunkt erhält. Und solche unsichtbare Technik im Hintergrund kann einem das Leben leichter machen.

Ernteroboter und Drohnen werden also noch nicht so schnell Einzug halten auf den Plantagen?
Autonome Systeme, die Kisten transportieren gibt es ja bereits schon und da soll ganz gut funktionieren. Bei Ernteroboter forscht man zwar seit Jahren, doch es ist noch nicht viel Brauchbares dabei herausgekommen. Auch den Nutzen von Drohnen sehe ich nur eingeschränkt, weil der Obstanbau immer sehr aktuelle Werte braucht. Drohnen können zwar die Eigenschaften der Böden kartieren und Bestandaufnahmen machen. Doch der Obstbauer muss ja jeweils in der Situation unmittelbar Bescheid wissen, wie es um seine Bäume steht, damit er entsprechende Massnahmen ergreifen kann.

 


Dr. habil. Manuela Zude-Sasse ist Arbeitsgruppenleiterin an der Abteilung «Technik im Gartenbau» am Leibnitz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie in Potsdam (D). Sie beschäftigt sich in ihrer Arbeit u.a. mit Präzisionslandwirtschaft und dabei mit dem Einsatz von Sensoren im Erntemanagement und in der Bewässerungsregelung bei Obstkulturen.

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