Digital gegen Frost und Schorf

Obstproduzent Urs Haag besitzt eine eigene Wetterstation, die Daten direkt auf sein Mobiltelefon liefert. Sie helfen ihm bei Entscheiden, die er aber am Ende immer noch selbst fällt.

Jeweils am Samstag wechselte Urs Haag die Papierrolle des alten Blattnassschreibers mit den aufgezeichneten Daten aus. Auf dem Papier war sauber aufgezeichnet, was während der Woche in der Obstanlage wettermässig abging: Regenmenge, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Blattnasszeit. Das funktionierte Jahrzehnte lang gut. Doch es kam, wie es kommen musste: Der Obstproduzent aus Hüttwilen TG wurde von der Gegenwart eingeholt. «Als ich keine Ersatzrollen mehr erhielt, musste ich mich nach einer neuen Lösung umsehen», sagt er. Deshalb steht dort nun seit zwei Jahren eine mit SIM-Karte ausgerüstete Wetterstation des Typs iMetos der Firma Pessl Instruments mit Feldmessgeräten.

BLICK IN DEN HIMMEL BLEIBT

Urs Haag weiss dank der digitalen Wetteranlage jederzeit Bescheid, wie es klimatisch in seiner Anlage aussieht.

Da das Wohnhaus ein paar Minuten von der Halle und den Apfelbäumen entfernt ist, kommt ihm der quasi erzwungene Eintritt ins digitale Zeitalter nicht ungelegen. «Jetzt kann ich alle relevanten Daten in Echtzeit auf meinem iPhone abrufen». Haag muss in den kritischen Nächten im Frühling nicht mehr in der Nacht zur Anlage fahren, um dort die Temperatur abzulesen. Wenn Frost droht, kommt die Warnmeldung aufs Telefon. Als passionierter Obstbauer erfüllt diese allerdings für ihn kaum mehr als eine Kontrollfunktion: «Der Blick in den Himmel und das Erkennen von aufziehendem Nebel oder aufkommenden Wind bleibt Pflicht». Und sowieso sei man in den entscheidenden Wochen wie auf Nadeln und deshalb gedanklich immer auf der Anlage. Mit seiner zwanzigjährigen Erfahrung weiss der 45-Jährige, was dann zu tun ist: Im Fall von Frost, die Kronenberegnung starten. Da eine zweite Plantage erhöht auf dem gegenüberliegenden Hügel steht, mit entsprechend anderem Mikroklima, installierte er dort zusätzlich eine abgespeckte Variante der Wetterstation, um Wasser zu sparen. Beide Anlagen zusammen kosteten rund 4000 Franken.

WARNUNG VOR SCHORFBEFALL

Die Wetteranlagen kaufte er, um jederzeit zu wissen – unabhängig wo er sich gerade befindet –, wie viel es geregnet hat, wie es um die Blattnasszeit steht und wie hoch die Temperatur ist. Die Blattnassdaten dienen zum frühzeitigen Erkennen eines drohenden Schorfbefalls. «Zusätzlich schaue ich mir auf agrometeo.ch die Daten von anderen Wetterstationen in der Gegend sowie die von den Experten abgegebenen Prognosen an», erklärt Haag. Zudem analysiert er seine eigenen Daten, die er online über die Plattform Fieldclimate.com abrufen kann. Der Rest sei Berufserfahrung, sagt er. Für die Schädlingsbekämpfung nutzt er die Daten der Agroscope-Plattform Sopra, für die er im Auftrag der Forschungsanstalt selbst wöchentlich die Schädlinge auf seinem Betrieb erfasst und zählt.

DANK DATEN ZUM RICHTIGEN ENTSCHEID

Dieser Sensor misst die Blattnasszeit.

Obwohl die Daten wichtige Entscheidungshilfen seien, ist Urs Haag überzeugt, dass am Schluss immer noch vor allem das Know-how des Obstproduzenten zähle. Anders wie in geschützten Gemüsegewächshäusern seien die Möglichkeiten der Automatisierungen in Obstanlagen im Freien eingeschränkt, weil das Wetter den Arbeitsalltag viel mehr mitbestimme. Er nennt das Beispiel des Feuerbrands: «Eigentlich wäre dieses Jahr ein typisches Feuerbrandjahr gewesen», erklärt er. Vermutlich wegen der extremen Trockenheit sei er nicht ausgebrochen. Aber die genauen Gründe seien eigentlich nicht bekannt, was zeige, dass sich die Natur nicht mit Zahlen in einem Computer abbilden lasse. Urs Haag wünschte sich trotzdem, dass mehr seiner Berufskollegen eigene Wetterstationen betreiben würden und die Datenmenge gemeinsam genutzt und analysiert werden könnten. «Jeder Betrieb sollte massgeschneiderte eigene Erregerinfektionspotential-Werte erhalten können.»

WAS PASSIERT MIT DEN DATEN?

Bei Haag fliegen keine Drohnen herum und immer noch ernten Menschen die Äpfel, trotzdem hält die Digitalisierung bei ihm wie überall schleichend aber kontinuierlich Einzug. Seine Betriebsdaten trägt er seit Jahren in der Verwaltungssoftware ASA-Agrar ein. «Ich bin einer von 20 Obstbauern, die ihre Daten für die allgemeine Kostenberechnung zur Verfügung stehen, die bei Preisverhandlungen verwendet werden», erklärt er. Mittlerweile fragt er sich, für was die Daten sonst noch genutzt werden. Eine zurzeit stark diskutierte Frage in der Landwirtschaft. Denn bei der Regelung der Datenhoheit gibt es tatsächlich mehr Unklarheiten wie Klarheiten.

Wie nützlich die digitalen Hilfsmittel trotz allem sind, zeigt sich in der Obsthalle, wo gerade ein Insekt über den Boden krabbelt. Die Auszubildende zückt sofort ihr Mobiltelefon und startet ein Schädlingsapp mit Vergleichsbildern. Die Befürchtung bewahrheitet sich: «Es ist die marmorierte Baumwanze». Dank Digitalisierung in kürzester Zeit eindeutig identifiziert.

Ein Pyranometer mit Sensor (misst Sonneneinstrahlung).

Nur wenige Schweizer Obstproduzenten nutzen bereits eigene Wetterstationen. Sie messen mit ihnen vor allem Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Regenmenge und Blattnasszeit. Die meisten Obstanbauer greifen aus Kostengründen auf die Daten von öffentlichen Prognosediensten zurück. Lukas Müller von Andermatt Biocontrol AG vertreibt in der Schweiz die iMetos-Produkte. «Zurzeit stehen rund zehn Feldmessgeräte von iMetos auf Obstbaubetrieben», sagt er. Er rechnet mit einer Zunahme der Nachfrage nach solchen Geräten, weil Wetterereignisse wie Frost und Niederschlag zunehmend sehr lokal auftreten. In Zukunft werden mehr Sensoren zur Verfügung stehen, die miteinander digital verbunden werden können. Beispielsweise Sensoren, welche die Saugspannung, den volumetrischen Wassergehalt, die Bodentemperatur, die Windstärke und -Richtung oder die Sonneneinstrahlung messen. Lukas Müller glaubt, dass solche Geräte in Zukunft vor allem von grösseren Produzenten oder in Gemeinschaften genutzt werden könnten. Er kündigt aber für das nächste Jahr ein Einsteigermodell mit Messung von Niederschlag, relativer Luftfeuchtigkeit und Temperatur als Neuheit an für den Preis von rund 500 Franken.

www.pesslinstruments.com

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