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Fiktive Reportage aus der Zukunft (2067): Melonen anstatt Karotten

Kevin Gutknecht mit frischen Salaten in den Rinnen. (Fotomontage)

Kevin Gutknecht baut im Jahr 2067 ganzjährig Gemüse und Melonen im Freiland an. Diese wachsen aber nur noch unter Schutznetzen und wegen der Wasserknappheit in Rinnen. Ein fiktiver Blick in eine voraussichtlich warme Zukunft. 

Kevin Gutknecht reibt sich die Augen. Nicht wegen der Staubwolke, die sich gerade vom ausgetrockneten Acker des Nachbars über ihm ausbreitet. Nein, zum wiederholten Mal ging mitten in der Nacht der Alarm los, weil sich eine Diebesbande Zugang zum Netztunnel mit den Salaten verschaffen wollte. Solche Fälle haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, seit die Preise für Gemüse als Folge der europaweiten Knappheit schon fast ins Unermessliche gestiegen sind. «Hätte ich meinem Grossvater in den 20iger Jahren gesagt, dass wir dereinst einmal für einen Kopfsalat mehr als 2 Franken erhalten würden, hätte er mir sicher den Vogel gezeigt», sagt der junge Gemüsegärtner aus Kerzers. Sein Grossvater produzierte sein Gemüse am Anfang des Jahrhunderts noch vorwiegend im ungeschützten Anbau in der Erde im Freiland. Er erinnert sich: «Selbst bei Karotten funktionierte das in Sachen Pflanzenschutz damals noch gut, eigentlich musste er nur die Möhrenfliege im Griff haben». 50 Jahre später spielt dieser Schädling bekanntlich wegen der grossen Hitze im Sommer kaum mehr eine Rolle. Dafür setzen Blattläuse, Milben, weisse Fliegen oder vor allem die vor zwanzig Jahren aus China eingewanderte Chinesische Miniermotte dem Gemüseanbau arg zu. Mittlerweile ist praktisch das ganze Seeland mit engmaschigen Schutznetzen bedeckt, welche die anfälligen Gemüse in den Rinnen nicht nur vor Schädlingen sondern den Salat auch vor Innenbrand also Folge der intensiven Sonnenstrahlungen schützen.

Winteranbau als Standard

Melonen gehören im Jahr 2067 zu den wichtigsten Kulturen im Schweizer Gemüsebau.

Gutknecht erinnert sich daran, dass sein Vater vor 30 Jahren Gemüsesetzlinge erst im Frühling direkt in den Boden setzte. Die damals im Winter noch übliche Frostgare sorgte für eine gute Bodenstruktur, die diese Art der Kultivierung problemlos möglich machte, selbst mit schweren Traktoren. «Heute ist das nur schon wegen den hohen Treibstoffpreisen unvorstellbar», sagt Gutknecht. Die Saisons haben sich für die einzelnen Gemüse im Vergleich zu früher deutlich verschoben: Der Winteranbau ist inzwischen dank Hightech-Sorten und dem milden Klima bei vielen Gemüsen zum Standard geworden. Noch vor ein paar Jahrzehnten liessen sich nur ganz wenige Sorten in Rinnen kultivieren. Erst als Folge der anhaltenden Trockenphasen im Sommer wurden entsprechende Sorten gezüchtet, die mit weniger Wasser auskommen und die Hitze besser ertragen.

Mittlerweile werden ja eigentlich nur noch Karotten direkt in die Erde ausgesät und dann praktisch rund um die Uhr vom Roboter überwacht. Dieser übernimmt die Bewässerung und die Hackerei zwischen den Reihen und kontrolliert laufend den Nützlingsbestand. Sein Grossvater schaffte sich vor fünfzig Jahren übrigens als erster im Seeland einen autonomen Jätroboter an. Das Exemplar ist heute im Museum in der Burgrain ausgestellt.

Grossflächiger Honigmelonenanbau

Das Gewächshaus von Kevin Gutknecht steht in Bern Bethlehem. (Fotomontage)

Das Pionier-Gen scheint in der Familie gut vererbt worden zu sein. Vater Simon Gutknecht war auch der erste Gemüseproduzent, der im Seeland vor dreissig Jahren in den grossflächigen Honigmelonenanbau investierte. Heute gehört diese bekanntlich zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturen schweizweit. Es waren die Zeiten, als die ersten Tomaten in den Gewächshäusern noch im Januar gesetzt wurden, was nur mit einem erheblichen Heizaufwand – damals noch vorwiegend Gas – möglich war. Unvorstellbar bei den heutigen Energiepreisen. Mit dem Zusammenbruch der spanischen Tomatenproduktion in den 30er-Jahren als Folge des dort fehlenden Wassers änderte sich die Situation damals für die Schweizer Tomatenproduzenten fundamental: «Mein Vater erhielt plötzlich den vierfachen Preis für eine Tomate». Da seine solarthermische Anlage damals erst ab April genug Wärme für die Entfeuchtung lieferte, verschob sein Vater die Produktion wegen der hohen Gaspreise vor der Spanienkrise auf die Sommermonate und baute in den Wintermonaten in Kalthausbetrieb nur noch Salate in den Rinnen an.

Doch plötzlich verdiente der Vater mit den Tomaten richtig viel Geld, nachdem er jahrelang mit seinen Abnehmern um jeden Rappen feilschen musste. In der Folge sprossen Tomaten-Gewächshäuser vor allem in Stadtnähe bekanntlich wie Pilze aus dem Boden. Auch das Gewächshaus der Gutknechts steht heute nicht mehr im Seeland sondern in der Agglomeration von Bern. Natürlich wachsen dort heute die Tomaten mit Hilfe von LED-Lampen und Wärme aus dem Fernwärmenetz ganzjährig unabhängig von den üblichen Wetterkapriolen. Gleich nebenan steht auch das vor fünf Jahren neu erstellte solar-gekühlte Lagerhaus der Gutknechts. «So können wir Ernteausfälle als Folge von Starkniederschlägen oder den unberechenbaren Trockenphasen besser überbrücken», erklärt Gutknecht. Und natürlich könne man auch auf Preisschwankungen besser reagieren, sagt er augenzwinkernd.

Hohe Kosten für Schutznetze

Wie wichtig ist der Anbau auf den ursprünglichen Freiland-Parzellen im Seeland? Im Vergleich zu früher bauen die Gutknechts dort nur noch auf zehn von 40 Hektaren Anbauflächen Gemüse an. «Die Kosten für die Schutznetze sind trotz anständigen Abnahmepreisen für das Gemüse und die Honigmelonen hoch», sagt er. Auf dem Rest der Fläche wachse deshalb vor allem Gras und Blumen als Nützlingsweide, weil das Risiko von Erosionsverlusten in offenen Ackerkulturen wenn es wieder einmal so richtig schütte zu gross sei. Mit Zuckermais habe er es zwar auch schon versucht, doch der Anbau sei im Freiland schwierig und teuer, weil er praktisch täglich bewässert werden müsse. Unter den Schutznetzen bei den anderen Gemüsekulturen in den Rinnen hingegen, sei die Bewässerung automatisiert und extrem effizient. Zudem seien die Erträge nicht nur wegen der stetigen Verbesserung der Sorten in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen: «Der CO2-Gehalt in der Luft ist heute deutlich höher», sagt Gutknecht. Und das begünstige das Wachstum positiv.

In den nächsten Jahren will er weiterhin in Technologie investieren. Sorgen bereitet ihm, dass Wasser selbst im ehemaligen Wasserschloss Schweiz mittlerweile sehr knapp geworden sei: «Ich hoffe, dass wir dieses Problem auch irgendwie technisch lösen können».


Mögliche Auswirkungen des
Klimawandels auf den Gemüsebau

  • Erosionsschäden wegen Stark-regen oder Trockenheit
  • Starke Ertragsschwankungen
  • Wasserknappheit
  • Fehlende Frostgare wirkt sich negativ auf die Bodenbearbeitung aus
  • Winteranbau von Gemüse wird wegen mildem Klima zum Normalfall
  • Höhere CO2-Gehalte in der Luft begünstigen das Wachstum
  • Wärmeliebende Schädlinge wie Blattläuse oder Milben vermehren sich schnell
  • Andere Schädlinge wie die Möhrenfliege verlieren an Bedeutung wegen der Sommerhitze
  • Starke Preisschwankungen wegen unberechenbaren Wetterkapriolen
  • Sinkender Energiebedarf bei Gewächshäusern

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